Full text: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts - 5.1915 (5)

Gerlach: Das Schuldrama des 18. Jahrhunderts usw. 95 
 
deren Unterrichtsziel in Beredsamkeit und zwar im „Redenkönnen in 
klasSischem Latein“ bestand. Als Lehrer des rhetorischen Stils galt Cicero, 
als Lehrer des poetischen Vergil, als Lehrer der Umgangssprache '"Perenz. 
Von diegem Gesgichtspunkt aus wurden die Komödien des Terenz, mitunter 
auch die des Plautus, auswendig gelernt, mit verteilten Rollen deklamiert 
und anfgeführt.?) 
Daneben verfolgte man eine moralisch-pädagogische "Tendenz. Die 
meisten nahmen an "Perenz keinen Anstoß, ja hielten ihn S80gar für einen 
„Lehrer der Sitten“, aus der Anschauung heraus, daß durch Vorführung 
des Lasters vorteilhaft auf die Zöglinge eingewirkt werden könnte, Auf 
diesen Standpunkt stellten Sich auch die Reformatoren Luther und Melanch- 
thon.*?) --- Schon frühzeitig entwickelte Sich daneben das deutSche Schul- 
drama in Jlateinischer Sprache. Auch hier verfolgte man das doppelte 
Ziel: vor allem formale Ausbildung und innere Sittliche Kräftigung. 
Was die Stofffrage anbetrifft, 80 Standen im Schuldrama des 16. Jh. 
zunächst biblische Stoffe im Vordergrund. Etwas Später fanden dann 
auch antike Stoffe Beachtung. In den Zeiten der religiögen Kämpfe wurde 
das Schuldrama zur Kanzel, von der herab man „die konfesSionellen Stand- 
punkte zu festigen“ Suchte. Neben der lateinischen bediente man Sich 
hierbei nach und nach der deutschen Sprache. Bald führte man Über- 
Setzungen auf, bald kam dasselbe Stück in lateinischer und deutscher 
Sprache unmittelbar nacheinander zur Aufführung. Daveben entstanden 
neue wtücke in deutscher Sprache, die das Schuldrama in lateinischer 
Sprache mehr und mehr zu verdrängen begannen. 
In der zweiten Hälfte des 17. Jh. erschienen in Deutschland neue 
Bildungsziele. Der „vielseitig gebildete, zu praktischen Zwecken erzogene 
Weltmann“ wurde zum Ideal. Auf Realien und deutsche Oratorie richtete - 
man in der folgenden Zeit in erster Linie Sein Augenmerk. Diese neuen 
Ziele kamen nun auch im Schuldramo, zum Ausdruck. Kine Realenzyklopädie 
in dramatischer Form (8 Janualdramen) Schrieb Comenins; Stücke mit der 
'Vendenz, dem Schüler einzelne Wisgenszweige zu übermitteln, erschienen 
in reicher Zahl. -- Um das Aufblühen der deutschen Oratorie machte 
Sich besonders Christian Weise verdient. „Die Beredsgamkeit nach den 
Bedürfnissen der lebendigen Gegenwart zu lehren, 30 wie 8ie Aristoteles 
und Cicero lehren würden, wenn Sie in dieger Zeit lebten, also Seine Zög- 
Jinge 80wohl für geistliche wie für weltliche Reden an Höfen wie in 
bürgerlichen Verhältnissen 80 zu Schulen, daß Sie, im Begitz einer rhetorica 
univergalis, jeder Gelegenheit gewachsen Seien“,*) war Seine Absicht. Als 
Mittel hierzu diente ihm neben andern Redeübungen vor allem das Schul- 
- drama. Die "Tendenz, durch Aufführungen Sicheres Auſtreten und Ge 
!) M. Herrmann, Mitt. d. Ges. für dtsch. Erz.- u. Schulgesch. 3, 8. 1 ii. 
-- Creizenach 2, 8. 88f. 
2) Holstein g. 31 1. 
3) O. Kaommel, Weise, ein gächgischer Gymnasialrektor aus der Reform- 
zeit des 17, Jahrb. Leipzig 1897. 8. 49. 
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