Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

 
Hamburgitc 
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be Schulzeitung. 
Eine Wochenjchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerjtandes. 
Redaktion : 
Chr. Hamann, Hamburg, 
Finkfenau 2, D- 
Herausgegeben 
von hamburgiſchen Lehrern. 
Verlag: 
Otto Meißner, Hamburg, 
Hermannſtraße 44. 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Quartformat zum Preiſe von 1 Mark 350 Pf. für das 
Vierteljahr. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter ohne Preisaufſchlag an. -- Beiträge ſind an die Redaktion, 
Rezenfions-Exemplare an die YVerlagshandlung oder an die Redaktion zu fenden. Jnſerate werden für die Petitzeile von 60 mm 
Breite mit 20 Pf., Beilagen nah Übereinkunft berechnet. 
Nachdru> aus dieſer Zeitung iſt, falls nicht ausdrücklich verboten, nur unter deutlicher Quellenangabe geſtaitet. 
3. Jahrgang. 
Die Philanthropie in der Pädagogik 
uns Unterrichtspraxis. 
(Fortjezung). 
Man ſollte nun meinen, daß die Strafen bei Eut- 
dedung fehlerhafter Bildungen und daraus hervor- 
gehender Handlungen jedem Erzieher ein willkommenes 
Mittel wären, um das Fehlerhafte rüdgängig zu 
maden, aber es iſt nur zu bekannt, wie anders ſich 
die Philanthropie, die in unjern Tagen wieder ihre 
ſchönſten Blüten treibt, zu dieſer Sache ſtellt. Das 
Kind bitten, rec<ht qui und artig etc. zu ſein, oder mit 
ihm vernünſteln, es in Schuß nehmen, wenn es Strafe 
empfangen ſoll, bedauern, wenn es folche empfangen hat, 
das kommt bei der häuslichen Erziehung nicht allzu 
felten vor, ja fetbſt in der Schule kann man ähnliche 
Vorkommniſſe bisweilen erleben. Es gehört ganz be- 
jonders zum Weſen der Philanthropie, nac< Beſeiti- 
gung oder wenigſtens Milderung der Strafen zu ſtreben. 
Wenn das Streben dahin ginge, die Erziehung mög- 
lichſt zu vervollfommnen, [9 daß möglichſt wenig fehler- 
vafte Bildungen entſtünden und aljo möglichſt wenig 
Strafen nötig wären, 10 würde man jelbſtverſtändlich 
voll und ganz einſtimmen müſſen. Wie indeſſen die 
Erziehung durc< die Philanthropie vervollkommnet 
worden iſt, weiß man, und im Hinbli>s auf die Schwierig- 
keiten, die der Erziehung 1o oſt in den Weg treten, 
kann man nur nachdrüdlih das Wort wiederholen: 
Strafe muß ſein. Ja, wir möchten in Anknüpfung 
an die weiter oben darzulegenden Mittel, die Korrektion 
des Fehlerhaften ohne Strafen zu bewerkſtelligen, 
fragen, ob es wirklich in allen Fällen, unter allen 
Umſtänden zu empfehlen ſei, eine Verſuchung zu 
eiwas Unerlaubten dem Zöglinge zu eriparen, I3enn 
wie man<en Verjuchungen wird er ſpäter widerſtehen 
müſſen. Und was nun das zweite, die Milderung der 
Strafe betrifft, fo können wir der Philanthropie auc< 
hierin nicht jo ohne weiteres Recht geben. Denn wenn 
es au<g wahr iſt, daß man nicht unnötig hart oder 
ſtreng ſtrafen foll, Jo iſt do&ß aus obigem ſo viel klar, 
daß eine Strafe wirkfam fein muß, wenn ſie ihren 
Zwe, den Zögling zu beſjern, nicht verfehlen ſoll. 
Bei der Erziehung der Jugend, fagt Beneke ſehr richtig, 
4. September 1895. 
 
Nr. 36. 
„nnd Nachſicht und Mitleid, wo ſie nicht dringend durch 
außerordentliche Umſtände bedingt ſind, in der That 
die größte Grauſamkeit.“*) Und der große engliſche 
Rechtslehrer Bentham jagt: „Die Menſ<hlichfeit 
jelber erfordert den Anſ<ein der Grauſamkeit.“ Be- 
jonders gilt beides auch für die Konſequenz in der 
Auferlegung der Strafe, damit die Verknüpfung des 
fehlerhaften Thuns und Beweggrundes mit der Strafe 
jo feit als möglich ſei; fein Widerruf der Strafe, keine 
Abänderung derſelben, kein Erlaſſen der einmal zuer- 
kannten iſt erlaubt (es müßten denn ganz eigenartige 
Fälle vorliegen). **) 
Wir wenden uns mm zur Anwendung der ver= 
jchiedenen Arten von Strafen, der ſogen. natürlichen 
und fünitlichen und unter letzteren der ſinnlichen, geiz 
igen und gemiſhten Strafen. Bekanntlich iſt die 
Philanthropie entſchiedener Befürworter der natürlichen 
und Gegner der fünſtlihen. Und hierin muß man 
*) S. Beneke, Archiv für die pragmatiſche Pſychologie, Jahr: 
gang 1853, S. 253. Dazu nehme man folgendes Wort aus 
derſelben Schrift (S. 486): Ein Vater, welcher entdeckte, daß 
ſeinem Kinde dieſer oder jener Fehler angebildet worden wäre 
in Folge davon, daß er ſelber nicht die re<hre Aufmerkſamkeit, 
Sorgfalt, CEinfi<t angewandt hätte, wird er um des Lezreren 
willen das moraliſcq abgewichene Kind nicht ſtrafen“ = Dies 
wäre enti<ieden verkehrt. Daß die Strafe eintritt, iſt nicht nur 
im Intereſſe des Kindes notwendig, inwiefern das ihm angebil: 
dete ſÜttlich Abweichende ni<t anders wegzuſ<haffen iſt, iondern 
fie iſt aug entſ<ieden verdient vermöge des fehlerhaften 
Innern, von welchem das Vergehen ein Zeichen, ein Symptom 
iſt. Alfo der Vater wird das Kind ſtrafen, wie und weil es 
dies verdient, wie es nun einmal innerlich iſt; auf der 
andern Seite aber wird er ſich zuſammennehmen: die Einſicht, 
welche ihm bisher gemangelt, ſich erwerben, die Aufmerkſamkeiz, 
die Sorgfalt, auf die es ankommt, anwenden.“ --- Goldene 
Worte, welhe alle philanthropiſ< Denkenden wohl beherzigen 
mödten. 
=) Mir wurde vor mehreren Jahren von glaubwürdiger 
Seite ein Fall mitgeteilt, daß ein ſonſt re<t ungezogener Junge, 
der inſtändigſt bat, ihm die Strafe zu erlaſſen nnd dem Lehrer 
die Hand darauf gab, ſich zu beſſern, in der That, nachdem ihm 
die Strafe geſchenkt, ein dur<aus ordentliches Benehmen beob: 
achtete. S<reiber dieſer Zeilen hat vor nicht langer Zeit einen 
ähnlichen Fall bei einem Mädchen erlebt. In folchen Fällen 
jedoM wird man die Strafe nur verſuchsweije ſc<enken, ſo daß 
ſie bei einem etwaigen Rüdfalle zur Ausführung gelangen würde.
	        
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