Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

508 Paul Schneider 
 
clair als das größte Erlebnis Seines jungen Lebens bezeichnet. Als Gewissen, 
Vorbild und Ideal Sinclairs wird Demian sein Führer zu Seinem eigenen, 
besSeren Ich. Was der Knabe Seinen Eltern gegenüber nicht fertig brachte, 
nämlich Sein Geheimnis mit Kromer zu beichten, um von der Seelischen 
Qual befreit zu werden: dem Freund gegenüber öffneten Sich Herz und 
Lippen. Zwar erhoffte er Erleichterung Seines GewisSens von einem Be- 
kenntnis Seinen Eltern gegenüber, aber er fürchtete, doch nicht ganz erlöst 
zu werden. „Ich wußte, man würde es freundlich aufnehmen, man würde 
mich Sehr Schonen, Ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze 
würde als eine Ari EntgleiSung angesehen werden, während es doch Schick- 
Sal war.“ Aber als er „dem anderen“, einem Fremden, gebeichtet batte, 
tlog ihm Erlösungsahnung wie ein Starker Duft entgegen. Die Verschieden- 
heit der Welten, in denen Eltern und Kind lebten, verschloß das Geheim- 
nis mit festen Riegeln, die Gemeinsamkeit des Erlebens entriegelte es. (Eine 
Mahnung an alle Eltern, Sich die Erlebensfähigkeit mit ihren Kindern zu 
bewahren, und zwar für alle Stadien der kindlichen Entwicklung!) 
Die Jugendzeit ist eine chaotische Zeit. Der Jugendliche Sieht 
Sich einer vielgestaligen Wertwelt gegenüber, mit der es Sich auseimander- 
zuSetzen gilt. Ein Experimentieren beginnt, und ehe nicht alle Werte durch- 
experimentiert Sind, kommt der Jugendliche Sucher nicht zur Ruhe. Darum 
eben iSt die Reifezeit eine Zeit der Unrube, der Labilität. 
Ein Ideal wird ergriffen, um es bald wieder mit einem anderen zu ver- 
fauschen. So auch Emil Sinclair: er philosophiert, recht bezeichnend, über 
die Freiheit des Willens, er versucht Sich in der Kunst, durchdenkt religiöse 
Probleme, Stürzt Sich in den Strudel der Weltlust, durchlebt Eingamkeiten, 
liebt platonisch und füblt dann doch auch wieder den Drang nach Liebes- 
erleben voller Sinnlicher Realität. Wenn er glaubte, eine Insel erreicht und 
Frieden gefunden zu haben, 80 trieb ihn der Strom Seiner inneren Unrast 
Schon wieder weiter. „So war es immer -- kaum war ein Zustand mir 'Lieb 
geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, 80 wurde er auch schon 
welk und blind.“ Es dürfte kaum zu gewagt Sein, wenn man die Periode 
des Reifens in gewisSen Abschnitten patbologisch nennt. Hesses Beschrei- 
bung legt diese Bezeichnung nahe, wenn er u. a. Sagt: „Jenen ganzen Winter 
verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich Schwer beschreiben kann... 
keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken gehorchte mir, keinen konnte 
ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben Seine Farben geben. Sie kamen 
und nahmen mich, ich wurde von ihnen regiert, wurde von ihnen gelebt.“ -- 
Hat der Jugendliche 80 lange in Seiner Innenwelt gelebt, bis Ziel und Sinn 
Seines Lebens in klaren Konturen vor Seinem Auge Stehen, dann macht er 
eine bemerkenswerte Achsendrehung: der äußeren Welt, die ihm zeitweise 
gleichgültig war, wendet er Sich Jetzt wieder zu. Damit ist aber auch der 
Prozeß des Reifens abgeschlossen; die Wende zu neuer Lebensnäheilst 
Erlebnis beginnender Adoleszenz. Die äußere Welt ist dem Jugend-
	        
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