Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

Hamburaiſche Schulzeitung. 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerſtandes. 
Redaktion: 
Chr. Hamann, Hamburg, 
Finkenau 2, 
Herausgegeben 
von hamburgiſchen Lehrern. 
Verlag: 
Otto Meißner, Hamburg, 
Hermännſtraße 44. 
 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Quartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pf. für das 
Vierteljahr. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter ohne Preisaufſchlag an. =- Beiträge ſind an die Redaktion, 
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Nachdruck aus dieſer Zeitung iſt, falls nicht ausdrücklich verboten, nur unter deutlicher Quellenangabe geſtattet. 
3. Jahrgang. 
29, Mai 1895. 
Nr. 22. 
 
 
ZERREN 
 
Zur Frage des Ordinariats in den 
Mädchen-Oberklaſſen. 
Von L,. H. 
Der in der 16. und 17. Nummer diejer Zeitung 
erſchienene Aufſat unſerer Kollegin C. F. : „Wie ſichern 
wir unſerer erziehlihen Einwirkung einen möglichſt 
praktiſchen Erfolg?“ giebt der Anſicht vieler Lehrerinnen: 
das Ordinariat der Oberklaſſen unſerer Mädchenſchulen 
gebührt der weiblihen Lehrkraft! öffentlichen Ausdruck. 
Wie vorauszuſehen war bei der heutigen Lage der 
-Ordinariatsverhältniſſe, wurden lebhafte Widerſprüche | 
aus dem Kreiſe unſerer Kollegen laut: Frl. C. F. hat, 
da der in Frage ſtehende Punkt nur einen Gedanken 
ihres inhaltsvollen Aufſaßes ausmacht, denſelben nicht 
mit der Ausführlichkeit behandelt, der er bedarf, um 
nicht von unſern Gegnern und =- Gegneriunen (?) als 
ein Streben, für deſſen Berechtigung wir keine weitere 
Begründung als das Gefühl anführen könnten, betrachtet 
zu werden. Die folgenden Ausführungen wollen ver- 
ſuchen, dur< Klarlegung der Gründe, die unſer Beſtreben 
leiten, dasſelbe als berechtigt darzuſtellen. 
“ * * 
* 
Die Frage, ob dem Lehrer oder der Lehrerin die 
Leitung der Mädchen-Oberklaſſen zukomme, iſt nicht 
nur eine ſ<hulwiſſenſchaftliche, =- für uns iſt. ſie eine 
Lebensfrage. I< nehme den äußerſten Fall an: es 
handelt ſich um die Beſezung einer Mädchen-Oberklaſſe. 
Eine männliche und eine weibliche Kraft, beide von 
gleiher Tüchtigkeit des Charakters und Geiſtes, dort 
ein Mann, bier eine Frau, durc< die Eigenart des 
Weſens beſonders zur Erziehung größerer Mädchen 
geeignet -- in der Theorie iſt es ja erlaubt, mit idealen 
Vorausſezungen zu re<hnen --, ſtehen zur Verfügung. 
Darf die Lehrerin es als Recht beanſpruchen, hier 
bevorzugt zu werden? Allerdings. Sehr wohl zu ver- 
ſtehen iſt die Thatſache, daß Kollegen, die mit Freudig- 
keit und Erfolg die oberen Mädchenklaſſen führten, mit 
Schmerz aus dem liebgewordenen Wirkungskreis aus- 
ſcheiden würden. Kehren wir die Sache um: die 
Lehrerin müßte zurütreten. Wird hier der Schmerz 
- nicht mindeſtens ebenſo groß ſein wie dort, der Schmerz 
darüber, ſich von einem Thätigkeitsgebiete ausgeſchloſſen 
zu ſehen, zu dem ſie ſich durc< ihre Fähigkeiten berufen 
 
fühlt, den ſie aus Gründen der Gerechtigkeit für ſich 
in Anſpruch nehmen darf? So ſpitt ſich der Streitpunkt 
zu einer Rechtsfrage zu. Hin und wieder begegnet die 
Frauenbewegung wohl dem Vorwurfe, daß ſie uſur- 
patoriſc< aufträte, daß ſie der Thätigkeit des Mannes 
Gebiete abgewinnen wolle, die dieſem der Natur der 
Sache nach zuſtänden. Wie unberechtigt dieſer Vorwurf 
im allgemeinen iſt, habe i< hier niht nachzuweijen. 
Daß er es iſt hinſichtlich der Beſtrebungen der Frau 
auf pädagogiſchem Gebiete, mögen folgende Darlegungen 
beweiſen. Was verlangen wir denn? Der Frau joll, 
wenn ſie dazu befähigt iſt, im Punkte der Mädchen- 
erziehung die Priorität eingeräumt werden. Wir wollen 
ja nicht die: männlichen Lehrkräfte aus den Erziehungs- 
anſtalten der Mädchen verdrängen. In der Erkenntnis, 
daß, wie bei der Erziehung im Hauſe auc< in der 
Schule männlicher und weiblicher Einfluß wirkjam jein 
muß zu gutem Erfolge, wollen wir ihre Mitwirkung. 
Welche Konſequenzen ſich aus dieſer Einſicht für die 
Knabenerziehung ergeben, liegt auf der Hand. Doh 
werden unſere Beſtrebungen auf dem uns näherliegenden 
Gebiete der Mäd<henerziehung noh ſo ernſtlich bekämpft, 
daß wir an die Verfolgung jener Konſequenzen nicht 
denken können; wir haben hier unſere ganze Kraft nötig 
zum Kampfe. Volle Gerechtigkeit würde erſt dann 
herrſchen, wenn der Mann als Leiter, als erſte Kraft 
in den Bildungsanſtalten für Knaben, als zweites 
Element in denen für Mädchen thätig wäre; wenn die 
Trau auf dem Gebiete der Mädc<henerziehung und des 
Mädchenunterrichts als Hauptfaktor, bei den Knaben in 
derſelben untergeordneten Weiſe wie der Lehrer bei den 
Mädchen wirkte. Wie weit wir von dieſem idealen 
Rechtszuſtande entfernt ſind, iſt bekannt. =- Jndem ich 
den zu erörternden Punkt als Rechtsfrage auffaßte, 
ging ich von der Vorausſezung aus, daß Mann und 
Frau gleichberechtigte, in jeder Beziehung gleichberechtigte 
Weſen ſind. Kein einſichtiger Gegner wird dieje That- 
ſache anfechten. 
>* 
Ziehen wir die Erfahrung zur Entſcheidung der 
Frage : gehört das Ordinariat der Mädchen-Oberklajſen 
der Frau? heran, ſo iſt das Ergebnis ein für uns 
ungünſtiges. Die meiſten unſeres Geſchlec<hts -- ich 
gehöre ſelbſt zu ihnen =- werden beim Hinbli> auf die 
Schulzeit einen Lehrer als denjenigen bezeichnen, der 
+*
	        
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