Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Das Hilfsschulkind 435 
 
zu üben, und so Legen, Schreiben und Rechnen nicht lernt, dann gehört das 
Kind auch nicht in die Hilfsschule. 
Das Charakteristikum des Hilfsschülers ist nicht, daß er Legen, Schreiben und 
Rechnen in der achten oder Siebenten Klasse nicht lernt, Sondern daß er diese 
Schuldisziplinen auf Grund Seiner inneren Anlage nicht erfüllen kann. Deshalb 
kennzeichnet Sich die Hilfsschule als eine heilpädagogische Anstalt für Kinder, 
die auf Grund ihrer psychischen Störungen so Starke Schwierigkeiten bereiten, daß 
Sie nicht in der allgemeinen Volksschule verbleiben können. 
Somit ist auch nicht Aufgabe der Hilfsschule, durch Nachbilfeunterricht Er- 
folge im Lesen, Schreiben und Rechnen zu erreichen, Sie hat vielmehr die 
Ursachen zum Mißerfolg aufzudecken, also die Störungen der psychischen Funk- 
tionen zu erkennen und diese durch besondere heilpädagogische Mittel zu behandeln. 
Die Ursache zum Mißerfolge in der Volksschule müssgen Störungen der psy- 
chischen Funktionen sein. Es handelt Sich dabei um Störungen der Aufmerksam- 
keit, der Merkfähigkeit und der assoziativen Prozesse. 
Kinder, bei denen alle diese Funktionen in höchstem Maße gestört Sind, Sind 
nicht Schwer zu erkennen. Sie fallen Jedem Lehrer Sofort auf, und ohne weiteres 
erkennt er Sie als die Kinder, die aus der allgemeinen Volksschuls auszuscheiden 
haben. 
Ich erwähne hier nur den typischen Fall, den Idioten. Idioten Schwersten 
Grades, die vollständig teilnahmslos Sind, denen die elementarsten Vorbedingungen 
zur geistigen Entwicklung feblen, ist auch die Hilfsschule verschlossen. Die 
Merkzeichen für Schwerzste Idioten Sind 80 markant und drängen zich von Selbst 
auf, daß der Volksschullehrer niemals im Zweifel Sein kann, wohin er 31e ein- 
zuordnen hat. | | 
Anders verhält es Sich mit der Idiotie, die in Erkrankung der Schilddrüse ihre 
Ursache hat. Infolge Versagens der Schilddrüse zeigt Sich ein Zustand, der zich 
nicht allein Dach der geistigen Seite bin auswirkt, Sondern auch Dach der körper- 
lichen Seite hin. Der Lehrer muß diesen Zustand aber recht erkennen, damit er 
ibn nicht zu der boffnungslosen Idiotie zuzähblt. Durch Füttern mit Schilddrüge 
läßt Sich der Zustand beeinflussen -- bis zu welchem Grade, läßt zich niemals von 
vornherein Sagen --, 50 daß das Myxödem, wie die Erscheinung genannt wird, ab- 
gemildert, in einzelnen Fällen Sogar zum Verschwinden gebracht werden kann. 
Die pädagogische Behandlung kann aber Dicht im Rahmen der Volksschule vor- 
genommen werden, Überweisung an die Hilfsschule ist notwendig. Diese Individuen 
baben kleine, gedrungene Gestalt, das Längenwachstum ist gebindert, während 
das Breitenwachstum fast ungestört ist. Und So ergibt Sich eine plumpe, zwergen- 
bafte Gestalt. Die Haut erscheint aufgeschwemmt, die Augenlider vergrößert, die 
Finger klein und „wurstelg“. Die Hände füblen Sich kalt an, die Zunge quillt 
zwiSchen den Zähnen hervor und zeigt eine eigentümliche Zerfurchung. Die 
Beine Sind oft gekrümmt, und der Gang ist unsicher und watschelig. In der Regel 
Sind die Zähne Kkariös, das Gebiß unvollständig und deformiert. Die geistige 
Regsamkeit ist gering, und alle psychischen Funktionen Sind stark herabgesetzt. 
Diese Fälle wird der Volksschullehrer Sofort der Hilfsschule überweisen, die 
Kinder nicht erst ein oder zwei Jahre von der Aufnahme in die Schule zurück- 
weisen, denn eine Entwicklung zur Schulfähigkeit ist ausgeschlossen, und die 
Zeit, die das Kind von der Schule ferngehalten wurde, ist verlorene Zeit. 
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