Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

 
Eine 1Dochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des KLehrerſtandes. 
Herausgegeben 
iihmen Lehrern. 
Tecdaftion: 
Chr. Hamam, Hamburg, 
Finfenau 2, U- 
von hamburg 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Quartformat zum Preiſe von 
Verlag: 
Otto Meißner, Hamburg, 
Hermannſtraße 44. 
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3. Jahrgang. 
Iſt der Menſch von Natur qut oder böfe? 
Die Entgegnung des Herrn. M. Böttcher in Nr. 36 
DI. Bl. zwingt mich, über dies intereſſante und wichtige 
Problem in Kürze eine Unterſuchung anzuſtellen. 
Jah der Benekeſchen Pſychologie (der ich mich, 
unbefriedigt durch die Herbartſiche Richtung, nach langem 
Hin- und Herdenken im weſentlichen angeſchloſen), beſteht 
die Seele aus einem großen Aggregate von Kräften 
oder, wie Beneke paſſender fagt, Vermögen, die zu 
gewijen Syſtemen (nämlich den einzelnen Sinnen) ver- 
einigt jind. Sie iſt aljo ein zuſammenge ejehtes, 
ein außerordentlich 3 ajammengejettes * Weſen, und 
zwar ergiebt jich dieſe Annahme aus der Art und Weiſe, 
wie man den ogen. NezeptionsSprozeß zu erklären hat. 
Bei der Bildung einer Empfindung und Wahrnehmung 
nämlich verbindet ſich =- ſo muß angenommen werden, 
der äußere Reiz mit der Seele, d. h. mit einem Kraft- 
oder Vermögenselement derjelben; diejes Element 
nennt Beneke ein „Urvermögen“ (= urjprüngliches 
Verntögen).*) Dieſe Hypotheſe von der Rezeption ruht 
auf der Erflärung des Bewußtſeinswechſels ; die That- 
jac<ße, daß ein Seelengebilde unbewußt (oder beſſer nac 
Benefe „unerregt“ wird,) aber rein innerlich repro 
duziert werden kann, führt notgedrungen zur Annahme 
bleibender (in Unerregtheit beharrender) Gebilde, 
und diete Thatſache können wir mur erklären, wenn wir 
die Empfindung oder Wahrnehmung aus zwei Clementen 
(Urvermögen und Reiz) beſtehen laſſen, ſo daß eine 
beſtimmte Veränderung in dieſer Verbindung (die ja 
möglich it, 9hne daß dieſe Verbindung geſtört wird) 
das Beharren im Unbewußtſein (= in der Unerregt- 
heit) hervorruft. **) Dieſe Hypotheſen führen uns im 
Verein mit der Erfahrung zur Annahme von zunächſt 
3 „Uranlagen“ der Seele, Reizempfänglichkeit, s Lebendig- 
keit und Kräftigkeit. Nach der Reizempfänglichkeit richtet 
fich das Quantum des Reizes, welches als Minimum 
zum Zuſtandekommen einer Empfindung oder Wahr- 
nehmung erforderlich iſt; die Lebendigkeit beſtimmt die 
*) Vergl. die Atomtheorie anf dent Gebiete des Materiellen. 
Es handelt fich bei der Seele natürlich um dynamiſche Aggregate. 
*=) Nac) Beneke dur< teilweites Entj<hwinden des Reizes, 
fodaß dann das „entſ<windende“ Reizquantum auf andere Gebilde 
übertragen wird. (Dieſe Reize müſſen aber etwas Subſtanttelles 
jein und gemeinjame Elemente enthalten). 
23, Oktober 1895. 
 
%r. 43. 
Schnelligkeit der Rezeption, die Kräſtigteit, die Femig- 
feit der Aneiquung und infolgedeſſen die Dauer und 
Treue des Beharrens im Unbewußtſein. Diete jmd die 
3 einzigen Uranlagen, welche die Benekeiche Piychologie 
annimmt, womit freilich feinesSwegs geſagt wird, daß 
es nicht mehr gäbe. Möglicherweiſe kann eine beſondere 
Uranlage oder Rrädispoſition für die Bildung von 
Luſt», Unluſt» und Schmerzgebilden (für „aſektive“ 
Gebilde, nac< Beneke) exiſtieren; es fönnen bejondere 
Uranlagen 9der Prädis poſitionen für das Zuttande- 
ommen oder Die Beichaffenheit der vſydiſchen Grund- 
prozeſſe (deren Beneke im ganzen 4 namhaft macht)*) 
exiſtieren, es fönnen ſich in der Art und Weiſe, wie 
die verſchiedenen Sinnesfräfte zu eintemt einheitlichen 
WeJen verbunden find, irgend welche individuelle Ver- 
ſchiedenheiten finden, die uns unbefannt find; und da 
die Urvermögen (als lebende Kräfte) von Natur 
Strebhun gen and, 70 kann die Stärke dieies Strebens 
bei den verſchiedenen Menſchen verſchieden jein. Won 
dieſen angenommenen Uranlagen aus layen nch unter 
Zuhülfenahme der Bildungömomente eine jehr große 
Menge von Eigenſchaften oder Fähigkeiten erklären, die 
wir an der ausgebildeten Seele wahrnehmen, Zz. B. 
um nur ein paar anzuführen, Feinheit der nWunlichen 
Auffaſſung, Schnelligkeit des Wahrnehmens und des 
ganzen Gedankenlaufes, Stärke und Schwäche des 
Gedähtniſjes, Enge und Weite des Bewußtfeins, Leb- 
hattigfeit und Friſche der Neproduktion und weiterhin 
aude der Phantane, Empfindlichkeit, Stumpymn, Cnergie, 
Schwäcliekait u. 1. w. Hiermit iitt auch vollſtändig 
die Möglichkeit gegeben, die Entſtehung des Sittlich- 
Normalen und Abweichenden zu erklären. 
Das Sittlich-Normale beruht auf den richtigen 
Werthſchätungen der Dinge, Verhältmniſe 2. Wir 
ſ<mäßen die Dinge 2c. aber nah M (aßgabe DEX „Steigerung“ 
oder „Förderung“, wir verwerfen ne na< Maßgabe 
der „Hemmung“, die fe unſerer feellihen Thätigkeit 
gewähren (d. h. Populär geſpromen nah Maßgabe 
deſen, in welcher Weiſe ſie uns = im weiteſten 
Sinne des Wortes -=- angenehm oder unangenehm 
beeinfluſſen). Dieje Schätzung iſt die primitive, wie 
*) Den Prozeß der Reizaneignung, den der Ausgleichung 
(Reizübertragung), der Anziehung des Gleichartigen und endlich 
den der Anbildung neuer Urvermögen.
	        
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