Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

108 Schrifttum 
 
der verwirrenden Fülle der Gegenwartsprobleme verlieren oder durch brennende Tages- 
fragen fortwährend aus der Bahn werfen lassen. Und jene Grundhaltung beruht bei 
Litt nicht auf einer Verengerung des Blickfeldes oder Geringschätzung der vollen 
Lebenswirklichkeit, Sondern gie ist das Ergebnis jenes umfassgenden wissenschaftlichen 
Verstehens, das auch das „Andere“ und Negative“ in Seine Betrachtung einbeziehen 
und als ein Sinnvolles, notwendiges Moment im Kulturgeschehen begreifen kann. Man 
darf daber Litts kulturphilosophisches Denken mit A. Vierkandt universalistiech nennen, 
freilich nicht in einem metapbhysischen, Substantiellen Sinne wie etwa O. Spanns „Ge- 
Sellschaftslehre“ universalistiScch genannt werden muß, Sondern in dem methodisch- 
funktionalen Sinne, der die geistigen Erscheinungsformen des individuellen und 
kollektiven Lebens von Anfang an in ihrer Wesensverknüpfung erfaßt und mit den 
Eingichten und Begriffen phänomenologiSscher Betrachtungsweise heraugarbeitet. 
Auf diesgem Wege gelangt Litt zu folgender Erkenntnis über das Verhältnis von 
Individuum und Gemeinschaft: Individuum und Gemeinsgcbaft gind nicht zwei getrennte 
„Seiten“ einer geistig-gesellschaftrlichen Lebepsgeinheit, wie uns die Gezgellschafts- 
theorien, die die eine Seite des Verhältnisses yerdinglichen oder absolut getzen, glauben 
machen möchten; die phänomenologische Strukturanalyse erkennt vielmehr in diesem 
Gegensatzpaar zwei gegensgeitig bedingte und gich immerwährend bedingende „Pole“. 
Allerdings vermag die formale Logik eines diskursiven oder gar verräumlichenden Denkeps 
den korrelativen Befund, den wir in den Gegensatzpaaren Individuum -- Gemeingchaft, 
Ich -- Du, Leib -- Seele, Erlebnis, Ausdruck --. Verstehen, Bewußtseinsprozeß -- Be- 
wußtseinginbalt usw. vor uns haben, nicht aus Seiner Starren Gegensätzlichkeit zu be- 
freien. Dazu bedarf es eines dialektischen Denkens, das auf zich gelbst refßfektiert und 
Seine eigene Bewegung „nicht im Regultat vergißt, Sondern gie in das Regultat als 
notwendiges Moment aufnimmt“. Immer wieder tritt in Litts Bucbe bei der Heraus- 
arbeitung eines Systems gleichbleibender Grundbeziehungen der geistigen Welt als 
beherrschendes Prinzip jene Identität hervor, „die die Unterscheidung des Gegenstandes 
und Seiner gedanklichen Reprägentation aufhebt“. Die Denkakte, „die Sich auf einen 
von ihnen geschiedenen Gegenstand richten, Sind in Wahrheit mit der Gegenstands- 
welt eins, die in ihnen intendiert ist.“* Das bedeutet für das Verhältnis des geistes- 
wisSSenSchaftlichen ObJektes zu Seinem zugehörigen (verstehenden oder erkennenden) 
Subjekt: Die Verfahrungsweisen, Planungen und Gestaltungen des GeisteswisSen- 
Schaftlers Sind zugleich die Stadien, in denen der Geist zu Seiner vollen Wirklichkeit 
gelangt. Diegelbe Theorie also, die die Struktur der geisteswisgenschaftlichen ObjJekte 
untersucht, gibt uns auch Aufschluß über das Gefüge der geistigen Akte im Sub- 
jekt. -- Hier liegt der wichtige Beitrag zu einer 8chon von Dilthey angestrebten 
„Kritik der bistorischen Vernunft“, den dieses Werk gibt. Über die Begriffsbildung, 
die Eigenart der Forschungsmethode und den logiscben Charakter des bier angewandten 
Denkverfabrens legt das Werk Rechengebaft ab, das der 2. Auflage von „Individuum 
und Gemeinschaft" zeitlich yorausging. 
Litt, Erkenntnis und Leben. Untersuchungen über Gliederung, Methoden und 
Beruf der WisSenscbaft. B. G. Teubner, 1922. Kart. 4,20 M., geb. 4,80 M. 
Ausgebend von der die „Revolution der Wissenschaft“ bewegenden Frage: Welche 
Stellung nimmt die Univergität im Kulturleben der Gegenwart ein? wird das Verbält- 
nis von Erkenntnis und Leben unter Zurückstellung gefüblsbestimmter Meinungen 
und zeitbedingter Forderungen durch Besinnung auf die metbodischen Prinzipien der 
Wisgssenschaft und ihre BegriffsSbldang untersucht. Eine einleitende Betrachtung Yo 
Platon bis zur Gegenwart zeigt, daß die Entwicklung von Gesellscbaft und Wissen- 
Schaft, Leben und Lehre immer weiter auseinanderfübrt. Will mav das Verbältnigs 
der einzelnen Wisgenschaftsgebiete zum Leben untersuchen, 80 muß die Problematik 
dieses Verbältnisges nach in der Sache liegenden. Notwendigkeiten erkannt und ab- 
gestuft werden. In dieser Absicht stellt Litt, die in der Zwischenschicht liegenden 
Disziplinen Biologie und Psychbologie beiSeite lassend, die beiden großen WisSenschatts- 
gebiete NaturwisSenSchaſten --- GeisteswisSenschaften einander gegenüber und arbeitet 
bre begriffliche und metbodische Eigenart heraus. Während das Objekt naturwissen- 
Schaftlicher Erkenntnis von der konkretep Individualität unabbängig ist, gebt die voll- 
lebendige Individualität in das Objekt der GeisteswisSenschaften ein, d. D., traDs- 
zentendal-pbhilogopbhiscbh gewendet: In den Geisteswissenschaften gind die Bedingungen 
der Möglichkeit der Erkenntnis der geistigen Welt zugleich die Bedingungen der 
Möglichkeit der geistigen Welt überhaupt. Ergebnis: Was die Wisgenschaft dem 
Leben zu geben vermag, Sind vicht Zielsetzungen und Regeln, es ist yielmehr nur 
Klärung, Ordnung, Regelung. Gerade diejenige Wisgsenschaft, die durch die struktur- 
tbeoretische Betrachtung zum Bewußtgein ihres Wegens gelangt ist, wird in Wweliger
	        
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