Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 29.1928 (29)

570 Ww. G. Schuwerack, Zur Affektivität des Schülers 
 
Das Mädchen war, wie aus der nur langsam vorangehenden psychologischen 
Prüfung hervorging, wie es durch Schulzeugnisse bestätigt wurde, gut begabt, 
alles, was es einmal unternahm, wurde gründlich und gut ausgeführt. Nachdem 
das Mädchen nach tagelangem Zusammensein Vertrauen gefaßt hatte, erzählte E. 
von der Heimat, vom Dorf, vom Vieh und von den Hühnern. Da mir auffallender- 
weise das Mädchen nie etwas von Seinen Eltern gagte, griff ich zur Familien- 
anamnese, die ich biSher, um vorutrteilsJos an das Kind beranzutreten, beiseite 
gelassen hatte. Hier fand ich eine Erklärung für den depressiven Gemütszustand 
Elzsabeths. Der Vater, ein Aufseher bei Straßenarbeitern, kümmerte Sich wenig 
um Seine Familie; kam er abends nach Hause, 80 zeigte er Sich nur von Seiner 
groben Seite und hielt auch mit Tätlichkeiten gegen Frau und Kinder nicht 
zurück. E., die öfters in der Woche golchen Szenen beiwohnte und gelber auch 
nicht verschont wurde, litt bei ihrer 80 fein gestimmten Seele Sehr. Sie zog Sich 
S0 in Sich zurück, daß Sie bei gutem Aufnahme- und Lernvermögen unter ihren 
Kameradinnen einsam wurde. Ihre schriftlichen für Sich überlegten Aufsätze und 
Geschachten für die Schule blieben gut. Ihre Aktivität in der Schule und inner- 
balb der Klasse aber erlahmte vollständig. Sie Schloß Sich ganz ab, während Sie 
SIcCch mehr und mehr an ihre Mutter anklammerte, die ebenfalls unter dem Vater 
litt. Die Gemütsdepression dieses Mädchens mußte gehoben werden. Eine Wieder- 
aufnahme ins Elternhaus Schien ganz unmöglich. Konnte E. doch nicht geben, 
wenn zwei Kinder Sich stritten oder gar Schlugen, Sie wandte Sich ab, um den 
Ausgang nicht erfahren zu müssen. Intellektuell gut begabt, aber überempfindlich, 
deren Gemüt Sich entgegen dem vorhergehenden Fall unter einer widrigen Umge- 
bung verbogen hatte, bedarf ihre Erziehung einer freudigen Umgebung, die ihr 
Liebe Schenkt. Das Bedürfnis nach Liebender Führung Sab man deutlich während 
der mehrwöchentlichen Beobachtung. Zugleich mußte ihr Gemüt erheitert werden 
durch. fröhliche Gespielinnen, die Sie Dicht beiseite Steben ließen Die augenblick- 
liche Unterbringung bei einer anderen Familie läßt die Hoffnung begen, daß die 
Seelische Verstimmung allmäblich auswächst. Aus diesem Fall erbellt, daß zur rich- 
bgen Beurteilung gerade auch die Familienverhältnisse geprüft werden mögen. 
Sollte ein Kind in der Klasse oder in der Freizeit keine Aktivität zeigen, 50 kann 
dieses in Seiner Struktur, in Seiner Reagibilität liegen. Zieht ein Kind Sich aber von 
Seinen Gespielinnen zurück, will es stets einsam Sein, und zwar im Unterschied zu 
den eigentlichen PubertätsJahren ohne jede Freundschaftsbeweise zu Mitmenschen, 
S0 liegen hier affektive Störungen vor, deren Ursachen einer vorsichtigen Klärung 
bedürfen. Es liegt in jedem Kinde ein großes Anlehnungs- und Liebesbedürfnis. 
Findet dieses nie Erfüllung, widerfährt Ihm nur Ablehnung, dann löst Sich der 
Junge Mensch trotz Seinem Geselligkeitsdrang von der Gesellschaft, um allein 
Seinem Schmerze nachzugehen. Dieses Leiden an der Gesellschaft, das im Kinde 
vielleicht tiefer ist wie bei dem Heranwachsenden, vergällt ihm Seine Arbeit, 
hemmt sein Streben und hindert Seinen Fortschritt. Einem Solchen Kinde helfen, 
bedeutet, Hemmpisse für ein ganzes Menschenleben, ja vielleicht für Generationen 
zu beseitigen. Würde Dämlich einem Solchen Menschen kein pädagogischer Helfer 
erstehen, die Seele dieses würde vielleicht verderben, Sich vielleicht in einen Pessi- 
mismus an der Menschheit, oder in ein anarcbistisches Streben auswachsen. Durch 
 
1 Man braucht hier nicht zu denken an S. Freud, der jede Störung Suchen will dort, wo 
eine „Ichgerechte ideale Befriedigung genommen ist“ s. KL Schriften IV, S. 528.
	        
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