Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Jugendkundliches in Hermann Hesses „Demian“. 
Von Paul Schneider. 
Die Logik folgt der Intuition Stets in gemessener Entfernung nach. Was 
des Sehers Geist erschaute -- erst nach geraumer Zeit wird es von der Ver- 
nunft in die Sphäre rationaler Betrachtung erhoben, in das Gewand 
der Formel gekleidet und in ein System gebracht. Ich erinnere z. B. im 
Rahmen ungeres Themas an Gottfried Kellers Roman „Der grüng 
Heinrich“, in dem der Schweizer Dicbter eine Fülle fein gesehener, lebens- 
getreuer Züge jugendlichen Seelenlebens in Seiner Sprache dargestellt 
bat, ebe eine zünftige Jugendkunde Sich ihres Problems überhaupt erst be- 
wußt geworden war. („Der grüne Heinrich“ ist in den fünfziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts entstanden, während die wisSenschaftliche Jugend- 
kunde erst im zweiten Jahrzehnt ihres Lebens steht.) 
Ebenso verstattet uns Hermann Hesses „Demian“ durch das Mor- 
genior des Schönen den Zugang in der Erkenntnis Land. Und wer wäre 
berufener dazu als Hermany Hesse, der Sucher, dessen Problem 
in allen Seinen Werken der Mensch ist: „der einmalige, ganz besondere, in 
Jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt 
Sich kreuzen, nur einmal 80 und nicht wieder!“ Einen Suchenden nennt 
Sich der Dichter Selbst, der Jedoch nicht auf den Sternen und in Büchern 
Sucht, Sondern auf die Lebren hört, die Sein Blut in ihm rauscht. Upd poch 
eine Eigenschaft zeichnet ibn aus, die ihn zur Darstellung und Deutung 
Jugendlichen Seelentums befähigt: Hesse, der nunmehr Fünfzigjährige 
(am 2. 7. 1927 vollendete er Sein fünfzigstes LebensJahr), ist Selber ein 
Jugendlicher geblieben. Er konstruiert nicht jugendliches Sehnen, Stür- 
men und Drängen, nein, er hat Sich die Fähigkeit zum Nacherleben 
bewahrt. Darum verehrt die Jugend zweier Generationen in ihm ihren Anwalt, 
darum Schaut Sie zu ihm als ihrem Führer auf, die Jugend der Erzäblungen 
„Peter Camenzind“ (1904) und „Unterm Rad“ (1905) und die 380 ganz 
anders geartete, weil 1 bst Sich bewußt gewordene Jugend der Nach- 
kriegszeit, die nicht ch alten Tafeln leben, Sondern unter eigeper 
Verantwortung, wie es IN der berühmt gewordenen Prägung vom Hohen 
Meißner beißt, ibren Weg geben will. (Der „Demian“ ist 1919 erschienen.) 
Daß Hessge in Seinem „Demian“ die Geschichte Seiner eigenen Entwick- 
lung, und zwar vom 10.--18. Lebeasjabr, zeichnet, darüber läßt uns Sofort 
der Eingang der Geschichte ohne allen Zweifel. „Meine Geschichte“, Sagt der 
Dichter, „ist mir wichtiger als irgendeinem Dichter die Seinige; denn gie 1st 
meme eigene, und Ssie iSt die Geschichte eines Menschen -- nicht eines 
erfundenen, eines möglichen, eines idealen oder Sonstwie nicht vorhandenen, 
Zeitschrift f. pädagog. Psychologie. 32 
 
 

	        
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