Full text: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts - 5.1915 (5)

 
146 Ziegler über Hierl: Die Entstghung der neuen Schule. 
„Geschichte“ nennen; denn es Sind lediglich aus dem Zusammenhang ge- 
riSgene dieta probantia für das, was zu der neuen Schulbewegung paßt 
und Stimmt; was dagegen nicht Stimmt, bleibt weg; welches Gewicht das 
Angeführte ſür die Gesamtanschauung eines Goethe oder Jean Paul hat, 
das erfahren wir nicht, und das ist doch bei Goethe 80 leicht nicht zu 
bestimmen, ist aber für das Verständnis und für den Wert des einzelnen 
Diktums gerade bei einem Dichter fast gar die Hauptsache. Und das 
Soll nun der Weg zu einer wisgenschaftlichen Gegschichte der Pädagogik gein! 
Da gehe ich doch lieber wieder mit Verrina „zum Andreas“. Nur zwei 
Punkte geien hier noch herausgehoben. Auf S. 169 heißt es: „Übrigens 
hat Deutschland noch einen begonderen Grund für gich, wenn es in der 
Krziehungsaufgabe [hinter Frankreich, England, Skandinavien und den 
Slaven] zurückblieb: eben jene militärisch -politischen Leistungen“, die 
„die vorhandenen Kräfte in Anspruch nahmen“. Dagegen protestieren 
wir nicht bloß heute während des Krieges, Sondern vorher und nachher 
im Glauben gerade auch an die zittlich erzieherische Wirkung ungerer 
militärisSchen und politisSchen Leistungen. Scharnhorst und Gneisenau, 
Moltke und Hindenburg Scheinen mir größere Pädagogen als Ellen Key 
oder als "Tolstoi. Und erstaunt ist man vollends, wenn man nach den 
Individualisten Nietzsche und Schrempf nun auch den Sozialisten Pestalozzi 
preisen hört, von dem der bekannte Vergleich des Unterrichtswegens mit 
den drei Stockwerken eines Hauses beifällig zitiert und dessen Einfluß 
gerade auch auf Gneisenau hervorgehoben wird. In dieser „ungewöhnlichen“ 
Geschichte der Pädagogik taumelt wirklich alles durcheinander; der Himmel 
bewahre uns daher vor dieser Art oder Unart Geschichte zu treiben! Sie 
iSt nach dem. Uhlandschen Rezept gemacht: „Wer Suchen will im wilden 
"Tann, Manch Waffenstäck nuch finden kann!“ 
Überraschend ist, wie Schon angedeutet, endlich noch der Schluß. Hier er- 
wartet man das Programm für die Zukunft der neuen Erziehung. Statt desgen 
bekommt man erst zu hören, daß „die Erziehung immer mehr eine Erziehung 
durch WissSenschaft und zur Wisgenschaft werden wird“, und wird daneben 
trotzdem ermahnt, man Solle die Jugend mit der Wisgenschaft verschonen, 
-- „Soweit als wir dabei nur die Vähigkeit herauskommen gehen, nach 
wisSenschaftlicher Methode leeres Stroh zu dreschen!“ Und dann wird auf 
drei Seiten die Frauenfrage besprochen, wobei den Frauen versprochen 
wird, daß Sie nicht mehr 80 Sehr durch Schwangergschaften in Anspruch ge- 
nommen werden Sollen und infolgedessen mehr Zeit und Kraft für die 
Kulturarbeit haben werden. Ich fürchte, H. kann trotz des Zurückgehens 
der Kindersterblichkeit dieses Versprechen nicht halten; denn einstweilen 
kanm man ohne Schwangerschaft nicht gebären, und den Geburtenrückgang 
wollen wir nach dem Krieg doch lieber wieder dem gepriesgenen Westen über- 
lassen. Dagegen klingen die zwei Sätze allerdings programmatisch: „FErst 
einst, nach Jahrhunderten, wenn die gegenwärtige überstürzte Hingabe an 
die Wissgenschaft nicht mehr herrschen wird, dann wird auch die gegen- 
wärtige Schulreform mit ihrer einSeitigen Betonung der außerwissenschafſt-
	        
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