Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

Hamburaitche Schulzeitung. 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerjtandes. 
Redaktion: 
Chr. Hamann, Hamburg, 
Finkenau 2, H- 
Herausgegeben 
von hamburgiſchen Pehrern. 
Verlag: 
Otto Meißner, Hamburg, 
Hermannſtraße 44. 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Quartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pf. für das 
Vierteljahr. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter ohne Preisaufſchlag an. -- Beiträge ſind an die Redaktion, 
a“ 
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Nachdruck aus dieſer Zeitung iſt, falls nicht ausdrücklich verboten, nur unter deutlicher Quellenangabe geſtattet. 
3. Jahrgaug. 
Die Schulbibel. 
Vortrag, gehalten auf der Verjammlung des 
Hamburger Landichullehrervereins am 6. Juli 1895 
von EC. F. K. Johns. 
(Schluß.) 
Wenn wir nach alledem uns gar uicht anders ent- 
ſcheiden fönnen als für die Schulbibel, ſo muß es uns 
wundern, daß dieſelbe nicht ſchon längſt eingeführt it. 
Einiges Licht über dieſe jonderbare Erſheimung wird 
uns die Geſchichte der Schulbibel geben. 
Wir haben oben gejehen, daß Luther und jeine 
Zeitgenoſſen einzelne Bücher empfahlen, und demzufolge 
wurden auch die bibl. Bücher einzeln herausgegeben. 
Michael Neander wünſ<t 1582, neben dem güldnen 
Kleinod Lutheri, dem kleinen Katechismus, 10 die Kin- 
der auswendig lernen, ein Biblion, das itt eine kleine 
Vibel, darin alle fürnehmen Sprüche der heiligen Schrift 
von allen capitibus doctrinae Christianae, de vita pia 
decenti. de Sancetis moribus, alles nach Ordnung der 
Bücher Capitum vom Anfang der Bibel bis zum Ende 
latein und deutſ< geſeßt mit kurzem Marginalibus er- 
flärt würden.“ *) Dieſe Forderung hält alo die Ytitte 
zwiſ<en unſern heutigen Spruchbüchern und dem von 
uns gewünſchten Bibelauszuge; ne will die Ordnung 
der bibliſmen Bücher behalten, aber nic<t zuſammen- 
hängende Abſchnitte bieten. Neander hat auch jelbſt 
ein Sprichbuch herausgegeben; ob dasſjelbe aber gleich 
dem geforderten Biblion iſt, habe ich nirgends geſunden, 
no<h weniger, ob es benußt wurde. Pappus gab um 
1600 eine „Synopsi8“ heraus. Die zu Anfang des 
17. Jahrhunderts erſchienenen Schulordnungen treffen 
eine Auswahl der zu behandelnden Bibelſtüe. Dann 
fam die traurige Zeit des 3Z0jährigen Krieges, in welcher 
der Schulunterricht überhaupt zufammenſ<molz, ſo daß 
das BVibelleſen erſt Ende des 17. Jahrhunderts allge- 
mem geworden fein kann; ja Dr. Dir behauptet: „Weder 
im 16. noh im 17 Jahrhundert iſt die Bibel in der 
Hand der Schulkinder geweten,/“ und er wird 
wohl rec<ht haben, war doh ſ<hon der Preis der Bibel 
der allgemeinen Benußung hinderlich: das 1. Buch Mote 
allein koſtete zu Anfang des 17. Jahrhunderts (1620) 
nod) 4 Gulden. 
*) Dieſe und folgende Angaben ſind Dr. Dir, Bähnijch) und 
G. Böttger: „Über Bibelauszüge und deren Berechtigung“, Leipzig 
1889, entnommen. 
25. September 18935. 
 
 
ſr. 39. 
Erſt Aug. H. Franke fordert: „daß man die Kinder 
die ganze heilige Shrift von Anfang bis zum Ende 
ſelbſt leſen laſſe, daß ie ſelbſt erfennen, was ſie bisher 
aus dem Katechismo und aus mündlichen Unterredungen 
gelernt haben.“ Der erſte Satz ſcheint das Leſen aller 
Vibelſtücke zu fordern, doch der zweite deutet au? eine 
Auswahl. „Die württembergiſ<e Schulordnung von 
1729 flagt, daß viele Kinder ihr Lebelang feine Bibel 
angeſehen, noch wiſſen was es iſt, und fe wünſcht, dat 
jede Schule jeht eine aus dem Heiligen (dem Kirchen- 
vermögen) anſchaffe; und von nun an fordern viele 
Schulordnungen, daß die heilige Schrit gelejen werde, 
und viele Verſuche wurden gemac<t, der Jugend die 
- Vibel in geeigneter Geſtalt darzubieten; den glülichiten 
machte der Hamburger Rektor Hübner 1714 mir jeinen 
2 mal 52 auserlefenen Hiſtorien,“ welche über 1300 
Auflagen erlebten und lange Zeit in vielen Schulen das 
einzige Leſebuch waren. Erit alS im vorigen Jahr- 
hundert die Bibeln billiger wurden, wurde die Bibel 
das einzige Shulleſebuch und blieb es in einigen Schulen 
Holſteins*) und Melenburgs (wahrſcheinlich auch noh 
anderS5wo) bis vor 26 Jahren. 
Bald nach Einführung der Vollbibel in die 
Sdjulen kam die Zeit der Aufflärung, und wäh- 
rend nun die einen das Sittlichanſtößige er- 
fanntei und deshalb den Kindern nur das neue Te) 
tanment, die Pſalmen und den KatechiSmus mit reiche 
Spruchſammlung in die Hand gaben, ſh aber ſcheuten, 
Hand an das Bibelwort zu legen, änderten die Na- 
tionaliſten derart, daß ſie zwar nicht geſchlechtliche 
Dinge, wohl aber alles, was ihrem Verjtande zu: 
wider war, für auſtößig erklärten. Daß da- 
durch die Schulbibel für lauge Zeit in Wißkfredit 
gebracht wurde, iſt erklärlich. Die erite Arbeit 
von Rektor Hager-Chemnit 1749 nennt fw „kleine 
Kinderbibel“ und will im erſten Teil die vornehmiten 
(Glaubenslehren und Lebenspflichten“, im zweiten den 
Juhalt jeden bibl. Buches angeben und „allerlet nüßz= 
liche Fragen aus dent alten und neuen Tettament 
gründlich beantwortei.“ Von den „nüßlichen Fragen“ 
wenige werden Ihnen beweiten, wie folc<he Arbeiten die 
Sculbibelwage hemmen mußten: Kamm denn Gott auch 
'. 
GG mn 
*) Auch in Holſtein 7?? . D. Red.
	        
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