Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

468 Zn - Heinz Werner 
 
Dingwelt; unter Umständen auch zu einer Dämonisierung, wenn das Erleb- 
nis der inneren Angst die Gegenstände zu furchterregenden, unheimlichen 
Schemen formt. Eine Personalisierung relativ harmloger Art berichten die 
Scupins von ihrem 2;3 Jahre alten Kinde: „Und da wird der Kanal die 
Treppe raufkommen und bringt dem Bubi viele Steindeln und da Schreit 
der Kanal: Hier haste Steindeln, wirf 8e mir mal rein.“ Echt dämonische 
Auffassungen dagegen treten auf Grund Solcher anthropomorpher Erlebnis- 
weisen auf, Sobald Affekte der Angst das Unheimliche der Umgebung zu 
gesStalten Suchen: von eben diesem 2;3 Jahre aiten Kinde berichten die 
Scupins: „Heute fanden wir das Kind im Halbdunkel des Schlafzimmers im 
Bette Sitzend. vor, die Blicke Starr auf den Ofen gerichtet: „Da, Ofen macht 
bäb; streckt die Zunge raus!“ Auch Katz berichtet in Seinem Buche „Ge- 
Spräche mit Kindern“ ein Beispiel dämonischer Erlebnisweise Seines 4Jährigen 
Söhnchens: „Der Vater Sitzt neben Julius, der in weicher, aufgeschlossener 
Stimmung die väterliche Hand Sstreichelt. Dabei stellt Sich ein Fingerchen 
krumm und kratzt ein wenig Vaters Handrücken. Julius ist darüber ganz 
erschrocken, frägt, ob es dem Vater wehgetan habe und erklärt dann: die 
Luft, also nicht er habe mit dem Finger gekratzt. Julius: „Ist die Luft 
böse?“ Yater: „Nein, die Luft 1ist nicht böse.“ Julius: „Aber warum hat sie 
mit dem Finger gekratzt? ...“ Solche Unbeimlichkeitserlebnisse, die Sich 
zu Gestalten verdichten, treten besonders häufig paturgemäß im nächtlichen 
Dunkel auf. Typisch iSt das folgende Beispiel: „So war es nachts, ich 
mußte regelmäßig nachts zur Toilette. Meine Großmutter ließ regelmäßig 
alle Stubentüren auf. Dann kam ich an fünf verschiedenen Türen vorbei 
und fürchtete mich nicbt, bis ich am roten Zimmer vorbei mußte, es Schien 
der Mond ins Zimmer, die Gardinen Sind gemustert und in der Ecke Steht 
eine große Palme. Ich Sab die Palme auf mich zukommen, ich war nicht 
fäbig, weiter zu geben oder zu Schreien, dieses ein paarmal nacheinander, 
tags über war ich Stumpf und eisilbig, bis ich bierdurch krank wurde und 
durch Phantasieren berunterkam. Die Palme mußte verschenkt werden.“ 
Unverstandene oder balbverstandene Gegenstände, Situationen und ZuSammen- 
bänge können leicht Harmloses zu Unbeimlichem Steigern. „Als ich 3*/, Jahre 
alt war“, berichtet eine Kinderpflegerin, „besuchte ich einmal meine Groß- 
mutter. Diese aß gerade gebratenes Brot und erzählte meiner Mutter etwas, 
was ich nicht verstand, iB dem aber das Wort „tot“ vorkam. Von da an 
batte ich Angst vor gebratenem Brot. Wenn Jemand mir dieses anbieten 
wollte, 80: nahm ich es nie, Sondern Sagte: vein, dann, kommt der Tod.“ 
Diese Dämonisierung der Umwelt ist nur die gröbste und faßbarste Aus- 
drucksform eines Lebensgefühls, das Sich in Seiner höheren, über das frühe 
KindeSalter hinausreichenden Gestalt als Schicksalbafter Zusammenhang des 
Ich mit der Natur äußert und zu den echt magischen Handlungen treibt. 
Denn dieser mehr oder weniger dumpf gefühlte Zusammenbang der Ich- 
Person mit einer machtvollen Umwelt bewirkt die Empfindung einer Ab-
	        
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