Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Schüle- 
 
 
 
 
 
Schüler Linnen Summe 
Primarſ<ulen ............ 27 933 | 82,8%/6 | 30 399 58 332 
Sekundarſchulen. .......... 4 354 | 12,990 3109 7 463 
Gymnaſien u. Induſtrieſ<hulen 
reſp. höhere Töchterſchulen 658 1,9%/0 236 894 
Seminare... uuuucucecnininn 198 0,6%/0 69 267 
Hochſchulen... oc uu uo 595 | 1,8/0 133 728 
33 738 | 100%/0| 33 946 67 684 
 
Dieſe lehrreiche Tabelle zeigt, daß auch bei der einheit- 
lichen ſc<weizeriſchen Schulorganiſation nur 4,3%/0 der Schüler 
in die höheren Schulen gelangen, alſo etwa ebenſo viele 
wie in Preußen. Aber den unverkennbaren Vorzug hat die 
ſchweizeriſche Einrichtung, daß ſie gerade den Befähigtſten 
der ganzen Nation die Möglichkeit bietet, ſich in die höheren 
Schulen emporzuarbeiten, weil alle Schulkategorien organiſch 
miteinander verbunden ſind. Als Anhänger der philoſophiſchen 
Zwecdlehre muß man wohl annehmen, daß es einem Finger- 
zeige der Natur entſpricht und dem Staate ſowie der Geſell- 
ſchaft zum Segen gereichen muß, wenn die talentvolliten 
Köpfe auch in die einflußreichſten und verantwortungsvollſten 
LebenSſtellungen gelangen. 
In der Schweiz hat ſich die allgemeine Volksſhule mit 
den organiſe; ſich anſchließenden höheren und Fachſchulen 
durchaus bewährt. Allerdings iſt die Schweizer Bevölkerung 
in ſozialer Hinſicht eine mehr gleichartige als die norddeutſche. 
Aber es hieße doch den ſozialen Einfluß der Schule unter- 
jhäßen, wenn man nicht zugeben wollte, daß die Einheit- 
lichkeit des Schulwejens viel zur Milderung der Standes5- 
vorurteile und der ſozialen Gegenſäße beitragen kann. 
Das Züricher Schulgeſeß hat nicht nur für das Schul- 
weſen der meiſten andern Kantone, jondern auch über die 
ſchweizeriſchen Grenzen hinaus vorbildlich und geſtaltend 
gewirkt. Die Grundgedanken desſelben finden ſich am un- 
getrübteſten wieder in den Schuleinrichtungen amerikaniſcher 
Staaten, wie New York und Texas, eben!o in denjenigen 
Norwegens. Auch in Oſterreich und Ungarn hat man ſich 
in dem Reichsſchulgejes von 1869 dem ſchweizeriſchen Syſtem 
genähert, indem man die der Sekundarſchule ent]prechende 
dreiſtufige Bürgerſchule ſchuf und die untern vier Stufen 
der Volksſichule zu einem gemeinſanien Elementar-Unterbau 
für alle Schultategorien machte. Cbenſo erhielt Dr. Nee 
die erſten Anregungen zu ſeinen |chulpolitijy <en Beſtrebungen 
aus Zürich. Er wollte die neunſiufige allgemeine Volk3- 
ſc<ule, die jich aber aus drei räumlich voneinander getrennten 
Sculen aufbauen ſollte, nämlich aus der dreiſtufigen Elementar- 
ſchule (für Glementarfenntnijje), der dreiſtufigen Mittelſchule 
(neu: Realien, Engliſch) und der dreiſtufigen höheren Bürger- 
ihule (neu: Franzöfiyjh, Mathematik, Phynik, Chemie). Er 
hat ſeinen Plan nicht verwirklichen können, weil er zu fehr 
Zdealiſt war. Er wollte entweder etwas möglichſt Voll- 
Fommenes oder nicht3. Dagegen gelang es Joh. Halben 
durch feine zielbewußte parlamentariiche Thätigkeit, unjere 
nebenſtufige Volks8ſchule mit Selekta zu ſc<affen, die in ihren 
oberen Klaſſen den Charakter der preußiſchen Elementarſchule 
ganz entichieden abſtreift und ſich der Realſchule nähert. Die 
niebente, jechſte und fünfte Klaſe entſprechen annähernd der 
Elementar]<ule, die vierte, dritte und zweite Klaſſe der 
Mittelſchule na< Dr. Nee. Die erite Klaſje und Selekta 
allerdings bleiben hinter der dreiſtufigen Bürgerſchule, reſp. 
den drei oberen Klaſſen unſerer jeßigen Realſchulen bedeutend 
zurü&d. Für das Erreichte hat n< der Begründer die Dank= 
barkeit der Bevölkerung geſichert. Aber was damal3 noch 
unerreichbar erſ<ien und war, das iſt jezt notwendig und 
unentbehrlich geworden. Für die tüchtigiten Volksſchüler 
fehlt uns die der Sekundarſchule der Schweiz entſprechende 
höhere Bürger)<ule Rees, die ſich jekt dur< Umwandlung 
der Selekten in dreiſiufige Schulorgani8men leicht berſtellen 
läßt. In dieſjer dreiſtufigen Selekia müſſen mehr Mathematik, 
zwei fremde Sprachen und andere für Handel und Induſtrie 
praktiſch verwertbare Wiſſensſioffe gelehrt werden, als es in 
