Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Jugendkundliches in Hermann Hesses „Demian“ 509 
 
lichen nunmehr Material einer Pflicht; Sie lockt nicht nur in Verführung und 
Schuld, gie ist nicht nur die andere, die häßliche Welt: der reif gewordene 
Mensch steht ihr kritisch gesichert gegenüber, und auch ihre Schönheiten 
gehen ibm wieder auf. Als Emil Sinclair am Ziel Seiner Entwicklung stand, da 
klang zum erstenmal wieder nach langen, bangen Jahren durchkämptfter 
Unrast und SeeliScher Verwirrung die äußere Welt mit Seiner inneren rein 
und harmonisch zusammen: Feiertag Seiner Seele. „Kein Haus, kein Schau- 
fenster, kein Gegicht auf der Gagse Störte mich, alles war, wie es Sein mußte, 
trug aber nicht das leere Gesicht des Alltäglichen und Gewohnten, Sondern 
war wartende Natur, Stand ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So batte ich 
als kleiner Knabe die Welt am Morgen der großen Feiertage gesehen, am 
Christtag und an Ostern. Ich hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch 80 
Schön gein könne. Ich hatte mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und 
mich damit abzufinden, daß mir der Sinn für das da draußen eben ver- 
loren gegangen s8ei, daß der Verlust der glänzenden Farben unvermeidlich 
mit dem Verlust der Kindbeit zusammenhänge, und daß man gewisSermaßen 
die Freibeit und Mannheit der Seele mit dem Yerzicht auf diesen bolden 
Ochimmer bezahlen müsse. Nun 8ab ich entzückt, daß dies alles nur ver- 
Schüttet und verdunkelt gewesen war, und daß es möglich geil, auch als Frei- 
gewordener und auf Kinderglück Verzichtender die Welt strablen zu Seben 
und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu kosten.“ -- 
Metbhodisches Nachwort. Es bedarf keines besonderen Nachweises 
mebr, daß die PubertätsJahre neben den ersten LebensJahren die bedeut- 
Samste Periode der menschlichen Entwicklung darstellen und daß die 
Kenntnis der puberalen Erscheinungen nach ibrer Gegenständlichkeit Sowohl 
als auch nach ibren Verursachungen und Auswirkungen Jedem Erzieber zur 
Pflicht gemacht werden Sollte. Die Reifejahre Sind aber nicht nur die 
folgenreichsten im Leben des Individuums, Sie Sind auch zugleich 
die kritischsten, in denen der junge Mensch am Schwersten zu be- 
handeln iSt. Aus dieser Tatsache erwächst der Schule die Verpflichtung, in 
die Klassen der pubertierenden Jungen und Mädchen ihre tüchtigsten Leh- 
rerpersönlichkeiten zu Stellen, zumal hier die Schule die Aufgabe des an 
dieszem Punkte zumeist versagenden LKilternbhauses mitzuübernehmen bat. Auch 
daraus folgert für die Lehrerwelt die Notwendigkeit, Sich mit dem Phäno- 
men der Pubertät liebevoll und ernsthaft zugleich zu beschäftigen. Das gilt 
ausnahmslos für alle Lebrerkategorien: Die Jugendkunde ist nicht pur eine 
Angelegenheit der Psychologen oder einiger psycbologisch interesSierter Leh- 
rer! Das Sollte Sich vor allem auch die akademisch vorgebildete Lehrerwelt 
gesagt Seim lassgen! 
Der Wege zum YVerständni1s der puberalen Erscheinungen gibt es 
mehrere: Streng wisSenschaftlich gebaltene Darstellungen, Tagebücher von 
Jugendlichen, die eigene Rückerinnerung, Verkehr mit Jugendlichen, ein- 
Schlägige belletristische Literatur usw. Alle Wege haben ihre Vorzüge, wenn
	        
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