Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Über magische Verhaltungsweisen im Kindegalter 469 
 
hängigkeit des Menschen von jener Umwelt, die nicht durch technisch- 
natürliche, Sondern. bloß durch magische Mittel zu bewältigen oder. zu 
beeinflussen ist. . | 
Sind also das Ich und die Umwelt vom Kinde als nicht-starre, Sondern 
Stets bildbare und veränderliche Wesgenheiten erlebt, zeigt Sich, daß die Um- 
welt immer eine dynamische oder auch dämonisch begeelte ist, dann Sind 
auch die Handlungen beim Kinde und Jugendlichen, Soweit Sie in einer 
Solchen Anschauung verwurzelt sind, nicht technisch, Sondern magisch. Frei- 
lich haben wir uns nicht vorzustellen, daß Kinder nicht auch die technisch- 
natürliche Handlungsweise Jederzeit bereit haben, aber dem Lebensgefühl 
des Kindes enisprechend genügt diese ihm oft nicht. Ein Beispiel: Ein 
Mädchen von 10 Jahren lernt vor Seiner Schularbeit Sein Pensum gehr genau; 
es weiß auch, daß das Lernen eine natürliche Bedingung für eine gute Note 
iSt. Trotzdem 1ist es überzeugt, daß es nur dann eine gute Arbeit wird 
Schreiben können, wenn es eine besondere Feder, einen Glücksfederbhalter 
benutzen wird. Es besteht also für das Kind außer der Einsicht in den 
natürlichen Leistungsverlauf eine gebeime magische Beziehung zwischen dem 
guten Ausgang der Prüfung und jener Feder, eine Beziehung, die Jjensgeits 
der techniSchen Handlung des bloßen Lernens liegt. Der Fall ist übrigens 
äbnlich wie beim magisch denkenden Naturmenschen: auch dieser weiß, daß 
das Gift, das er dem Feinde gibt, gewisSermaßen biologisch wirkt, aber zu- 
gleich ist er überzeugt, daß diese „technische“ Wirkung eben doch: im letzten 
Grunde nicht genügt, Sondern daß die magische Kraft -- des Todeswunsches 
etwa -- hinzukommen muß. - - | v | 
Zum Zwecke der CharakteriSierung Solcher magischer Bräuche 
muß nunmehr bedacht werden, daß der Zusammenbang der Person mit der 
Umwelt zweierlei zur Folge hat: 1. Eine Abhängigkeit des Ichs vop dieser 
Schicksalbaft gefaßten Umweit, die durch Verstand und Technik nicht patür- 
lich zu bewältigen 1st; 2. magische Handlungen gegenüber der lebenden 
und foten Umwelt eben infolge dieses Zusammenhangs durch das Ich. 
Auf Grund Solcher komplexer Bindung Sind zwei Arten von magischen 
Handlungen möglich, einmal eine Lenkung des Geschicks, zum zweiten 
eine Befragung des Gescbicks in Form des Sogenannten Orakels. 
Die Lenkung des Schicksals kann unmittelbar oder mittelbar, positiv 
oder negativ erfolgen. 
Unmittelbare BeeimflusSungsversuche magischer Art findet wan als 
Wuvsch- und Gebetmagie. Wir wissen, daß es zum tiefsten Wegen des 
Kindes gehört, Seine eigenen Wünsche mit der Wirklichkeit zu vermengen; 
SO entwickelt Sich leicht beim Kinde jene Überzeugung von der fast zauber- 
baften Kraft der eigenen Wünsgche, die Freud als Allmacht der Gedapken 
gekennzeichnet bat: Als der 4,7jährige Scupin ein Kriegsbild betrachtete, 
auf dem ein Soldat einen anderen tötete, geht dies dem Jungen Sebr zu 
Herzen; er drückte den Hahn Seines Gewehres, dessen Lauf er genau auf
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.