Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

 
Damburgi 
 
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zeitung. 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerſtandes. 
Herausgegeben 
von hamburgiſchen Lehrern. 
Redaktion: 
Chr. Hamann, Hamburg, 
Finfenau 2, D- 
tak 
be 
Verlag: 
Otto Meißner, Hamburg, 
Hermannſtraße 44. 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Quartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pf. für das 
Dierteljahr. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter ohne Preisaufſchlag an. -- Beiträge ſind an die Redaktion, 
Rezenſions-Exemplare an die Derlagshandlung oder an die Redaktion zu ſenden. Jnſerate werden für die Detitzeile von 60 mm 
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Nachdru> aus dieſer Zeitung iſt, falls nicht ausdrücklich verboten, nur unter deutlicher Quellenangabe geſtattet. 
3. Jahrgang. 
Der Lehrer als Menſch zum Schüler. 
Von Ad. Wilh. Ernſt. 
„Hier bin ich Menſc<h, hier darf ich's ſein.“ 
Goethe (Fauſt). 
Die Schule, joviel unſere Zeit auch an ihr herum- 
reglementiert und uniformiert, wird und darf nicht in 
den Formen nüchterner Geſeßesparagraphen erſtarren; 
denn Lehrer und Schüler ſind keine Maſchinen, die ſich 
medaniſieren laſſen, ſondern fühlende und wollende 
Seelen, find je eine mehr oder minder ſtark ausge- 
prägte Eigenart und verlangen und verdienen als ſolche 
Achtung. Die Zeiten des allerheiligſten JeſuitiSmus, 
der feine Zöglinge zur „Ehre Gottes“ d. h. auf deutſch : 
für die lihtji<euen Pläne und Thaten des Orden8 ſee- 
lijh kaſtrierte, ſind in Deutſchland gottlob hiſtoriſch 
geworden und verdienen ihren Totenſ<laf, in dem ſie 
jelig ruhen *). Aber auch jene Zeiten ſind hoffentlich 
auf Nimmerwiederkehr verſ<wunden, wo man ausran:- 
gierte Unteroffiziere, die von der Kunſt eines Comenius, 
eines Rejtalozzi noh weniger verſtanden, als ein Zulu-Kaffer 
von der JInfiniteſtmalrehnung, von ſtaatswegen für be- 
rufen erachtete, die jugendlichen Seelen zu bilden. Dieſe 
„Le&enhaſten“ Zeiten einer rohen und verrohenden Zucht, 
wo die Menſ<lichkeit mit Füßen getreten wurde, ſind 
verrauſ<t, aber der Shatten des ſtarren „Biegens oder 
Brechens“, der Geiſt des kalten, liebloſen Befehlens 
und Gehor<hens ohne Rüdſicht auf die emporkeimende 
Menjhenwürde des Zöglings huſcht auch in unſeren 
Tagen noH hin und wieder dur<s Shulzimmer und 
ſpannt die Seele des Kindes auf die Shmerzensbank. 
Und damit rüFe ic< meinem Thema unmittelbar auf 
den Leib. 
*) Nebenbei ſeien jene mutig unentwegten Prinzipienreiter, 
die es mit ihrem Deutſchtum vereinigen zu können glauben, wenn 
fie auf die deutſche Volkäöſeele den finſtern Geiſt des 
hl. Loyola wirken laſen, an das Wort Joh. Scerrs erinnert, des 
wackeren Kämpen, der in ſeinem Auffas „König und Prieſter“ 
(gemeint iſt Heinrich I]. von England und Thomas Beet) geſteht: 
„Die römiſche Kirche wollte und will nie, konnte und kann nie 
und nirgends national ſein, weil fie überall und allzeit ihren 
univerſalen Charakter behaupten mußte und muß, ſo ſie ihrem 
Anſpruch auf Weltherrſchaft nicht zu entſagen willens war und iſt. 
Daran hat man aber, wie jeder weiß, bis zur Stunde no< nichts 
gemerkt. Es iſt demnach ganz thörict und heißt das Weſen der 
römiſchen Kirche vollſtändig verkennen, wenn man vom katholiſchen 
Prieſter verlangt, daß er Patriot ſein ſol. Er kann nicht Staat3- 
bürger ſein, weil er Weltbürger ſein muß.“ 
3. Juli 1895. 
 
