Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Anzahl der Lehrſtunden noch vermehren, öhne uns berechtigten 
Klagen der Eltern und der. Ärzte: auszuſeßen. : Aber ſelbſt, 
wenn wir uns um derartige Beſchwerden nicht kümmerten 
und einen Verſuch mit der verlängerten Unterricht3zeit machen 
dürften, würden wir bald zu der Einſicht kommen, daß die 
Kinder troß dor größeren Stundenzahl weniger lernen als vor- 
her, da die. Überanſtrengung der findlichen Kräfte notwendig 
eine völlige Erſchlaffung im Gefolge haben müßte. Nun 
wird allerdings von einigen Freunden des Handfertigkeit3- 
unterricht3 behauptet, daß dieſer gewiſſermaßen eine Erholung 
nach der vorangegangenen geiſtigen Arbeit bedeute. Allein 
das kann unter Umſtänden wohl. von der rein mechani]< 
au8zuübenden körperlichen Arbeit gelten, wie die maſſenhafte 
Anfertigung desſelben Gegenſtandes ſie erheiſcht, nimmer- 
mehr aber von der erziehlichen Knabenhandarbeit, die ſtetig 
vom Leichten zum Schweren fortſchreitet. Hier gleicht kein 
Arbeit3objekt dem andern, jede3 folgende bietet neue Schwierig- 
feiten , feine Herſtellung erfordert daher die ſchärfſie Beob- 
achtung, die ih mir ohne hohe Anſpannung der Geiſteskräfte 
nicht denken kann. 
Doch ſollte man vielleicht die erſorderliche Zeit für den 
neuen Unterricht8gegenſtand dadurc< gewinnen können, daß 
man dieſes oder jenes Fach fallen ließe oder wenigitens den 
Lehrſtoff bedeutend beſchränkte? Als man gegen die Schule 
den Vorwurf erhob, daß ſie die Schüler überbürde und das 
Gedächtnis übermäßig belaſte, da haben die Volksſc<hullehrer 
auf Verſammlungen und in der pädagogiſchen Preſſe die 
Angelegenheit reiflich erörtert und die redliche Abſicht ver- 
folgt, die Schüler zu entlaſten. Allein, beim beſten Willen 
iſt es nicht gelungen, den Wiſſensſtoff erheblich zu ver: 
mindern, oder gar ein Fach al8 unnötig auszuſc<eiden, weil 
eben in der Gegenwart, wo der Kampf ums Datein ſich 
immer heftiger geſtaltet, ganz bedeutende Anforderungen an 
das Wiſſen und Können jede3 einzelnen geſtellt werden. 
Die vorhandenen Lehrfächer ſind nicht willkürlich von Lehrern 
oder Behörden feſtgeſetzt, ſondern fie haben fich aus dem 
Weſen der Kinde8natur und der Geſtaltung des praktij &en 
Leben8 als notwendig ergeben. Nun wird allerding3 be- 
hauptet, daß die Einführung des Handfertigkeit3unterrichts 
eine unabweisliche Forderung des heutigen Kulturzuſtandes 
fei; das darf aber nicht in ſo allgemeiner Form zugegeben 
werden. Wohl habe ich wiederholt gehört, daß Kaufleute 
der modernen Schule den Vorwurf machen, ſie bereite ihre 
Schüler nicht genügend auf den Handelsberuf vor; bejonder3 
im Rechnen erwiej2zn ſich die Lehrlinge wenig gejc<iät; ic< 
habe ferner erfahren, daß einzelne Profeſſoren mit der Vor- 
bildung der Studenten, daß Geiſtlihe mit dem religiöſen 
Wiſſen der Konfirmanden unzufrieden waren; allein, von 
einer Klage des Handwerkerſtandes über mangelhafte Au3- 
bildung von Auge und Hand der au3 der Volks|chule ent- 
laſſenen Jugend und von dieſerhalb gegen die genannte 
Bildungsanſtalt erhobenen Vorwürfen iſt mir nichts bekannt. 
I<H habe gewiß alle Hochachtung vor den verdienten Männern, 
welche an der Spiße der Handfertigkeit3beſtrebungen in 
Deutſchland ſtehen; allein es find zum größten Teil Theo- 
retifker, die e3 wohl herzlich gut mit dem Volke meinen, 
deren Wünſc<e ich aber nicht al8 Forderungen des praktiſchen 
Leben3 gelten laſſen kann. Dieſe Unkenntnis der realen 
Verhältniſſe hat ſie auch veranlaßt, die Einfügung des Hand- 
ſertigkeit3unterricht3 in den Lehrplan der Volksſchule zu 
fordern. Die Praktiker, in dieſem Falle alſo die Volks|<ul- 
lehrer, haben durch ihre Abſtimmungen in der letzten Zeit 
bewieſen, daß ſie dieſe Forderung nicht unterſtüßen können, 
ſo jehr jie auch den guten Kern der beſagten Beſtrebungen 
anerkennen. Wirklich dringenden Anſprüchen des praktiſchen 
Lebens hat die Lehrerſchaft nie ihr Ohr verſchloſſen, wie ſie 
auch immer bereit war und no< iſt, vorkommende Mängel 
im Schulleben zu bejeitigen. Ja, ſie übernimmt willig ſelbſt 
ſolche Pflichten, wel<e mit der Erziehung abſolut nichts zu 
thun haben, wenn dadurch das Volk8wohl gefördert wird. 
