Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Über magiSche Verhaltungsweisen im Kindegalter 467 
nen Fall wird es hier immer schwierig Sein zu entscheiden, ob ein bloßes 
zeremonielles Bedürfnis, ob echte: magische BeeinflusSungstendenz vorliegt. 
Im Folgenden Seien einige Beispiele gegeben: Ein Kind hält vor dem 
Schlafengehen stets einen Zipfel Seines Kopfkissens in der Hand, ein anderes 
4Jjähriges Mädchen den Zipfel eines bestimmten Kleidungsstückes. Ein Junge 
legt im Alter von .3 bis 5 Jahren Sein Taschentuch unter die Wange, ein 
3Jjähriges Mädchen Sein Taschentuch über den Bettrand. „Als ich 5 Jahre 
alt war“, Schreibt eine Kinderpflegerin, „mußte mir meine Mutter Jeden 
Abend ein buntes Band im Bett in die Hand geben, es mußte aber immer 
eine leuchtende Farbe Sgein, Sonst schlief ich nicht ein.“ „Ich weiß“, teilt 
eine andere Dame mit, „daß es mir als Kind unmöglich war einzustdhlafen, 
wenn mein Vater oder meine Mutter nicht abends zu mir kamen, um mich 
mit der Decke einzuwickeln.“ Eine unmittelbare Beobachtung einer Kinder- 
pflegerin: „Die 3jährige Ise Schläft nicht eher ein, bis Sie mindestens 2 
bis 3 mal ihre Haarschleife ausgerissen bat. Sie Schreit 80 lange, bis jemand 
kommt und die Schleife wieder einbindet. Es muß aber die bestiminte rote 
Schleife sein. -- Ursula gibt Sich nicht eber zufrieden, als bis Sie ein Taschen- 
tuch fest in ihrer kleinen Faust zusammengeballt hat. Verliert gie es nachts, 
Stimmt sie ein fürchterliches Gebrüll an.“ Neben diesen formelhaften Ver- 
haltungen Spielen gesprochene Formeln vor dem Einschlafen oft eine Rolle: 
Mein Töchterchen, 4 Jahre alt, Sagt ausnahmslos allabendlich, Seit 8ie noch 
nicht 3 Jahre alt ist: „Gute Nacht, Schlaf Schön, träume Süß, Doch von einer 
Sauren Gurke, Muttel, Du Sollst mir mal wieder 'ne Saure Gurke kaufen.“ 
-- Ein anderes 6Jähriges Kind Sagte jeden Abepd ein Sprüchlein auf: „Taschen- 
fuch und Pucki (ein kleiner Bär) hab' ich, nun ist ja alles gut, die Mädchen 
Sind auf ihrem Zimmer, gute Nacht, gute Nacht.“ Dieser Brauch Setzte Sich 
bei diesem Kinde bis ins 10. Jahr fort. Typisch und allgemein Sind auch 
die dialogiSchen Spruchformeln vor dem Einschlafen. Jabrelang war bei 
2 kleinen Mädchen eine eigene Redezeremonie mit Selbsterfundenen Worten 
in Anwendung. Das Schlußwort lautete „Bogoscho“, es bedeutete „Gute 
Nacht“; danach durfte nichts mehr gesprochen werden, oder die ganze Zere- 
monie begann aufs neue. -- Ähnlich formelhaftes Gebaren zeigt Sich beim 
Abschiednehmen, beim Niesen, u8w.; Zz. B. hält ein Knabe mit begopderer 
Pedanterie darauf, daß nach einem Streit die Jungen Sich die Hand gaben 
und jeder von den Sstreitenden Teilen das Wort „gut“ Sprach. |S 
Weit tiefere Vorbedingungen magischer Verhaltungsweisen liegen in der 
wenig differenzierten (komplexen) Einheit von Umwelt und Ich: die Um- 
welt ist weniger Sachlich vom Ich getrennt, Sie ist vielmehr durch das Ich, 
Seine Affekte und Strebungen gestaltet. Ebenso ist aber auch umgekehrt das 
Ich in höchstem Maße gestaltbar und beeinflußbar durch die Umwelt. Die 
Folge der Ichhaftigkeit der Umwelt ist eine eigentümliche „Beseelung“ der 
Dinge derart, daß Sie aufhören, Starre und tote Gegepnstände zu Sein, zu 
wirkenden Wesgenheiten werden. So kommt es zu einer Personalisierung der 
30*
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.