Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

466 Heinz Werner 
 
einer Spätform des höheren Alters, die Sich in sScharfem Gegengatz zur 
„natürlichen“ Art der Umweltbetrachtung vollzieht. Aber gerade der Aufbau 
von einem echt kindlichen Gebhaben über die Frühform zur Spätform der 
Magie ist für die Entwicklungspsychologie, welche es mit genetischen Stufen 
zu tun hat, von fruchtbarster Bedeutung, -- 
Die Beispiele, die im folgenden über magieartige Handlungen und Denk- 
weisen gegeben werden, entstammen zum größten Teil einem Material, welches 
eine von Frl. Dr. Martha Muchow und mir geleitete Arbeitsgemeinschaft im 
Hamburger Laboratorium zusammengetragen hat. Mehr als im übrigen Ge- 
biet der PSychologie der frühen Kindheit ist man hier auf die Erinnerungen 
von Jugendlichen und Erwachsenen gegenüber freier Beobachtung der Kinder 
Selbst angewiesgen. 
Wenn wir finden, daß die Frühform des Magischen Sich noch wenig 
unterscheidet von echt primitiver Verhaltungsweise, es also oft im einzelnen 
Fall Schwer zu entscheiden 1st, ob das was vorliegt, bloß eine primitive oder 
Schon eine magische Handlung ist, 80 werden wir obne weiteres darauf ge- 
führt, daß überbaupt Magisches Sich nur innerbalb eimer bestimmten Seelischen 
Struktur entfalten kann, die wir als „primitiv“ oder „urtümlich“ bezeichnen 
und die Sich in verschicdener Art beim Kinde und beim Naturmenschen 
äußert. . 
Ein Hauptkennzeichen einer Solchen primitiven Struktur, das Vorbedingung 
für jede magische Haltung und Handlung 1st, iSt die größere Undifferen- 
ziertheit der Seelischen Äußerungen des Kindes. Diese Undifferenziertbeit 
zeigt Sich grundsätzlich : 1. in der geringeren Ungegliedertheit, im der „Dif- 
fusität“ des Erlebens und Handelns; kindliche Handlungen Sind ungeglie- 
derter, ganzbeitlicher als die des Erwachsenen. 2. in der geringeren Geschie- 
denheit des Ichs von der Umwelt, in dem gesteigerten Anteil der Subjektivep, 
affektiven Reaktionen an dem Aufbau der Umwelt.t | 
Eine Folge der „Diffusität“, dieser vielmehr aut die Totalität eines un- 
zerbrechlichen ZuSammenhangs eingestellten Handlungsform des Kindes 1st 
es, daß Jede gewohnte, wenn auch Doch 80 zufällige Sukzessi1on von Einzel- 
heiten eimer Handlung vom Kinde immerzu mit peinlichster Genauigkeit ein- 
gehalten wird. Wir wissen z. B., daß Kinder Schon im Säuglingsalter ver- 
langen, in der gewohnten Art angezogen, gefüttert, Schlafengelegt zu werden. 
Damit Sind wir auf eine Wurzel Jener merkwürdigen kindlichen Handlungen 
gestoßen, die man als ritusartig oder zeremonial bezeichnen kann. Die weitere 
Ausbildung Solcher gewohnbheitsmäßiger Verläufe führt zum Ritus, Sobald 
jede Unterlassung oder Veränderung der Handlungsform als Störend emp- 
funden wird, Sie führt zum magischen Ritus, Sobald eine Solche UnterlasSung 
gewohnheitsmäßiger Reaktionen als unbeilvoll, ihre Durchführung als irgend- 
wie Segensreich empfunden wird. Die ritusarigen Handlungen des früben 
Kindegalters bilden eine Unterstufe magischer Verbaltungsweisen ; im einzel- 
1 Vgl hierzu: Werner, Einfübrung in die Entwicklungspsychologie. Leipzig, Barth 1926. 

	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.