Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

Verwabhrloste Jugend 511 
 
die moralischen Begriffe in einem Abbhängigkeitsverhältnis Stehen von dem 
Zustand und den Wirkungen der Umwelt und sich dementsprechend bei großen 
Umwälzungen auch ändern. Und wer wollte die Umwälzungen in den letzten 
25 Jahren leugnen? Damit ist natürlich nicht gesagt, daß man Parteimitglied der 
Vogelstraußpolitiker ist; vielmebr werden Jedem YVolks- und Menschenfreund 
die Zahlen der Jugendlichen Kriminellen tiefernst zu denken geben. Doch er wird 
nicht auf der Stufe des Jammerns und Verurteilens Stehen bleiben, Sondern nach 
den Ursachen der Erscheinung fragen, um daraus eventuelle Maßnahmen für 
eine Änderung zu treffen. 
Ganz allgemein wird man Sagen können, daß die psychophysische Konstitution 
des Jugendlichen in einem Mißverhältnis Steht zu den heutigen zivilisatorischen 
und kulturellen Zuständen. Eine Besserung kann nur erreicht werden durch die 
Herstellung eines relativ optimalen Stabilitätszustandes der beteiligten Kom- 
Pponenien. 
Die Persönlichkeit wird bestimmt endogen durch die Beschaffenbeit des inner- 
Sekretorischen Drügensystems und des vegetativen und Zentralnervensystems mit 
Seinen psychischen Funktionen, exogen durch den Einfluß der Umwelt, die 
biologisch im Sinne von Reizen wirkt. Daß das vegetative und zentrale Nerven- 
SyStem auf hormonale Linflüsse anzusprechen vermag, kann beute nicht mehr 
zweifelhaft Sein. Besonders bat H. Fischer auf die intime gegenseitige Kor- 
relation von Seelenleben und endokrinen Drüsen bingewiesen. Zondek Schreibt, 
daß „es wohl kaum ein endokrines Organ gibt, das nicht von bestimmten 
Zentren im Gebirn Seine Impulse erhält, und dessen Ausfall nicht im Zentral- 
organ einen cbarakteristiSchen, noch gänzlich unbekannten Niederschlag findet“. 
Daß psychische Erregungen einen mächtigen Einfluß auf die Einsonderungs- 
organe (wie JoSefsont? die inneren Drüsen nennt) ausüben, erkennt man 
daran, daß man von einer psychischen Glykosurie redet, wobei die Inkretion des 
Pankreas psychisch. beeinflußt ist. Bei gewissen Geisteskrankheiten der Jugend- 
lichen (Dementia praecox, Speziell die Hebephrenie) rechnet die moderne Psychi- 
atrie mit bhormonalen Einflüssen. Aus experimentellen Ergebnissen zeigt Sich, 
daß das vorher adrenalinfreie Blut eier Katze nach einem Schreck Sgehr 
adrenalinreich werden kann. Für unsere Untersuchung Sind auch die Vorgänge 
un Hin wichtig. Man gebt Dach neueren Untersuchungen und Beobachtungen 
nicht febl, in dem Zwischenbirn, als einer pbylogenetisch alten Hirnsfammregion, 
den Sitz der affektiven Bereitschaften, der 50g. niederen Triebe, zu Seben. So 
fübren z. B. Erkrankungen des Zwischenbirns bäufig zu einem Verlust der 
Sexuellen Empfindungen, Neigungen und Betätigungen. Unser Wasserbedürfnis 
und Wasserhausbhalt, unger Hunger und Eßtrieb werden vom Zwischenbirn aus 
reguliert. Das System Einsonderungsorgan--Zwischenbirn stellt den Motor des 
Handelns dar, und es würde zu ragenden Entladungen Anlaß geben, wenn nicht 
gewisse Hemmungseinrichtungen überwachend und lenkend eingreifen würden. 
Hierber können teilweise die höheren gefühlsbetonten Erlebnisse gerechnet werden, 
die nach Ewald? in differenpzierteren und z. T. Schon mit kortikalen Funk- 
1 Josefson, A.: Die Persönlichkeit und die Einsgonderungsorgane („endokrine Drügen“). 
In: „Die Biologie der Person“, herausgegeben von Brugsch und Lewy. Bd. 3. 
3. 103. 1927. | 
* Ewald, G.: Die körperlichen Grundlagen des Charakters. In „Konstitution und Charakter“, 
herausgegeben von Hirsch. 8. 50. 1928. 

	        
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