Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

derſelben (auf den erſten Bli wenigſtens) Recht 
geben. Schon der Begriff des - Natürlichen iſt uns 
ſympathiſcher, Vertrauenerwedender als der des Küntt- 
lichen, und wir ſehen dies beſtätigt, wenn wir betrachten, 
was man unter natürlihen Strafen verſteht: nämlich 
diejenigen Zuſtände, Beſchaffenheiten, Ereigniſe etc., 
welche im kauſalen Zuſammenhange mit dem im 
Zöglinge vorhandenen Fehlerhaften von ſelber erfolgen 
würden oder doh könnten. 
Würdigung des in Rede ſtehenden Strafverfahrens zu 
gewinnen, müſſen wir vorerſt die wichtigſten Fehler 
der Kinder aufzählen. Wir nennen: Zerfahrenheit, 
Unvorſichtigfeit, Leichtſinn, Eigenſinn und Troß, Träg- 
heit, Nachläſſigkeit, Roheit, Mutwille, Ungehorſam und 
Widerſetlichkeit, Unaufrichtigkeit bis zur Verlogenheit, 
Ungefälligkeit (überhaupt die verſchiedeiten Arten der 
Selbſtſucht), Unverträglichkeit, Neid, Sdadenfreude, 
Böswilligkeit. Die für dieſe Fehler aufzuerlegenden 
Strafen findet man zumteil ſchon in Lehrbüchern der 
Bädagogik angeführt: Z- B. das unverträgliche und 
ſelbſtfühtige Kind dur< Jſolieren von andern, das 
unaufrichtige dur Mißtrauen, das faule dur< Hun- 
gern zu ſtrafen, dem unvorſichtigen, welches etwa jein 
Eßgeſchirr zerbricht, einmal das Chen vorzuenthalten, 
oder wenn es leichtſinniger Weiſe feine Kleider ver- 
dirbt, es auszuſchließen von Beſuchen, Spaziergängen 
und ähnlichen Vergnügungen, am allerwenigſten, ihm 
gleic) wieder gutes Zeug anzuziehen 1. ). w. Wirkſam, 
nachbaltig werden dieſe Strafen beſonders durc< die 
etwa beim Kinde hinzutretende Einſicht von deren Um- 
vermeidli<feit oder durch das Begreifen des urſächlichen 
Zuſammenhanges zwijhen Fehler und Strafe. Denn 
wenn und wieweit das Kind dieſe Notwendigkeit der 
Folge einſieht, wird auch jedesmal, wenn das fehler- 
hafte Streben im Kinde wieder erregt ijt, mit großer 
| 
Wahrſcheinlichkeit die Vorſtellung jener - Strafe repro- 
duziert werden, denn die hinzugetretene Vorſtellung des 
Kauſalverhältniſſes macht die Verknüpfung feſter. Aber 
nun zeigen ſich auch fofort die Bedenken in der An- 
wendung der ſogen. natürlichen Strafen. Welche 
natürlichen Strafen ſollen wir bei Zerfahrenheit, Un- 
gehorſam, Widerſetlichkeit, Böswilligkeit anwenden ? 
Die Zerfahrenheit, welche ſich in Unaufmerkſamkeit, 
Vergeßlichkeit, gänzlihem Mangel an Ausdauer zeigt, 
kann zwar für das Kind eine Reihe von Unannehmiich- 
feiten zur Folge haben, welche, obwohl nicht hoch zu 
veranſchlagen, für daſſelbe nichtsdeſtoweniger empfindlich 
find, ſie kann aber auc< bedenkliche Hemmungen 
ver Entwickelung verurſachen, aus denen ſich das Kind 
wenig macht, wenn es nichts lernt; ſie kann endlich 
Folgen haben, die rein für den Erzieher nachteilig 
find. Kann im lezten Falle von einer natürlichen 
Strafe die Rede ſein? und dürften wir im zweiten die 
natürliche Strafe anwenden? Doch nun und nimmer- 
mehr. Und ähnliche Folge wird meiſtens andaueruder 
Ungehorſam nach ſich ziehen: entweder wird das Kind 
mißraten (denn Gehorſam iſt conditio Sime qua uon 
für das Gelingen der Erziehung und des Unterrichtes), 
oder jener Fehler wird zum Nachteil der &rzieher aus- 
ſhlagen. Und gegen Widerſetlichkeit, BöSwilligkeit 
jowie rohe Schadenfreude wären wir ja ganz machtlos, 
obwohl dieſe Fehler zu den ärgſten gehören. Das 
böswillige und ſhadenfrohe Kind könnten wir aller- 
dings iſolieren, aber durg Zſolation it dieje Klaſſe 
ſittliher Abweichungen nicht zu heilen; ein ſolches 
Kind müßte unter ſeiner Umgebung bleiben, gleiHwohl 
aber von der AusSübung feiner böjen Motive fern- 
Um eine umfaſſendere 
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gehalten oder abgeſchre>t werden.*) Wir ſehen aljo, 
wir kommen, den Philanthropen zum Verdruß, unmög- 
lich mit den natürlichen Strafen aus und müſen uns 
nun nah den fünſtlihen umſehen. Beſonders wird 
dies notwendig in der Sculerziehung, denn ein ober- 
flähliher Vergleich dieſer mit der häuslichen wird 
zeigen, daß ihr die Anwendung natürlicher Straſen 
weit unvollfommener zu Gebote ſteht als letzterer, oder 
fann die Schule Jſolation, Verweigerung von Ver- 
gnügungen, von neuer Kleidung, Vorenthalten des 
Eſſens etc. anwenden? Wohl oder übel aljo, wir 
müſſen uns jezt auch mit den ſogen. künſtlichen Strafen 
fowohl im Hauſe als auch bejonders in der Schule zu 
befreunden ſuchen. Da für letztere eine Neihe neuer 
Verhältniſſe hinzutreten, die möglicherweije das Straf- 
verfahren beeinfluſſen, fo müſſen wir nach einem allge- 
meineren Geſichtspunkte beſtimmen, welche Prinzipien 
für die Verhängung von Strafen in Betracht fommen. 
