Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

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iſt geradezu überwältigend. Auf der Rouſſeau-Inſel be- 
findet ſich ein Denkmal Rouſſeaus, der in ſißender Stellung 
dargeſtellt iſt. Am Quai du Mont Blanc ſteht ein Denkmal, 
das un3 durch ſeine Schönheit und Großartigkeit überraicht. 
Der Plaz iſt in herrlicher Weiſe gartenartig angelegt. Den 
Eingang bewachen zwei koloſſale Löwen. Das Monument 
ſelber iſt ein Prachtwerk aus Marmor und Granit, gekrönt 
von der Reiterſtatue des Manne8, dem es geſetzt iſt, denn 
geweiht könnte man in dieſem Falle wohl nicht jagen. Es 
iſt dies der Herzog von Braunſchweig, der dem deutſchen 
Namen nicht viel Ehre gemacht hat. Bekanntlich ſtarb er 
in Paris, wo er ein wüſtes Leben führte und häufig in 
Skandalprozeſſe verwikelt war. In ſeinem Teſtament ver- 
machte er jein 25 Millionen Francs betragendes Vermögen 
der Stadt Genf unter der Bedingung, ihm ein prächtiges 
Grabmal zu ſeen. Es8 war dies geradezu ſataniſch von 
ihm gehandelt. Die für Freiheit ſtet8 begeiſterte und 
fämpfende Stadt und Republik Genf ſollte ihm, dem von 
ſeinem Volke vertriebenen Tyrannen, ein Prachtdenkmal ſetzen. 
Leider war den Genfern das Lo>mittel der 25 Millionen 
Francs zu ſtark. Sie willigten ein und traten die Erbſchaft 
an. Von dieſer Summe wurde unter anderm da3 |chöne 
Opernhaus gebaut, das allein vier Millionen Francs koſtete. 
An ſchönen und merkwürdigen Bauwerken ſind in Genf dann 
no< die Poſt, die griechiſche Kapelle und die Villa Ariana 
zu jehen. Bei Genf liegt auch die Villa Rothſchild, die ſich 
durch einen beſonders prächtig gelegenen und großartigen 
Park auszeichnet. 
Leider Fonnie zh mich nur einen Tag in dieſer ſc<önen 
Stadt aufhalten. Am nächſten Morgen war ich ſchon vor 
8 Uhr am Bahnhof und löſte mir ein direktes Billet nach 
Marſeille. Die Fahrt von Genf nach Lyon dauerte von 
3 Uhr morgen3 bis 12 Uhr mittags. Die Eiſenbahn iſt an 
das Ufer der Rhone gebaut. Sie geht durch eine romantiſche 
Gebirg8gegend. Zu beiden Seiten tritt das Gebirge häufig 
dicht ans Ufer heran. Hier und da genießt man herrliche 
Blide in weite Gebirgsſc<hluchten. Dann wieder fährt man 
an himmelhohen, ſchroffen Gebirg3wänden vorbei. Auf der 
lebten Strefe nach Lyon tritt das Gebirge j<on weiter 
zurü&. Die Ebene wird dreiter. In Lyon ging e3 von 
einem Zug in den andern. Wenige Minuten nach meiner 
Ankunft damvyfte i< ſchon wieder aus der Bahnhoſshalle von 
Lyon hinaus. Die Fahrt ging jezt nach Süden, nac<ß Mar- 
ſeille, der größten Handelsſtadi Frankreichs. Abends 11 Uhr 
traf ic< dort ein. I< hatte jeht gerade genug ſtill ſiken 
müſſen und ſehnte mich danach, meine eigene Gehmay)chine 
in Thätigkeit zu ſeen. Die Reiſetajche in der einen Hand, 
die Karte von Marſeille in der andern, machte ih mich 
wohlgemut auf den Weg nach meinem Hotel. Bald geriet 
ich in ein Gewirr von Gäßc<hen, in dem ich mich nicht mehr 
zurechtfinden konnte. Aus meinem jorgfältigen Reijeſtudium 
wußte ich, daß der Boulevard du Nord mit Bäumen be- 
pflanzt war. Dieſe Straße hatte ich aber einer Biegung 
wegen verlaſſen. Nach einigem Fragen kam ich nach dem 
Boulevard du Nord zurü> und von da nach der Rue Noailles 
und der Rue Cannebiere, den beiden eleganteſten und be- 
lebteſiten Straßen Marſeilles. Ein großes, elegantes Caſe 
iſt hiex an dem andern. Vor denſelben auf den breiten 
Trottoir3 ſtanden Tiſche und Stühle, die auch jebt no<ß zu 
dieſer vorgerü>ten Stunde faſt ſämtlich beſezt waren. Endlich 
kam ich denn glülich im Hotel an. Am andern Morgen 
begab ich mich ſogleich zum Hafen. I< kam, nachdem ich 
die Rue Cannebiere verlaſſen, zum Ancien Port. Am Quai 
des alten Hafens herrſcht ein überaus reges Leben. ES iſt 
da ähnlich, wie es früher bei uns an den Vorſezen war. “ t 
Die Schiffe liegen dicht am Ufer, das mit großen Kränen 
verſehen iſt. Tonnen, Säce, Ballen liegen in Mengen am 
Ufer und werden von Arbeitern auf Wagen verladen. Auf 
der andern Seite dieſer Hafenſtraße ſteben hohe Häuſer. 
Die Parterrelokalitäten ſind, gerade jo wie bei uns, von 
Wirtſchaften eingenommen. Nur die für Hamburg ſo 
<arakteriſtiſchen Kellerwirtſc<haften giebt es in Marjeille nicht. 
