Full text: Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik - 15.1908 (15)

1 Philogophisches 285 
 
Seit zehn Jahren in erschreckender Weige zu. Der AntfimilitariSmus wird 
in Zeitungen und öffentlichen Versammlungen gepredigt. In Paris hält 
man öffentliche Vorträge, um die Kunst zu lehren, 80 wenig Kinder zu 
haben, als man will. Das »Zweikindersystem« oder 80gar das »Kein- 
kindersysStem« kann ein Jeder für wenige Pfennige lernen.) 
Woher kommt nun dieges Abnehmen der privaten und Sozialen Sitt- 
lichKeit in Frankreich? 
Die Alten, die Verteidiger der alten Angehauungen, die »Kinder der 
Tradition«, wie Sie Bureau nennt, haben die Bedürfnisse der neuen 
Generationen nicht verstanden und jede Evolution, jeden PFortschritt igno- 
rieren, wo nicht verdammen wollen. Anstatt die Entdeckungen der mo- 
dernen Wigegenschaften zu benützen, haben Sie allzuoft die reine Wisgen- 
Schaft als Solche verdammt und von einem Bankrott dergelben (banqueroute 
de la gcience, Brunefiäre) gesprochen. 
Umgekehrt haben die Jungen, die Neuerer, die »Kinder des neuen 
Geistes« (les enfants de V'esprit nouveau), in ihrer ausschließlichen Be- 
wunderung für alle pogitiven Wiggengchaften, die moraliSche und religiöse 
Bildung des Kindes aus den Augen verloren. 
Beide Parteien, die Jungen ebenso wie die Alten, haben vergessen, 
das innere Leben zu verbesgern, das Individuum als Solches zu heben, 
und ein gewisger Pharisäismus bat in beiden Lagern die wahre Sittlich- 
keit und die Religion ergetzt. 
Da liegt, nach Bureau, der Hauptfehler der modernen Erziehung in 
der heutigen franzögischen Gegellschaft. Da liegt auch das Heilmittel, das 
Bureav empfehlen möchte. Gegetze und allgemeine Vorgchriften werden 
niemals genügen, um die Sittlichkeit eines ganzeu Volkes zu heben. 
Man muß vor allem das Individuum, das innere Wegen eines 
jeden Bürgers moralisch heben. Man muß Jedem einzelnen Kinde 
gittliche und religiöge Grundsätze einprägen. Denn in Bureaus Augen 
ist mit Recht die religiöse Bildung vom moralischen FYortschritt nicht 
zu trennen, 
Es ist nicht möglich. in einer kurzen Rezengion ein vollständiges 
Bild des umfangreichen Werkes zu geben. Das ganze Buch 18st außer- 
ordentlich gchör geschrieben. Die Sprache ſfließt höchst klar und elegant. 
Bei der Lektüre wird man wirklich gepackt. 
Bs wäre gehr zu wüngchen, daß das 80 bedeutende Werk auch ins 
Deutsche übergetzt werden könnte. Ich bin überzeugt, der Verfasger 
würde leicht die Erlaubnis dazu erteilen. Wer könnte behaupten, daß ein 
Solcher Mahnruf, besonders was die Alkohbolfrage betrifft, nicht auch im 
heutigen Deutschland von Nutzen gein könnte? 
„oo 1 Prof. Dr. H. Schoen. 
1) Die Tatgache ist richtig. Ich habe Selbst, vor wenigen Wochen, die An- 
Schlagezettel Sehen können, die zu einem Solchen Vortrage im Gebäude des Hötel 
des Societes Savantes (rus Serpente) einluden. In dieser Versammlung, die abends 
1/,9 Uhr stattfand, konnte ein Jeder, Mann und Frau, Jüngling und Jungfrau für 
75 centimes (= 60 Pfennige) in Jene Kunst eingeweiht werden. Offen gegagt, es 
bat mich Sebr gewundert, daß Solche Vorträge in Paris nicht verboten werden.
	        
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