Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

erammmanttng 
gegenüber haben, daß die Herrſchaften oftmals Vorzüge und 
Tugenden von den Dienſtboten verlangen, die ſie ſelbſt nicht 
beſiten, die aber ihre Untergebenen naturgemäß nicht be- . 
ſigen können. 
Dem allem wollen die Mädchen ſich nicht mehr ausſetßen. 
=- Und „man will auch ſeine Freiheit behalten“ -=- mehr 
und mehr öffnen ſich dieſem Verlangen die Wege. -- Da 
hat man wiederum mit der Lage der Dinge zu rechnen. 
Das Rad der Zeit rollt weiter. --- 
Wie kann nun da geholfen werden ? 
Klar iſt, daß viel zu wenig geſchieht, um die Mädchen 
für ihre ſpätere Stellung im Leben, für die ihnen zufallenden 
Aufgaben vorzubereiten. Pflicht iſt, den Wert der Familie 
und des Familienlebens immer wieder zu betonen und für 
den Beſtand desſelben unter allen Umſtänden einzutreten. 
Denn noc< immer gilt der Saß: „Nur auf einem geordneten 
Familienleben erbaut ſich ein geordnetes Staat3leben.“ Mehr 
al3 je fällt der Frau an der Herbeiführung und Erhaltung 
deöſelben ein großer, ja der größte Teil der Sorge zu. Im 
Hauſe nimmt ſie, während der Mann durch ſeinen Beruf fern- 
gehalten wird, eine wichtige volk8wirtſchaftliche Stellung ein. 
Denn daß die HauZarbeit, wie man in Lehrerkreiſen 
(ſiehe Pädagogiſche Reform vom 31. Mai 1899) behaupten 
will, in kurzem auf einen kleinen, nicht3ſagenden Reſt zu- 
ſammenſc<melzen oder bald in immer mehr gewerbliche Arbeit 
in Zukunft ſich umwandeln werde, kann uns doch vorläufig 
noch nicht recht einleuchten. 
Denn wenn auch „die Frau in jetiger Zeit nicht mehr 
wie früher ſpinnt und webt“, wenn ſie wirklich -- wie es 
dort heißt -- „die Fleiſchwaren oft tiſchfertig -- ich möchte 
fragen -- wo?, --- „die Wäſche nadelfertig dem Laden ent- 
nehmen und wenn ſie ſelbſt den ehrwürdigen Striſtrumpf 
in abſehbarer Zeit vielleicht nicht mehr ſtrifen würde“ (wir 
erlauben un3, hinter dieſe Dinge ein ziemlich großes Jrage- 
zeichen zu jeßen), jo würde eben die neue Zeit der Frau 
auch zahlreiche neue Aufgaben im Hauſe, das verfeinerte 
Kulturleben ihr neue Pflichten in ihrem Familienkreiſe auf- 
erlegen, deſſen Seele ſie dennoM vorausſichtlich zu bleiben 
wünſchen wird. 
- In dem oben erwähnten Artikel jagt der Herr Referent 
weiter: „Eine zwieſacßh (aljo dur<; Erwerb und Verwaltung 
.de8 Haujes) belaſtete Frau wird natürlich eine Laſt ab-= 
ſchütteln. Da Erwerben Vorbedingung des HauShaltes iſt 
-- i< frage mmm: iſt denn für die Frau, ſo lange der Mann 
vorhanden, auf jeden Fall Erwerben Vorbedingung, wenn 
z. B. zu Hauſe kein genügender Erſaß, wenn die Kinder- 
erziehung die Gegenwart der Mutter erheiſcht, wenn ein 
pflegebedürftiges Familienglied ihr Fortgehen nicht zuläßt, 
wenn der Mann nicht zu ſeinem Rechte kommt, wenn das 
einerſeit3 von ihr Erworbene am andern Ende doppelt wieder 
ausfließt? --- „da alſo Erwerben Vorbedingung des Hau3- 
„baltes iſt (heißt e8 weiter), jo wird ſie ihre Erwerbsthä: . 
„tigkeit feſthalten müſſen, und e8 wird ihr gelingen, ſich der 
„Dauswirtſhaftlihen Arbeit ganz oder teilweiſe zu entledigen, 
„alls ſie ihre Erwerbsthätigkeit ſo weit zu ſteigern vermag, 
„daß jie eine Hülſsperjon zum Reinigen, Kochen, Nähen 2c. 
„anſtellen kann. Die Erwerbsthätigkeit der Frau iſt ſomit 
„wichtiger als ihre hauswirtſchaftliche Ausbildung“ -- ſo 
jagt uns der Artikel der Pädagogiſchen Reform. 
Verehrte Anweſende! I< denke, wir wollen uns dies 
Zukunftsbild, wo vielleicht Mann und Frau beide vom Er- 
werb heimkommen, wo im Hauſe aber während deſſen unter 
der Kinderſ<ar die Fremde, liebeleer, gewaltet hat, doch 
nicht als erſtrebenSwert aus8malen; oder ſollten die Zuſtände 
ſich jo geſtalten wider unfern Wunſch, ſo würden wir dann 
wahrſcheinlich denſelben Kummer der nicht genügenden haus- 
wirtſchaftlichen Ausbildung der Tauſende von Hülfsperſonen 
zu beſprechen haben, und die Sache -- bliebe dieſelbe. --- 
Die verkürzte Arbeits8zeit, wie ſie uns in Ausſicht geſtellt 
Wird, die dann Muße für die Kindererziehung bringen ſoll, 
dürfte == vorläufig auc< noh etwas ſehr auf ſi< warten 
laſten, würde ſchwerlich aber eine weſentliche Anderung ber: 
 
