Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

106 Kleine Beiträge und Mittellungen 
der Umwelt, die Einbeit zwischen Welt und Gott ist zerbrochen; andererSgeits 1st 
Junge Mensch noch nicht völlig gebunden an konkrete irdische Notwendigkeiten 
und Zwecke; er hat die Wirklichkeit noch nicht als Grenze entdeckt, und Ernst 
und Spiel Sind noch nicht völlig auseinandergetreten. Auf dieser Schwelle liegt die 
Entdeckung des eigenen Ich, die starke Hinweisung zu den konkreten Gestalten 
des Lebens und zugleich das erste Erleben von der Zwiespältigkeit und dem 
Kampfcbarakter des Lebens. 
4. Das Stark erwachende Interesse an den Gestalten der Welt und des Lebens 
trägt in Sich die Gefahr, daß dahinter die Frage nach einem letzten Sinnzu“- 
Sammenhang und die Bereitschaft, einer göttlichen Wahrheit zu gehorchen, über- 
haupt erstirbt. Diese Rolle kann Sowohl die erwachende Körperlichkeit (einerseits 
Sport, andererseits geschlechtliche Triebhaftigkeit) und der Anspruch des jJugend- 
lichen Ich, als auch die außermenschliche Natur (Naturwissenschaft und Technik) 
oder die Soziale Umwelt (50 vor allem die proletarische Jugend) übernehmen. 
5. Ganz bestimmte Seiten des Jugendlichen Erlebens Sind geeignet als Ausgangs- 
punkt und Veranlassung religiöger Erlebnisse: das Erwachen bewußten Eigenlebens 
in Leib und Seele, das Erlebnis der Natur, die Begegnung mit dem anderen 
Menschen überbaupt und mit dem anderen Geschlecht insonderbeit, können ein 
Starkes religiöges Vorzeichen gewinnen. Darum kann und wird 80 oft der Schöne 
Leib, die Natur, oder die Persönlichkeit des Führers wirklich gläubig, d. h. als 
Offenbarungsstätte einer verpflichtenden göttlichen Wabrbeit erfahren, In dieser 
Möglichkeit Liegt aber die Ständige Gefabr, daß die Gegenstände des Starken neuen 
Erlebens nicht gebeiligt, Sondern heilig gesprochen, nicht gläubig empfangen, 
Sondern zum Götzen gemacht werden. Darum ist der Junge Mensch in besonderem 
Maße empfänglich für Religionsergatz: Körperkultur, Naturromantik, Eros, Ge- 
meinschaft, völkische Idee, Sozializmus und äbnliches. 
6. Umgekehrt wurzelt der Zwiespalt des Jugendalters zu tiefst in dem Gegensatz 
zwiSchen der erfahrbaren Wirklichkeitswelt und einer geahnten und geglaubten 
Wahrbeit; und Je weniger der Junge Mensch zich in diese Wirklichkeitswelt Selbst 
binein gebunden weiß, desto ungehemmter kann er Sich dem Eindruck dieses 
Gegensatzes hingeben. Diese Wirklichkeit liegt ebenso in dem Jungen Menschen 
Selbst wie in der Welt außer ihm und wird von dem Einen mehr bier, von dem 
Anderen mehr dort empfunden. Aus der Erfahrung von eigenem Versagen speist 
Sich immer wieder das Wissen um eine unbedingte Forderung; an die Eindrücke 
einer feindseligen und lebenzerstörenden Welt der praktischen, endlichen Zwecke 
(Wirtschaft) knüpft Sich die Erwartung einer neuen Sinnerfüllten Welt, des 
„Reiches Gottes“. 
Auch damit ist eine besondere Gefahr gegeben: Diese an dem Widersprucb zur 
Wirklichkeit Sich entzündende Religiosität kann zu einer Entschuldigung mangeln- 
der Weltgestaltung, also zu einer Ersatzbildung für das Leben Selbst und zu einer 
Form jugendlicher Abwebrstellang werden; Schwelgen in Sündengefühlen, anderer- 
Seits Flucht in eine religiöse Begriffs- oder Gefühlswelt, in einzelnen Fällen auch 
Neigung zu einem rein „jJenseitigen“ Reden von Gott und Ewigkeit können die 
Anzeichen jugendlicher Lebensschwäche Sein. 
7- Weil das erste Zusammentreffen mit dem Wirklichkeitsleben für den jungen 
Menschen einen ernsthaften inneren Bruch und eine tiefe Erschütterung bedeuten 
kann, iSt dem Jungen Menschen das Erlebnis der „Sünde“ und damit das zentrale -
	        
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