Rr. 27. 
Der einſichtsvolle und tüchtige Pädagoge, dem die 
Erziehung kein Handwerk, ſondern eine Kunſt, die Kunſt 
ſeines Lebens, iſt, wird ſich dem Kinde ſelbſt unter wi- 
drigen Verhältniſjen menſ<lic< nähern, ohne eine Ein- 
buße feines Anſehens zu befürchten, ſoll und muß felbſt 
den Uunbändigſten Elementen ſeiner Klaſſe gegenüber, 
die die f<ärfiten Mittel der Zucht zu koſten haben, - 
Menſ<h fein und bleiben. Stramme Zucht und Ord- 
nung müſſen felbſtverſtändlich unter allen Umſtänden in 
der Schule herri<en, und wir ſind wahrlich die lezten, 
die etwa einem Humanitätsduſel, einer laxen Handha- 
bung der Disciplin das Wort reden wollten. Peſtalozzi, 
der Vater der neueren Pädagogik, traf, 19 unpraktiſch 
 
- er auch in Einzeldingen manchmal war, dein Kern der Sache, 
als er die Sätze niederſ<hrieb: „Wir haben unrecht, gewiß 
unre<t gegen den Reiz der ſinnlichen Begierden, von 
der Kraft leerer Worte und Vorſtellungen alles Heil 
zu erwarten und zu glauben, den Willen des Kindes 
ohne Züchtigung, durc< bloße wörtliche Vorſtellungen 
nach unſerem Willen lenken zu können. Wir wähnen, 
unſere Humanität habe fni< zu einer Zartheit erhoben, 
die uns in keinem Falle mehr erlaube, an das rohe 
Mittel des Schlagens nur zu denken. Aber es iſt nicht 
die Zartheit unſerer Humanität, es iſt ihre Shwäche, 
die Un3 leitet. Unſere Liebe iſt nicht kraftvoll, iſt nicht 
rein. Wir kennen weder die Folgen der in Liebe züch- 
tigenden Kraft, noch diejenigen der jede Züchtigung 
ſ<onenden Schwäche.“ Andererſeits juchen wir ver- 
gebens nach einer höheren Auffaſſung vom Wezten der 
Volksbildung bei dem Lehrer, der mit den feiner Ob- 
hut Anvertrauten gleichſam nur amtlich verkehrt. Einem 
ſolchen Unterrichtenden fehlt eben die praktiſche Jdeali- 
tät, die ſeinem menſ<henbildenden Walten und Wirken 
Schwung mid Friſche verleiht. Al ſeiner Pflichttreue, 
all feinem ernſten Wollen, all ſeinem (vermeintlich) 
vorbildlihen Thun mangelt der re<hte Lebensnerv, 
fehlt jenes ſeeliſche Fluidum, das ſich wie ein geheim- 
niSvoll wirkendes Band um Lehrer und Shüler ſ<lingt, 
wenn der Mentor niht nur Geiſt, jondern auch ein 
Herz für ſeine Zöglinge hat. Sonſt hat er zwar =- um 
mit Mephiſtopheles zu reden =- „die Teile in ſeiner 
Hand, aber ihm fehlt das geiſtige Band.“ Was Uh- 
land in ſeinem vaterländiſHen Gedi<Ht „Geſpräch“ jo 
i<Hön zum AusdruF bringt, wenn ex dichtet: 
„Was nicht von innen keimt hervor, 
Iſt in der Wurzel ſ<wac<h“ =
	        
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