Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

am eigenen Leibe ſpürten und die Engländer mit 
ſteigendem Neide den wirtſchaftlichen Aufſc<hwung Deutſc<- 
land8 wahrnahmen, erkannten ſie die Unhaltbarkeit der in- 
dividualiſtiſchen Doktrin und führten den Schulzwang ein. 
In Deutſchland hatte ſchon der aufgeklärte Abſolutismus, 
wenn auch weniger aus idealen Gründen, jo doc< zur 
Förderung der materiellen Wohlfahrt des Volkes, hier 
und da den Schulzwang dekretiert. Auch im Verfaſſungs- 
ſtaat ſuchten die offenen oder verkappten Anhänger des 
Abſolutiömus der Volksbildung möglichſt eine jol<e 
Geſtalt zu geben, daß ſie zwar wirtſchaftlich nüßlich, 
politiſch aber möglichſt unſ<hädlich ſei. Das bewundern8- 
werte Kunſtwerk dieſes Syſtems ſind die Stiehlſc<hen 
Regulative. Sie gaben der Volksſc<hule jenes Doppel- 
geſicht, von dem das eine nach vorwärts ſchielt, das andre 
aber rüdwärt8 ſchaut. Und ſo iſt e8 im großen ganzen 
bis heutigesStag3 geblieben, wenn ja auch der Blik nach 
vorwärts etwas freier geworden iſt. Damit nun die Volks- 
ſchule ihren Bli nicht vol vom Mittelalter zur Neuzeit 
wende, iſt ihr die Kirche al8 treue Hüterin zur Seite ge- 
blieben. Prinzipiell nahm zwar der Verfaſſungsſtaat das 
Hobheit3recht über die Schule in Anſpruch, thatſächlich aber 
überließ er die Leitung und Beaufſichtigung der Schule den 
Organen der Kirche. So iſt noch heute die Pädagogik 
nicht Herrin im eignen Hauſe; ſie iſt -- hier weniger, dort 
mehr -- dem Willen der Theologie unterworfen, und 
wir nehmen den Programmpunkt unſerer Väter: die Kirc<e 
den Theologen! die Schule den Pädagogen! mit 
ins neue Jahrhundert hinüber. 
Neben dem Ringen nach verfaſſung3mäßigen Zuſtänden 
in den Einzelſtaaten trat in den Tagen de3 deutſchen Volks- 
frühlings auch das Streben nach einem lebensvollen Ginheits- 
ſtaat machtvoll hervor. Doch dieſer jhöne Traum zerrann 
völlig in nichts, und e8 wurde nichts gerettet als die un- 
beſiegbare Jdee. Für uns iſt e8 beſonder3 intereſſant, daß 
die deutſche Nationalverſammlung in der Paulskirhe auch 
einige Grundlinien zu einer deutſchen Sculorganijation 
ziehen wollte. Aus den Artikeln 5 und 6 der Grundrechte 
jeien folgende Punkte hervorgehoben : 
S 22. Die Wiſſenſchaft und ihre Lehre iſt frei. 
S 23. Das Unterricht8- und Erziehungsweſen ſteht 
unter der Oberaufſicht des Staate8 und iſt, abgeſehen 
vom Religionzunterricht, der Beaufſichtigung der Geiſtlichkeit 
al3 folc<her enthoben. 
S 25. Für die Bildung der deutſchen Jugend joll 
durch öffentliche Schulen überall genügend geſorgt werden. 
Eltern oder deren Stellvertreter dürfen ihre Kinder 
oder Pflegebefohlenen nict ohne den Unterricht laſen, 
welcher für die untern Volk8)chulen vorgeſchrieben ijt. 
Aus 8 26. Die öffentlichen Lehrer haben die Rechte 
der Staatsdiener. | 
8 27, Für den Unterricht in Volks chulen und 
niedern Gewerbeſchulen wird kein Schulgeld bezahlt. 
Unbemittelten ſol auf allen öffentlichen Unterricht3- 
anſtalten freier Unterricht gewährt werden. 
Die Aufnahme dieſer Beſtimmungen in die Grundrechte 
iſt auf den energiſchen Betrieb des Lehrerſtandes zurüczu= 
führen. Denn dieſer war in den Sturmjahren plöklich aus 
der Verborgenheit ſeines Daſeins in voller Rüſtung auf 
der politiſchen Schaubühne erſchienen. Die Preßſreiheit 
und das Verſammlungsrec<ht hatten auch ihm die Pforten 
geöffnet. Weitſc<hauend in ſeinen Zielen, ideal in jeinem 
- Streben, kühn in ſeinem Wollen tritt er hervor. In dieſem 
erſten Akte ſeines öffentlihen Auftretens nahm der deutjc<e 
Lehrerſtand einen ſo hohen Gedankenflug, entwidelte er eine 
ſol<e Aktionskraft, wie ſie ſeitdem nicht wieder erreicht 
worden ſind. Wie iſt das zu erklären? Auf die innern 
Urſachen werde ich ſpäter zurüFkommen; hier ſeien nur die 
in der Zeit liegenden Momente hervorgehoben. Das hoch- 
wogende Leben der Nation trug auch den Lehrerſtand mit 
ſich empor: Jdeen erzeugen Jdeen, Begeiſterung erwedt 
Begeiſterung, die Unterſchiede des Stande8 j<winden, und 
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€ eweils 
alle8 Kleinliche verkrieht ſich ſcheu in den Winkel. So 
ſehen wir im Jahre 1848 alle Lehrer, von der Hochſchule 
bis hinab zur Dorfſchule, vereint, den Grund zu legen zur 
einheitlichen Organiſation der deutſchen Nationalbildung und 
vor allem das unterſte Sto>werk, die Volk8ſ<hule, aufzubauen. 
