Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Typen vorschulpflichtiger Kinder 357 
Die Bedeutung der Individualität des Kindes für Seine Erziehung ist Ja ein 
recht altes, von vielen Seit langem als banal angesehenes Thema. Nur gelten mehr 
fällt es Jemandem ein, dasselbe mit den pädagogischen Problemen der Gegenwart 
in Verbindung zu bringen, besonders, Soweit es Sich nicht nur um pädagogische 
Reflexionen, Sondern um tatsächliche pädagogische Aufbauarbeit handelt. Doch 
haben wir allen Grund anzunehmen, daß dieses Problem Seinem innersten Wesen 
nach eine unvergängliche Bedeutung besitzt und gegenwärtig von desto größerer 
Wichtigkeit ist, als der Weg zur Lösung der ernsten, von der Jetztzeit in den 
Vordergrund gerückten Aufgaben eben über dasselbe führt. In dieser Über- 
zeugung werden wir vor allem durch die Erwägung bestärkt, daß die Erziehung 
des Sozialen Individuums, die Aufgabe, der wir zur Zeit 80 hoffnungsvoll ent- 
gegenstreben, 80 lange nicht auf Sicherer Grundfeste beruhen wird, als bis wir 
den Werdegang der individuellen Entwicklung des Menschen vollkommen erfaßt, 
Seine individuellen Eigenschaften vollständig in Rechnung gezogen haben werden. 
Es darf ferner nicht außer Acht gelassen werden, daß, trotzdem es den Anschein 
hätte, als Sei die Bedeutung dieses Problems Seit langem, ja Seit den ältesten Zeiten 
erfaßt worden, Seine praktische Lögung in Erziehung und - Unterricht dennoch 
bis heutigentags nicht gefunden worden 1ist. In Seiner ganzen Größe ragt es auch 
gegenwärtig vor uns auf. Es ist dies daraus zu erklären, daß die praktische 
Lösung dieser großen Frage nicht durch „Intuition“, durch besondere Genialität 
des Pädagogen gefunden werden kann, Sondern nur durch eine entsprechende 
Organisation des pädagogischen Piozesses, wie 816 weder in der VYergangenhbeit 
bestanden bat, noch in der Gegenwart zu finden ist und deren bezeichnendster 
Zug die Anwendung der Erforschungsmetbode in der Arbeit des Pädagogen an 
den Kindern ist1. Die Organisation des pädagogischen Prozesses auf dieser Grund- 
lage muß mit Notwendigkeit eine durchgreifende Änderung desselben herbei- 
fübren, und erheischt von dem Pädagogen, als eine notwendige Voraussetzung, 
ganz andere Mittel, als die, welche ihm gewöhnlich zu Gebote stehen, und mit 
denen er von der hn ausbildenden Schule ausgerüstet wird. Eben desbalb, an- 
gesichts der außerordentlichen Schwierigkeiten, die den VYormarsch hemmen, 
halten wir es für geboten, immer und immer waeder auf die Bedeutung dieses 
Problems hinzuweisen, Jede bezeichnende Jatsache in diesem Sinne zu ver- 
werten, um endlich die zur Überwindung aller Schwierigkeiten -- mögen diese 
auch noch 50 große Sein, notwendigen Kräfte wachzurufen. 
Es ist allgemein bekannt, daß eine vollkommen gleiche Umgebung die einzelnen 
Kinder verschieden beeinflußt, daß z. B. dieselbe Vorstellung des Kinder- 
theaters von zwei gleichaltrigen Kindern mit ganz verschiedenen Eindrücken, mit 
ganz verschiedenen pädagogischen Ergebnisgen verlassen wird. Alle haben Sich 
daran gewöhnt, wie an die alltäglichsten Erscheinungen. Und eben weil diese Er- 
Scheinungen 80 alltäglich Sind, bleiben unsere Gedanken gewöhnlich nicht an 
ibnen baften, wir geben. an ibnen vorbei, Und docb. ist der Gedanke nicht von der 
 
1 8. M. Bass0Vv, Die Erforschungsmetbode in der Arbeit des Pädagogen, im Sammel- 
werk M. Bassov, F. Seiliger, M. Levina. Der Pädagoge und die Erforschungsarbeit an 
den Kindern. (M. BacoB, Mcckez0BaTeIberuni MeToZ B PAaboTe IECISrOIA =, B 
C60pEIKe „M. BacoB, E. Zeiaprep u M. JeBgpaa, -- Wezaror 1 HGCJeJ0BATeIh- 
CKAXL PaGbOoTA Has JeTEMY“. Tocya. HM33-Bo, Jepuprpaa, 1925).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.