Und zwar iſt dieſer Geſichtspunkt die Ausdehnung der 
Erziehungsverhältniſſe auf den Staat. 
In ſeinem Werke „Grundlinien des Naturrechtes, 
der Politik und des philojophiſchen Kriminalrechtes“ 
hat Beneke uns die Prinzipien namhaft gemacht, die 
im Staate bei der Verhängung von Strafen in Frage 
fommen. (Es fünd dies: 1. das Prinzip der Wieder- 
vergeltung, 2. das Prinzip der Abſhre>ung, 3. das 
Zrinzip der Erſtattung und Entſchädigung, 4. das 
Prinzip der moraliſchen Beſſerung.**) Dieſe Prinzipien 
ſind für. die Begründung des Kriminalrechtes ) ä mtilich 
anzuerkennen, aber keines ohne die andern. Dies 
iſt von beſonderer Wichtigkeit, denn man iſt zu jehr 
gewöhnt, uur einen Zwe für die Straſverhängung 
geltend zu machen (entweder den der Wiedervergel- 
tung oder Sühne, oder den der Abſhrecung etc.), w9- 
raus denn natürlich f<iefe Konſequenzen zu ziehen 
wären. Fragen wir uns, inwieweit wir dieje Prinzt- 
pien auch für die pädagogiſche Strafe geltend maden 
können. Die Wiedervergeltuung entjpringt aus 
dem in uns entſtehenden Widerſtreben gegen das Ber- . 
gehen oder Verbrechen, in ihrer roheren Art iſt ſie 
gleichbedeutend mit Rache. Dies Prinzip fann für die 
Erziehung nur ſoweit in Frage kommen, als die Ber- 
gehungen des Zöglings gravierend genug ud, um 
eine Reaktion in uns hervorzurufen; 19 bei allen Arten 
wirklicher Frechheit oder gar Widerfetlichkeit, auch bei 
grobem Ungehorſam, bei wirklichen Noheiten, bei raſt: 
niertem Lügen und Betrügen, bei wirklicher Bosheit 
oder HeimtüFe, fo daß man alſo auf gröbliche imnere 
Verderbnis des Zöglings ſchließen muß. Bei derarti- 
geit Vorkommniſſen wird kaum einer ein inneres (Ge- 
fühl der Empörung zurüFhalten können. Das Prinzip 
der AbſhreEung kann nur geltend gemacht werden 
bei gemeinſamer Erziehung, alfo beſonders in der Scule. 
Denn der Zwe, den Thäter ſelbſt von ſeiner That abzu 
ſhreden, fällt weg mit dem Zwe> der Beſſerung, der 
heim Kinde wohl nie unerreichbar iſt; die Abſchre>ung 
bezieht ſich daher auf die umgebenden Zöglinge. 
Dieſer Zwe> iſt ohne Zweifel jehr wichtig, weil 
er Vergehungen zu verhüten geeignet it. Zun 
Lehrbühern der Pädagogik iſt er gewöhnlich über- 
ſehen worden, wie man denn überhaupt in der 
pädagogiſhen Litteratur manchmal das Vernünftige 
überſieht, namentli< inbezug auf die Strafen. Er- 
 
*) Über das Weſen und die Behandlung des Böſen vgl. 
Beneke Sittenlehre Band I S. 268 ff. und Erziehungslehre S« 
319 ff. beſd. 328. 
**) Siehe S. 258 ff. des genannten Werkes. 
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