der erjten Klaſſe der Volksſchule und in der jeßhzigen Selekta 
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geſchehen kann. Wie ſehr die gewünſchte dreiſtufige Seletta 
jeßt dem wachſenden Bedürfniſſe in kauſmännijſchen Betrieben 
entgegenfommen würde, zeigen un3 die ſtändigen Klagen des 
„Vereins für Handlungskommi38“ und vieler Kaufleute, daß 
es an jungen Leuten mit tüchtigen Fach- und 
Sprachfenntniſſen jtet8 mangelt, während Hunderte 
von gutbegabten aber mangelhaft vorgebildeten jungen Leuten 
ſtellenlo8 umherirren. Da nun die ſich mächtig entfaltenden 
Berufs8zweige des Handel3 und der Induſtrie immer mehr 
intelligente und wohlvorgebildete Männer erforderlich machen, 
ſo liegt e3 im Intereſſe unſerer geſamten Bevölkerung, daß 
auch Inſtitutionen geſchaffen werden für die zwe&entſprechende 
Schulung der benötigten Kräfte. Coym. 
Zum Streit um die Jugendſc<hrift. 
IT. ? 
Paul G. A. Sydow. 
Inu einem früheren Artikel hatte i< nachzuweiſen ver- 
ſucht, daß die Fähigkeit, künſtleriſch zu empfinden, nicht ein 
Klaſſen» oder Standes8vorrecht ſei, daß ſie aber graduell ſehr 
verſchieden iſt und durch die ſozialen Verhältniſſe weſentlich 
beeinflußt wird. Der Kern der ganzen Streitfrage iſt aber 
damit nicht getroffen, überhaupt meine3 Erachtens bisher 
nicht genügend klar geſtellt worden, außer in dem Vorwort 
de38 Wolgaſtſc<hen Buches, wo es heißt: „Dieſe Schrift hat 
ihren Zwe> erfüllt, wenn es ihr gelingt, auf eine bedauer- 
liche Lüke im Syſtem der heutigen Pädagogik aufmerkjam 
zu machen.“ €Es8 handelt ſich im leßten Grunde um die 
Berechtigung und den Umfang der äſthetiſchen Erziehung im 
Syſtem der Pädagogik. Wolgaſt und den deutſchen Prüfungs- 
ausſchüſſen muß das Verdienſt zuerkannt werden, die Miß- 
ſtände auf dem Gebiete des Jugendſchriftenwejens ſcharf 
gekennzeichnet und die Notwendigkeit regelmäßiger Prüfung, 
j1owie die Feſtſtellung allgemein giltiger Grundjäte dargethan 
zu haben. Sie haben nun als oberſten GeſichtSpunkt bei 
der Beurteilung die Forderung erhoben: „Die dichteriſche 
Jugendſchrift muß ein Kunſtwerk ſein. . . Der Begriff der 
Jugendlitteratur in dem Sinne eine38 Schrifttums, das eigens 
für die Jugend geſchaffen iſt und im allgemeinen auch nur 
für die Jugend Intereſſe haben kann, muß fallen. .. Wenn 
die Erziehung die Jugend zum künſtleriſchen Genuß führen 
will, dann müſſen die dem Kinde gebotenen Dichtwerke unter 
allen Umſtänden Kunſtwerke jein.“ (Wolgaſt). So tritt denn 
hier zum erſtenmal die Äſthetik mit der Forderung auf, 
im Svitem der Pädagogik ihren Plaß zu erhalten und den 
eigenen Geſezen gemäß gepflegt zu werden; die Jugend- 
ſchriftenfrage wird zu einer Seite der Frage der künſileriſchen 
Erziehung. So handelt e28 ſich denn jekt darum: Welche 
Stellung iſt der äſthetiſchen Erziehung neben den übrigen 
Aufgaben der Pädagogik anzuweiſen reſp. einzuräumen? Die 
Freunde derſelben haben konſequenterweiſe dieie Frage auf 
der Allgemeinen Lehrerverſammlung zu Hamburg, wo das 
Ganze des Lehrplanes einer Prüfung unterworfen wurde, 
dur< Otto Ernſt geſtellt. Vorweg möchte ic< bemerken, daß 
an dieſer Stelle das Problem nur gekennzeichnet werden kann ; 
eine erſchöpfende Behandlung muß einem andern Orte und 
einer geeigneteren Kraft überlaſjen bleiben. Wenn ich es 
gewagt habe, fritiſch aufzutreten, 10 geſchah es, weil mir 
eine andere Frage den Bliä für die hier drohende Gefahr 
geſchärft hat, nämlich die, daß die Pädagogik erneut in eine 
Abhängigkeit gerät, während es uns Lehrern auf der Seele 
brennen ſollte, ihr Unabhängigkeit, Selbſtändigkeit und Aner- 
fennung zu verſchaffen. Das Studium der pädagogiſchen 
Pathologie, das der phyſiologiſ c<en Pſychologie haben uns 
auf das Grenzgebiet zwiſ<en Medizin und Pädagogik geführt, 
wo es gar bald zu Grenzſtreitigkeiten zwiſchen den Vertretern 
der einzelnen Disziplinen kommen mußte. Auf dem am 
? Durch häusliche und berufliche Verhältniſſe wurde die Fortjezung 
(ſiehe Nr. 26 des vorigen Jahrganges) leider ungebührlich verzögert.
	        
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