So haben die Lehrer ohne Murren die Führung der Impf- 
liſten auf ſic genommen und dadurch erſt die ſtrikte Durch- 
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führung des Impfgeſezes ermöglicht: “Mit “welchem - Eifer 
haben fich die Lehrer der körperlichen: Ausbildung: der : Zög- 
linge angenommen ,: als ſie erkannten, daß die einſeitige 
geiſtige Anſpannung bedenkliche Folgen für ſie haben kann! 
Willig öffneten ſie dem Turnunterrichte die Thore der Schule, 
gründeten Jelbſt zur eigenen weiteren Ausbildung eine große 
Zahl von Turnvereinen und geſtalteten den neuen Unterricht3- 
gegenſtand durch Pflege der Turnſpiele und der Schüleraus- 
flüge weiter aus. Auch ließen ſie zwiſchen je zwei Unterricht3- 
ſtunden eine Pauſe eintreten, um damit der geiſtigen Ermüdung 
vorzubeugen. Und hat die Schule nicht auch einer Forderung 
des praktiſchen Lebens entſprochen, als ſie das Zeichnen al3 
Unterrichtsfach einführte, obgleich es für ihre Hauptaufgabe, 
intellektuelle Bildung zu vermitteln, geringe Bedeutung hat. 
Aus dem Geſagten geht, glaube ich, zur Genüge hervor, daß 
der Vorwurf, die Schule ſei verknöhert und kümmere 
ſich nicht um die Bedürfniſſe der Zeit, durchaus unberechtigt 
iſt. Evenſo ſprechen die Thatſachen gegen die Behauptung, 
daß die Schule zu wenig für die AusSbildung von Auge und 
Hand thue. Soweit dies ihre Pflicht iſt, ſucht ſie derſelben 
jederzeit nachzukommen; wenigſtens gilt dies für die Volk3- 
ichule, iſt doch gerade hier oberſter Grundſaß: „Unterrichte 
anſchaulich!“ Dieſe3 Prinzip wird in jedem Fache und auf 
jeder Stufe beachtet. Für die Elementarklaſſen hat man 
gar einen beſonderen Anſchauung3unterricht eingeführt, doch 
wohl ein Bewei38, daß der AusSbildung des edelſten Organs 
des menſchlichen Körper3 in der Schule die nötige Beachtung 
geſchenkt wird. Ebenſo dienen auch Schreiben und Zeichnen 
dazu, Auge und Hand zu bilden und, ſoweit die Schule dies 
ermöglichen kann, erſtrebt ſie auch die Veredelung des Ge- 
ſ<ma&s. Gerade von Lehrerkreiten unſerer engeren Heimat 
wird unermüdlich auf Pflege der künſtleriſchen Bildung ge- 
drungen, und werden Mitiel und Wege zur Erleichterung 
dieſes Ziele3 ausfindig gemacht. Man kann aljo den Lehrern 
wohl nicht den Vorwurf machen, daß ſie dieſe Seite der 
Erziehung vernachläſſigten. Wenn ferner darauf hingewieſen 
wird, daß die Handarbeit den Schüler zur Selbſithätigkeit 
anleite und ſeinen Willen kräftige, ſo kann das wohl von 
niemand beſtritten werden. Allein geſchieht dies nur durch 
die Handarbeit, nicht auch durch die geiſtige Arbeit: I< 
meine, ob der Knabe einen mit Kerbſchnitt verzierten Kaſten 
herſteut, oder einen Aufjaß anfertigt, macht hier keinen Unter- 
ſchied. Beide Arbeiten bedürfen in der Regel einer vorher- 
hergehenden Beſprechung; bei beiden iſt der Schüler zur 
Selbſtthätigkeit veranlaßt, wenn ſein Lehrer den Unterricht 
in der richtigen Weiſe erteilt; und in beiden Fällen wirkt 
die Nrbeit auch günſtig auf die Entwiälung ſeines Charakters. 
Mithin kann die Schule auch ohne Pflege de3 Handſfertig- 
keitSunterrichts das Ihrige dazu beitragen, die Jugend zu 
jelbjithätigen, tüchtigen, ſittlihen Menſchen zu erziehen, wenn 
die Lehrer ſich auch geſtehen müſſen, daß die: Erziehung 
mit der Entlaſſung aus der Schule no< lange nicht ab- 
geſchloſſen iſt. | 
In meinen bi3herigen Ausführungen glaube ich die 
wichtigſten Gründe, welche für die Einführung des Hand- 
fertigkeitZunterricht8 in den Lehrplan der.Volksichule geltend 
gemacht werden, einer Beſprechung unterzogen zu haben. 
Wenn mit einer gewiſſen Vorliebe darauf hingewieſen wird, 
daß unlere großen Pädagogen, wie Comeniu3, LoFe, Rouſſeau 
und Peſtalozzi, die Bedeutung der Handarbeit für die Er- 
ziehung voll ertannt und dieſelbe daher für den Zögling 
gefordert hätten, jo kann dem gegenüber entgegnet werden, 
daß dieje Männer doch wohl etwas anderes im Auge batten, 
als die moderne Volk5ſchule. 
Sine beſondere Betrachtung verdient ſodann die Frage, 
wer den Handſfertigkeit3unterricht, fals er für alle Volk3- 
ſchüler odligatoriſch würde, erteilen ſolte. Da dieſer Unter- 
richt erziehlich wirken ſoll und vandweirker nicht die erforder- 
liche pädagogiſche Bildung beſitzen, ſo fällt die neue Aufgabe 
ſelbſtveritändlich den Volksſ<ullehrern zu. Folglich muß bei 
deren Ausbildung in den Seminaren auc<h hierauf Bedacht 
genommen, alfo in dieſen Anſtalten Arbeitsunterricht ein-
	        
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