10 
 
beiführen können; außerdem geſchieht do< eben die Kinder-= 
erziehung am beſten nur durch die ganze und volle Hingabe 
der jelbjierzogenen Mutter und zwar durch die Häuslichkeit 
und in der HäuSlichkeit ſelbſt. 
Aljo bleiben wir dabei: die Frau nimmt in der Häus- 
lichkeit eine wichtige volk8wirtſchaftliche Stellung ein. Durch 
ihre Hände geht der größte Teil der Einnahmen und Aus8- 
gaben, ein großer Teil des Nationalvermögen8. Auf ihrer 
Thätigkeit und Einſicht beruht zum großen Teile das Glü> 
und die geſicherte Exiſtenz der Familie und ſomit der Wohl- 
ſtand des geſamten Volkes. 
Aber vielen Frauen fehlt für ihre Aufgabe leider der 
re<te Sinn, der Überbli>. Sie verlieren ſich in Kleinig- 
keiten des Haushalten3, erweiſen ſich aber als unpraktiſch 
in entſc<eidenden Fragen, vertändeln oft ihre Zeit mit allerlei 
unnüßen Arbeiten, wiſſen nichts von richtiger Zeiteinteilung, 
juchen Zerſtreuungen der oberflächlichſten Art, geben oft Geld 
aus für unnüße oder wenigſtens überflüſſige Dinge. 
So lebt man gedankenlos weiter. Hunderte von Exi- 
jtenzen gehen zu Grunde. E83 fehlt der ſichere Bli, die 
ſtarke Hand, da3 Lebensſchifflein mit dem häuslichen GlüsF 
an den Klippen des Daſeins ungefährdet vorbeizuführen. 
Beſonders wichtig wird die Anleitung zur rechten Haus-= 
haltsführung für die Familie der Hand- und Fabrikarbeiter, 
kurz für die Bedürſtigſten unter unſern Volksſchülerinnen. 
Erweiſt ſich hier ein Mädchen ſpäter al3 untüchtig, ſo 
wird die Ehe mit einem gewöhnlichen Fabrikarbeiter, Hand- 
werk3geyellen, felbſt mit einem kleinen Meiſter oder Unter- 
beamten, er mag no< jo brav oder ſparſam ſein, bei einer 
Reihe von Kindern faſt unausbleiblih zu einer ununter- 
bdrochenen Kette von Entbehrungen, von Kummer und Sorgen 
werden. Unjere Armenpfleger, jowie auch die VolkS8ſchul- 
lehrerinnen, die ſich um dieſe Dinge kümmern, wiſſen davon 
zu erzählen. 
Iſt ein jol<es Mädchen vielleicht ſofort nach der Kon- 
firmation in die Fabrik gewandert, bis zur Verheiratung von 
der Erwerbsthätigkeit in Anipruch genommen, 1o iſt es in- 
zwiſchen dem Hauſe dermaßen entfremdet worden, daß es 
dort als Gattin auch jpäter ſich nicht rec<t heimiſch fühlen 
wird. --- Denn aus einem unerzogenen, unordentlichen Mäd- 
<en fann nicht jpäter eine erzogene, einſicht38volle Frau 
werden. -- Woher ſoll auch hier Kenntnis, Zeit und Luſt 
für hauswirtſchaftliche Aufgaben kommen? 
Unpraktiſc<es Kochen, mangelhafte Ernährung, Uner- 
fahrenheit beim Einkaufen, ſchlechte Wirtſchaft3führung, fort- 
währende Mißgriffe inbetreff der Kindererziehung, Unzufrie- 
denheit des Manne3, Zerwürfniſſe, Wirt3hauslaufen, Trinken 
ſind die gewöhnlichen Folgen ſolcher Verhältniſſe. 
Laut Bericht der hamburgiſchen Verwaltungsbehörden 
waren z. B. im Jahre 1897 in den hieſigen Fabrikbetrieben 
7137 Arbeiterinnen beſchäftigt. Die Induſtriezweige waren 
folgende: Konfektion, Korſett3, Schirme, Blumen, Schuh- 
waren, Kakao, Chokolade, Konſerven, Liqueure, Kaffeeberei- 
tung, Wollgarn, Wäſcherei, Weberei, Färberei, polygraphiſche 
Gewerbe, Gummi, Papier, Korbflehtereien, Metallarbeiten, 
Zigarren, Parfümerien, Drogen, Chemikalien 2c. 2c. 
„äm Maſſenartikel inimer billiger als die Konkurrenz 
herſtellen zu können,“ beißt es dort, „wird der Frauenarbeit 
ein immer größeres Feld in der Jabrikartigen Thätigkeit er- 
Ihloſen.“ Man findet ſie Ihon beim Schraubenſ<neiden 
und .an kleinen Drehbänken uſw. 
Hier iſt thatkräftige Hülfe nötig. Es muß Wandel 
geſchafft werden. Die Mädchen müſſen für ihren ſpäteren 
Beruf als Hausfrau vorgebildet werden. 
Die verheiratete Frau iſt aber mc<t bloß Leiterin des 
Hauſes, ſie iſt auc; Mutter. 
Sowohl die körperliche als auch die geiſtige Entwiälung 
unzähliger Menſchen iſt in unſerer Zeit mehr denn je durch 
die Mutter beſtimmt. Der Mann wird, bejonders in der 
Großſtadt, viel vom Hauſe ferngehalten; oft freilich muß 
leider die Frau miterwerben, mitſchaffen, dennoc< bleibt
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.