Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

510 Albert Pietsch 
 
Sie auch allein kaum zum allseitig-erschöpfenden Verständnis des wider- 
Spruchsvollen Erscheinungsbildes der Reifejahre zu führen imstande Sind; 
'SO Iist Zz. B. die Erinnerung an eigene Pubertätserlebnisse meist doch Sehr, 
Sehr lückenhaft; ferner gelingt es nur weng Augerwählten, daß Sich ihnen 
die Jugendlichen ganz erschließen, denn der Reifende umgibt Sich mit 
einem zwiefachen Panzer, um das Heiligtum geiner Seele zu hüten; Tage- 
bücher wiederum erfordern Interpretation usf. 
Mit vorstehender Arbeit wollte ich anregen, Sich einmal von Dichters 
Hand zunächst zum Sehen der Problematik jugendlichen Seelenlebens leiten 
zu lassgen, um von da aus den Weg zum Verstehen zu finden. Dieser Weg 
Scheint mir den großen Vorzug zu haben, daß der Leser, da es Sich um das 
Miterleben eines lebendigen Menschenschicksals handelt, mit 
größerer Wärme und Sympathie Sich den psychischen Erscheinungen bhin- 
gibt als bei kühl wissenschaftlich gebaltenen Darstellungen, die zwar, wie 
besonders Ed. Spranger in dem Vorwort zu Seiner „Psychologie des Ju- 
gendalters“ hervorhebt, einen Starken Zug von Wärme und Liebe zu dem be- 
handelten Gegenstande nicht vermissen lassen bzw. nicht vermissen lassen 
Sollten, die aber durch die vielgestaltige Menge des verarbeiteten illustra- 
tiven Materials dem intensiven mitfühlenden Nacherleben nicht sonderlich 
günstig Sind. Daß ernsthafte wissenschaftliche Beschäftigung mit Jugend- 
kundlichen Problemen durch belletristische Einführung nicht ersetzt und 
überflüssig gemacht wird, braucht wohl nicht besonders betont zu werden ; 
doch möchte ich den propädeutischen Wert Solcher schöngeistigen 
Behandiung jugendkundlicher Probleme -- die Erfahrung bat es mir be- 
Stätigt. -- auch nicht zu gering eingeschätzt wissen. 
An instruktiver belletristischer Literatur für unser Thema fehlt es nicht. 
Daß ich gerade Hesses „Demian“ wählte, erklärt Sich aus dem Starken 
Eindruck, den ich bei der erstmaligen Lektüre kurz nach Seinem Erscheinen 
batte, zudem fand ich in den einschlägigen Werken Sprangers (Psy- 
obologie des Jugendalters) und Charl. Bühlers (Das Seelenleben des 
Jugendlichen) des öfteren Hinweise auf diese Erzählung. Wenn auch 3pran- 
ger urteilt, daß er den „Demian“ weder pbhilosopbisch, noch psychologisch, 
noch poetisch Sebr hoch stellen könne (a. a. O. S. 112, Fußnote), 80 Scheint 
mir dies Buch trotz -- oder gerade -- mancher nicht zu leugnenden Über- 
' zeichnungen wegen gut geeignet, das in Rede stehende Problem Sichtbar zu 
machen. 
xk X 
Yerwahrloste Jugend. 
Von Albert Pietscb. | 
Allgemein hört man das Schlagwort von der „verwahrlosten Jugend“. Ich Sebe 
hier ab von den Urteilen prüder Jungfern und verstockter Philister, die die 
Streiche ibrer Jugend vergessen baben, oder aber von den unverbesserlichen 
Schwärmern. die nicht einsehen wollen, daß die Moral etwas Relatives ist. daß
	        
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