Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Schrifttum 107 
 
Verständnis des Christentums keineswegs verschlossen. (Nur wird diese Lage des 
Jungen Menschen 80 oft von den Selbst unerschütterten Erwachsenen nicht be- 
merkt oder nicht ernst genommen.) Dagegen ist allerdings dem Jungen Menschen 
die geschichtliche Seite der Religion und meist auch die Religion als Trost zu- 
nächst verborgen; um so zugänglicher ist ihm der in dem Christenium liegende 
Aufruf zu Tat und Kampf und die in der echten Gottesberübrung liegende Nöti- 
gung zur Umgestaltung der Welt. 
8. Darum wird es eine wesentliche Aufgabe der religiöSen Erziehung Sein, nicht 
etwa durch betonte Religiosität den jungen Menschen von der Aufmerksamkeit 
und Verantwortung für die konkrete irdiseche Wirklichkeit abzuziehen (woraus 
eine dauernde Verkümmerung des Lebens erwachsen kann), ihn aber ebensowenig 
in der Erfahrung der Sichtbaren Welt stecken zu lassen, Sondern vielmebr ihn zu 
einem letzten Ernstnehmen, und das heißt, zu einer gläubigen Betrachtung zu 
erziehen. Die dabei zu erwartenden Erschütterungen dürfen nicht in der Theorie 
vorweggenommen, Sondern müssen, wenn sie Wirklichkeit werden, von einer 
letzten Wahrheit (Chbristusglaube) aus gedeutet werden. (Fortsetzung folgt.) 
x * 
Schrifttum. 
Sammelreferat über die Schriften Theodor Litts. 
Theodor Litt, Individuum unrd Gemeingehaft. Grundlegung der Kultur- 
Pbilosopbie. 3., abermals durchbgearbeitete und erweiterte Auflage. B. G. Teubrer. 1926. 
Geb, M. 11.--, geb. M. 13.--. 
Unter den Kulturphilosophen, die das Erbe W. Diltheys verwalten und weiterführen, 
nimmt Tb. Litt durch die begriffliche Klarheit, Systematische Geschlosgenheit und 
Formsgicherheit Seiner Werke eine bedeutende Stellung ein. In dem Pphilosophischen. 
Hauptwerk „Individuum und Gemeingehaft“ bat er eine Grundlegung der Kultur- 
pbilosophie geschaffen, die die Prinzipien der Erkenntnistheorie der Geisteswissen- 
Schaften entbält und Sich in der 3. Auflage zu einer umfasSgenden Metapbysik des 
Welterlebens ausweitet, Wollten wir den systematiscben Willen, imit dem Sich bier 
lebbafteste Antellbahme an dem Kulturellen Gesamtleben der Gegenwart in Energie 
des Denkens umgegetzt hat, am Werden diezes Werkes von Auflage zu Auflage ver- 
folgen, 80 bedürfte es einer besgonderen Untersuchung; nur 80 viel 8ei angedeutet, daß 
die 1. Auflage von „Individuum und Gemeingehaft“ (1919), die Sich im Untertitel 
„Grundfragen der 80ziologischen Theorie und Etbik“ zubenrennt, unmittelbar aus dem 
Erleben des Weltkrieges und der Revolution bervorgegangen und auf die Rettung 
des tief yerwundeten Sozialen Körpers gerichtet ist. Der Ausgang von Schweren Pro- 
blemen der Zeit eignet übrigens tast allen Schriften Th. Litts; man denke z. B. an 
„Gescbichte und Leben“ oder an „Erkenntnis und Leben“. Jedoch in der Art, wie 
von einer konkreten Zeitfrage Sofort die Wendung zu rein wisSenschaftlicher Problem- 
behandlung genommen und das Ganze zu prinzipieller Fragestellung erhoben wird, 
unterscheidet Sich Litt von ähnlich gerichteten Denkern der Gegenwart grundlegend. 
Die Kingicht, daß jede voreilige Verbindung allgemeiner theoretischer Erkenntnisse 
mit praktischen Tendenzen und Zielsetzungen der Lebepswirklichkeit unweigerlich. 
zu einer Verwischung der Fragestellungen führen muß, 1st es Ja gerade, die den metho- 
discbhen Fortschritt von der 1. zur 2. und 3. Auflage von „Individuum und Gemein- 
Schaft“ gebracht hat. Zu den verbängnisvollen Irrtümern ungerer Zeit gehört die Mei- 
nung, daß eine reinliche Scheidung der wisSsepsSchaftlich-betrachtenden Geisteshaltung 
von der praktischen Zielsetzung und Willenshaltung das Lebep. um der Ertrag des 
wiSSenschaftlichen Denkens bringe: genau das Gegerteil ist der Fall, wie Litt in 
„Erkenntnis und Leben“ nachgewiesen bat. Von dieser Grundüberzeugung aus ist 
Seine Streng wiSsenschaftliche Haltung in aktuellen Gegenwartsfragen, geine kultur 
philosophische und -pädagogische Einstellung«» auf weite Sicht zu verstehen und zu 
würdigen. Wir baben es pacbgerade zur Genüge erlebt, daß Sich Wissenschaftler in
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.