In jenen Tagen war es auch, wo -- abgeſehen von 
wenigen Vorläufern =- die deutſchen Lehrer ſich ihre erſten 
Organiſationen ſchufen: es entſtanden Lande3- und Provinzial- 
vereine, und in den letzten Septembertagen des Jahres 1848 
wurde in Eiſenach der erſte Deutſche Lehrerverein 
begründet. Freilich knickte die Reaktion das mit ke>er Hand 
gepflanzte Bäumchen, noch ehe es Wurzel faßte. Doch aus 
der Wurzel grünte ein neue3 Reis. In der loſern Form 
der Deutſchen Lehrerverjſammlung rettete jich der 
Gedanfe der Zuſammengehörigkeit aller deutjchen Lehrer in 
eine ſchönere Zukunft hinüber. Mit dem wiedererwachenden 
nationalen Leben wurde ſie zu einem Sammel- und AUuZ3- 
ſtrahlungspunkte weitgreifender Ideen, in ihr feierte das 
Programm von 1848 jeine Auferſtehung, hier gaben jich 
die pädagogiſchen Kapazitäten Deutſchlands ein Stelldichein, 
von hier aus warf die ſteigende Flut der pädagogiſchen 
Bewegung ihre letzten Wellen bis in die entfernteſte deutſche 
Schulſtube hinein. Und als endlich der große Tag er]<ienen 
war, wo die Staats8kunſt Biömar>s dem deutſchen Volke die 
politiſ<e Einheit und Größe gab, da j<hien die Zeit reiſ, 
auch die deutſchen Lehrer wieder zu einer organiſierten 
Einheit zuſammenzufaſſen. Am 28. Dezember 1871 wurde 
in Berlin von unbekannten jungen Männern wieder ein 
deutſcher Lehrerverein gegründet. Aber auch jeinem Wach8- 
tum ſtellten ſich mancherlei Hinderniſie entgegen: die hiſtoriſche 
Bedeutung der neben ihm fortbeſtehenden Deutſchen Lehrer- 
verſammlung, perſönliche, partikulariſtijhe, politijiche und 
konfeſſionelle Gegenſätze. Jndeſen trat doM an der Hand 
der unwiderlegbaren Lehrmeiſterin Erfahrung die Wahrheit 
immer deutlicher hervor, daß ein feſtgeſügter Verein einem 
loſen Gebilde an idealer Bedeutung nicht nachjiebe, aber 
an nachhaltiger praktiſcher Wirkſamkeit überlegen jei. 
Lehrerverſammlung und Lehrerverein reichten ſich in Leipzig 
1893 die Bruderhand. Seitdem hat der Deutſche LeYZrer- 
ee 
verein den größten Teil der deutſ<en Lehrer unter jeiner 
Fahne geſammelt: alle die, welche in den Werken untzrer 
pädagogiſchen Meiſter und in den unvergleichlichen Geities- 
ſchäßen unſrer Denker und Dichter die Grundlagen einer 
nationalen Lehrer- und Volksbildung ſehen, alle die, welche 
in der Schule nicht eine Filiale der orthodoxen Hierarchie 
beider Konfeſſionen, ſondern eine Kulturanſtalt erbliäen, die 
müzuwirfen hat an der Aufgabe, die Kaiſer Wilhelm 1. 
bei der Gründung des Reiches dem deutjhen Bolke vor- 
gezeichnet hat: Mehren zu helfen die Güter des Friedens 
auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Genſtttung. 
E3 iſt ein machtvoller Zauber in das Banner des Deutjc<hen 
QLehrerverein3 gewebt: unwiderſtehlich zieht es alle zu ſich 
hin, in denen die hohen Jdeale einer nationalen Erziehung 
lebendig ſind. Zwar ſind gegenwärtig feindliche Mächte, 
die in der geiſtigen Einheit des deutſchen Lehrerſtande3s eine 
Gefahr für ihre Herrichaft erblifen, bemüht, die alten 
Gegenſätze zu vertiefen und unüberbrü&bar zu machen, doch 
vor der Wahrheit mächt'gem Siege verſchwindet jedes Werk 
der Lüge. Und dies eröffnet un3 eine frohe Ausſicht ins 
neue Jahrhundert. (Fortſezung folgt.) 
Die neuen hamburgiſchen Straßennamen. 
Von C. Rud. Scnitger. 
II. 
Im Anſchluß an meinen Auffaßz über das gleiche Thema 
in Nr. 3 der „Hamb. Schulzeitung“, Jahrgang 1900, möchte 
ich in Nachſtehendem kurz die neuen Straßennamen bes 
ſprechen, welche ſeit dem 1. Januar dieſes Jahres in den 
früheren Vororten an die Stelle älterer Namen getreten 
ſind. I< führe die neuen Stadtteile dabei in der amtlichen 
Reihenfolge auf.
	        
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