Full text: Hamburgische Schulzeitung - 3.1895 (3)

 
Es 
aa c ulze itung. = 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerſtandes. 
Redaxtion : 
Chr. Hamann, Hamburg, 
3. Alſterſtraße 21, 14 
Berausgegeben 
von hamburtiſchen Lehrern. 
Derlag: 
Oito Meißner, Hamburg. 
Hermannſtraße 44. 
 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint wöchentlich in einem Bogen Groß-Quartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pf. für das 
Dierteljahr. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter ohne Preisaufſchlag an. -- Beiträge ſind an die Redaktion, 
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WMachdru> aus dieſer Zeitung iſt, falls nicht ausdrücklich verboten, nur unter deutlicher Quellenangabe geſtattet. 
 
3. Zahrgang. 
Dom Kindlicen Gemüte. 
„Gemüt iſt mehr als Geiſt, 
denn das Gemüt iſt wehr als Wurzel, 
wenn der Geiſt wie Blütenduft verweht.“ 
Veitten im Winter; die Erde hat ſich mit dem 
j<hüßenden Mantel bekleidet; das Waſſer ſtarrt; die 
Natur ruht. Nur die bei uns gebliebenen Vertreter 
der gefiederten Welt flattern von Aſt zu Aſt, ihnen 
bereitet dieje Ruhe größte Rot. Du erinnerſt dich 
ihrer und eiiſt. den Darbenden ein Wohlthäter zu ſein. 
Dies bemerkt eins deiner Kleinen und fori<t j<hnell 
nag deinem Thun. Da fc<hilderſt du ihm die ſchlimme 
Lage der hungernden BVögelein. Beit wehmütigem 
Bli> folgt das Kind der Schilderung, ja eine Thräne 
perlt in feinem RNuglein. Du fährſt fort, wie not es 
tyue, den Verlaſſenen das zu erſeßen, was dic Natur 
ihnen entzieht. Da erhellt ji) des Lauſ<hers Blis, 
ein ſreudiger Zug verklärt ihn, und das Kleine ruſt 
aus: „DO, ich will auc<h den Bögelein Körnchen ſtreuen, 
iM will ihnen das Fenſter öffnen und ſie einlaſjen!“ 
Und es eilt, feinem Verſprechen nachzukommen, ja, es 
erfüllt alltäglic< gar eifrig ſeine Pflicht und hat feine 
Freude, wenn feine Gäſte recht zahlreich an der Tafel 
erſcheinen. 
Siehe nun, mein Freund, 10 zeigt ſich das Gemüt, 
das kindliche Gemüt, lauter wie Gold. 
Cs war dies Beiſpiel ein Bild davon, aber nur 
ein einziges. Manches andere Beiſpiel würde uns zu 
einem andern Reſultate und zu der Erkenntnis führen, 
wel<h ein großer Unterſchied jich ji<hon in dem Gemüts- 
leben der Kinder zeigt. 
Gemüt! Weld hohen Wert birgt e2, und wie 
unendlich notwendig iſt es zu einem wahrhaft glücd- 
lihen Leben! Wie fehr thut es deShalb not, i<on 
das zarte, kindliche Gemüt zu pflegen und zu hegen! 
„Was kein Verſtand der Verſtändigen ſieht, das übt 
in Einfalt ein kindlih Gemüt“, ſagt der Dichter 
von ihm. 
Welches find mun fürnehmlic< jeine Bildungs- 
ſtätten ? Erſt die Familie, dann aber hauptjählich die 
Sqdule. | 
Die Eltern pflanzen den Keim und find die erjten 
Bildner des kindlihen Gmütes. Das Familienleben 
iſt von größtem Einfluſſe darauf, und wohl dem Kinde, 
13. FSebruar 1895. 
 
io. 7. 
das das ſorgende Schaffen des Baters, das wohl- 
thätige Walten der liebenden Mutter je gejehen. Wie 
aber, wenn ihm dieſes Glü> eines geordneten Familien- 
lebens nie zuteil wird? Da wird jih denn in feinem 
Gemütsleben eine Lücke zeigen, die dur<g feine Er- 
ziehung jemals ausgefüllt werden kann. „Ein Kind, 
das feine häuslihen Freuden umgeben, wird auch den 
häuslichen Sinn nicht vbefommen. Waltet daheim ein 
grämlicher, unerquidlicher Geiſt, jo wird es die Er- 
heiterung, welche ein kindliches Gemüt mit Recht be- 
gehrt, außer dem Haufe ſuchen; es entj<lüpft dem 
jhüßenden Gehege der Familie, und bald hat es 
draußen andere Tröſter und Freunde gefunden, welche 
ihm alles find, was ihm Vater, Mutter und Geſchwiſter 
ſein ſollten, und welche mit leichter Viühe niederreißen, 
was man daheim aufzubauen ji< bemüht. So wichtig 
iſt es, bei aller Strenge dafür zu ſorgen, daß dem 
Kinde ſein Vaterhaus wirklich feine Heimat, die Stätte 
ſeines Glü>es8 und aller lieblichen Crinnerungen für 
LebenSsSzeit werde.“ 
Die Familie bereitet aljo in nacHhaltigſjier Weite 
vor für die Schule. Dieſe tritt in zweiter Linie für 
eine in das Gemütsleben eindringende Bildung in die 
Schranken und bereitet ſo in Harmonie mit der Geiſtes- 
bildung fürs künftige Lebensglü> des Kindes vor. Nie 
mehr konnte und mußte die Notwendigkeit einer ein- 
gehenden Gemütspflege erkannt werden als heute, wo 
ſiH in auffallender Weiſe das realiſierende Streden 
kundgiebt und es faſt Iheint, als ob das Nüßliche die 
Oberhand über jeglihes Wahre, Gute und Schöne 
gewänne. 
„Wiſſen iſt Mahi, aber fühlen, edel fühlen itt 
mehr noch.“ KeineSweg8 foll die Verſtandesbildung 
Opfer bringen oder ihr nachſtehen, ſondern beide jollen 
in inniger Vereinigung gepflegt werden. Nur das 
verſtändige Gemüt, d. h. das mit Cinjiht und Wille 
verbundene Gemüt hat wahren Wert. | 
Denn es iſt ebenſo wenig denkbar, daß ein bloßer 
Gemütsmenſ< in ſeinem j1<hwankenden, ganz von der 
Gemütsſtimmung bedingten Handeln glülic< int, wie 
es der Verſtande8men]h, dem die Herrſchaft des BVer- 
ſtandes jeglihe Regung des Edeln längſt erjtit hat, 
ſein kann. Des8halb ſagt Braun: „Die gute Erziehung 
des Menſchen beruht auf der Bildung ſeines Gemütes 
und dem Unterrichte feines Verſtandes. Beide zu-
	        
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