Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

Zamburgiſch 
 
 
 
Schulzeitung. 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des LKehrerſtandes. 
Redaktion : 
Chr. Hamann, Hamburg, 
3. Alſterſtraße 21, HI. 
Berausgegeben 
von bhamburtiſchen Lehrern. 
Yerlag: 
Otio Meißner, Hamburg. 
Hermannſtraße 44. 
 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Muartformat zum Preiſe von 1 Mark 59 Pf. für das 
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3. Jahrgang. 
30. Januar 1895. 
STO. 5. 
 
 
Bſflanzen und Ameiſen. 
(Vortrag, gehalten von Dr. R. Timm im Sdul- 
wiſſen] haftlichen Bildungsverein.) 
Den Begriſſ der Biologie haben verſchiedene Forſcher 
in verj<hiedener Weiſe gefaßt. Diejenigen, die am 
weiteſten gingen, haben darunter die Wiſſenſchaft von 
ſämtlichen Criheinungen in der belebten Welt verſtanden. 
Für gewöhnlic< pflegt man aber dem Begriff weſent- 
lim engere Grenzen zu ziehen. Wer von biologiſchen 
Vorgängen redet, hat dabei zunächſt diejenigen Vor- 
gänge im Auge, die ein belebtes Weſen durc< ſeine 
Umgebung, alfo dur<h ſeine äußeren Lebensbedingungen 
erleidet. Zu diejem Sinne wäre alſo Biologic Er- 
forſ<ung des urſächlichen Zuſammenhanges, in dem 
die Fornt eines belebten Weſens zu ſeiner Umgebung 
ſteht. Mit anderen Worten, der Biologe unterſucht 
die Anpaſſungen eines belebten Weſens an feine Um- 
gebung. uſofern letztere ſelbſt belebt iſt, wird häufig 
die Anpaſſung eine wedhyelſeitige ſein. 
Yian kann wodl fagen, daß heutzutage, und zwar 
ganz bejonders im naturgeſchichtlihen Unterricht das 
Intereſſe an biologiſchen Vorgängen ein hervorragendes 
und immer mehr wachſendes iſt. Dafür giebt es 
einen inneren und einen äußeren Grund. Einmal 
feſſelt den Menſ<gen, foweit er nicht dure ſelbſtſtändige 
Motive in Anfpräch genommen wird, die Auffindung 
eines urfädlihen Zufammenhanges in der Regel mehr 
als das Aneinanderreihen und Auswendiglernen von 
Thatjahen. Der äußere Grund aber iſt der, daß die 
Biologie in unjerm Sime eine Wiſſenſchaft iſt, die 
jeit den ſechziger Jahren Fortſchritte gemacht hat, wie 
kaum eine andere der fogenannten beſchreibenden Natur 
wiſſenſchaften. 
Das Berdienſt, die Biologie von den Toten erxr- 
wett zu haben, gebührt wie [ſo viele andere Verdienſte 
Darwin, der den glüklichen Griff that, die ſtaunens- 
werten Leiſtungen des guten alten Chriſtiaan Conrad 
Sprengel der Vergeſſenheit zu entreißen, in der Nie 
etwa 60 Jahre lang gejhlummert hatten. Sprengel 
hatte in jeinem Buche: „Das neuentde>&te Geheimnis 
der Natur in der Befruchtung der Blumen dur< In:- 
jekten“ mit einem Schlage wohl ſ<on die Hälfte de3-= 
jenigen feſtgeſtellt, was wir jeht über Beſtimmungs- 
vorgänge dex Blumen wiſſen; aber das Zeitalter 
 
 
der Naturphiloſophie hatte unter jeinen albernen 
Gedanfenſpielereien die Ergebniſje exacter Forſchung 
begraben. Darwin und vor allen Dingen der leider 
zu früh in den Alpen verſtorbene Hermann Müller 
bauten das von Sprengel begründete Fundament nach 
allen Nichtungen aus. 
In der ganzen Beſtäubungstheorie handelt es jih 
um Vorrichtungen, die das Beſtehen der Art ſichern. 
Da man einmal mit Unterjuchungen beſchäftigt war, 
die dieſein Gegenſtand zum Ziele hatten, drängten ſich 
den Forihern auch bald Thatja<hen au1, die zeigten, 
daß ganz beſtimmte Einrichtungen das Beſtehen des 
Individuums ſichern. Solche jimd zweierlei Art, 
nämlich: 1) direfie Shußvorricgtungen, bejonders dic 
in letzter Zeit gut ſiudierten Shußmittel gegen Shnecen- 
fraß, 2) indirekte Schußvorrichtungen, d. h. die Auf- 
nahme von nüßlihen Geſhöpfeu, insSbejondere von 
Ameiten. 
Die Ameijen bilden im der Natur eine Groß- 
macht erſten Ranges, 19 zwar, daß unter Umſtänden 
der Menſc< gezwungen Ut, ſich derſelben zu unter- 
werfen. Sehon in unſerer Heimat tritt dent Infekten- 
ſammier die Bedeutung der Ameiſen entgegen. Jit 
man damit beichäftigt, Zitterpappel- oder Cichenzweige 
in den Schirm zu klopfen und findet ihn voller 
Ameiſen, jo kann man an dieſer Strelle das Sammeln 
meiſt als orfolalos aufgeben. Finder man unter einem 
Stein eine Ameiſenkolonie, Jo braucht man ſh mit 
Zuſehn keine Mühe zu geben, es Jei denn, daß man 
hofft, die ſpeziellen Freunde der Ameiten, als da nnd 
Keulenkäfer, gewiſſe Kurzilügler u. dergl. zu finden. 
Ungleich gewaltiger iſt die Macht der Ameiſen in 
den Tropen. Bates ſchreibt über die Raubzüge der 
Wanderameiſen (Beiton) Folgendes: Man itt ſicher, 
auf jeder Waldexrkurjion am Amazonenſtrom eine oder 
mehrere Kolonien von Beiton hamata oder Eeiton 
drepanophora zu treffeit. ihre Vorboten exr- 
iheinen Schwärme fieiner. unrütziger Bögel, 
) bot Ddeoren 
Anbli> der Indianer die Flucht nimmt; der unkundige 
Europäer, der ungeahtet dieſer Warnung ſeinen Weg 
fortkebt, wird einen Augenblif nachher von zahlloten 
Ameiſen überfallen, die ſich in feine Haut feſtbeißen, 
um beſer ſtehen zu können. Jhre Ankunft ruſt 
Shre&Fen und Beſtürzung in der ganzen Tierwelt her- 
vor; Ameiſen anderer Arten, Spinnen, Raupen, über-
	        
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