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Auch der e<t hamburgiſche Kümmel und Bier iſt hier nicht 
zu haben. Dafür trinken hier die Arbeiter Abſinth. Einige 
Gaſtwirte haben auch Tiſche hinaus aufs Troittoir geſtellt, 
an denen die verſchiedenſten. Hafenarbeiter ſien und ihren 
Abſinth ſchlürfen. Dasſelbe geſchäftige Treiben herrſcht auch 
am Quai de la Joliette, an welchem eine unabjehbare Reihe 
ſtattlicher Dampfer liegt. Unter ihnen befinden ſich auch die 
Dampfer der Compagnie trangatlantique, die den Verkehr 
zwiſchen Marſeille und Algier vermitteln. Kurz entſchloſſen 
ſuchte ich eins der SHiffe auf. Ein junger Franzoje, den 
ich am Quai traf, war ſo freundlich, mich aufs Schiff zu 
begleiten. Wir ſuchten zunächſt den Kapitän auf, und ich 
teilte ihm mit, daß ich die Abſicht hätte, nach Algier zu reifen 
und das Schiff ſehen möchte. Bereitwilligſt wurde mir das ganze 
Schiff gezeigt. I< erfuhr dann, daß der Dampfer no< am 
ſelben Nachmittag nach Algier fuhr. Der junge Franzoje 
war ſo liehen8würdig, mic< in8 Bureau der Geſellſchaft zu 
führen, wo ich mir eine Fahrkarte löſte. Das Schiff hieß 
„St. Nazaire“. Nachmittags 4 Uhr war ich ſhon an Bord 
des Schiffes. Um 6 Uhr fand die Abfahrt ſtatt. Langſam 
fuhr das Shiff aus dem Baſſin de la Joliette und dem 
Vorhafen in8 Mittelländiſche Meer hinaus. Hinter uns blieb 
das herrlich von hohen Bergen umſchloſſene Marſeille, ver- 
goldet von den Strahlen der Abendſonne. Impoſant machte 
ſich die auf einer Anhöhe gelegene Notre-Dame de 1a Garde 
mit ihrer vergoldeten Marienſtatue. Immer mehr entfernten 
wir uns von der Küſte. Zuletzt entſ<wand das mächtige 
Marſeille unſern Blifen. Die Sonne war untergeſunien. 
E3 wehte ein friſcher Wind. Das Meer begann unruhig zu 
werden. Da3 große Schiff ſchwankte auf und nieder. Kurz 
vor unſerer Abfahrt hörte ich zu meiner größten Überrajſc<hung 
zwei Herren im Salon deutſch miteinander reden. No<9 nie 
hat mir meine Mutterſprache jo lieb geklungen. Es war 
die reine Engel3muſik in jenem Augenbli> für mich, troßdem 
der ältere der beiden Herren einen ausgeprägt jüddeut) c<en 
Dialekt ſprach. I< hatte alſo Landsleute hier, wo ic< mich 
ſchon verlaſſen wähnte. Sobald ſich ein paſſender Augenbli> 
fand, ſtellte ich mich dem alten Herrn vor und erfuhr, daß 
er ein ehemaliger Apotheker fei und aus Bayern jtamme. 
Der alte Herr war ſ<on 70 Jahre alt und machte doch 
noc< immer große Reiſen. Zn dieſem Jahre wollte er jich 
Algier und Umgebung anſehen. Das traf ſich für mich jehr 
günſtig, da ich dieſelbe Abſicht hatte. I< 1äumte daher 
keinen Augenbliä, mich ihm anzuſchließen. Der junge Herr 
war ſein franzöſiſcher Dolmetſcher, den er ſich aus Marſeille 
mitgenommen hatte. Glü> muß ein junger Mann haben. 
I< hatte auf dieſe Weiſe einen angenehmen Reiſebegleiter 
und einen brillanten Fremdenführer, der mich nichts koſtete. 
Das Apothekerportemonnaie konnte es auch beſer als meins 
leiden. Die SchiffsgloFe rief um 7 Uhr zum Diner in den 
Salon und ſetzten wir un3 ganz ruhig zum Eſſen. Die 
Suppe wurde beim fröhlichen Geplauder verzehrt, auch der 
Fiſchgang und der erſte Fleiſ<gang. Danach wurde mir 
aber ganz ſonderbar zu Mute. Ein dier Algierianer, der 
neben mir geſeſſen hatte und durch jein lebhaftes Plaudern 
und Geſtikulieren auffiel, lief plößlich fort. Auch mir wurde 
ſo ſchle<ht, daß ic< bald den Salon verließ. Was3 mir 
eigentli< fehlte, wurde mir jetzt erſt klar. Da man mir 
geſagt hatte, daß man ſich am beſten gegen die Seekrankheit 
ſhüßt, wenn man ſich in die Mitte de3 Schiffes ſtellt, 19 
holte ich ſc<nell meinen Plaid aus meiner Kabine und begab 
mich oben aufs DeF. Hier wollte ich bleiben, bis dieſes 
ſonderbare Gefühl vorüber war. Doch mir wurde immer 
ſchlechter zu Mute. Z< mußte mich am Maſtbaum feſthalten 
und ſtöhnend fiel ich der Seekrankheit anheim. Als ich mich 
einigermaßen erholt hatte, begab ich mich vom Promenaden: 
de hinunter und ſtand noch lange an den Railings und 
gab Konzert, d. h. ſtöhnte. Um 10 Uhr ſtand ich noch dort 
und bewunderte das dunkle Meer, das der Mond 1v prächtig 
beleuchtete. Um 11 Uhr legte ich mich zu Bett und 1<hlief 
bis 4 Uhr. Daun ging ich aufs Verde&> und hatte das Ber- 
gnügen, einen vollſtändigen Sonnenaufgang zu beobachten. In
	        
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