Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

wo -- wie bereits erwähnt -- die alten Quellen des Ge- 
mütsleben38 vielfach vertro&net ſind, thut es dringend not, 
dieſe lebendigen Waſſer in die Volksſeele zu leiten. 
Welch reiches Programm für das neue Jahrhundert ! 
Wer hat es zu verwirklihen? Es gilt alle Kreije des 
Volkes zu begeiſtern für die pädagogiſ<e Jdee. Und dieſes 
iſt die Aufgabe des Lehrerſtandes in allen ſeinen Gliedern, 
von der Ho<ſchule herab bi8 zur Volksſchule. Zunächſt 
aber muß ſich der Lehrerſtand jelbſt wieder als eine Einheit 
fühlen. Schon beginnt dieſe Notwendigkeit wie im Jahre 
1848 wieder aufzudämmern. Hell aus dem Norden, aus 
Greifswald, dringt ein Lichtſtrahl herab. Möge er überall 
Begeiſterung entzünden, damit ein neuer pädagogiſcher 
Morgen anbreche. 
Geehrte Damen und Herren! Vielleicht aber wird 
man mich ob meines Optimi3Smus und meiner j|c<hulmeiſter- 
lichen Überhebung verhöhnen. Vor wenig Monden hat 
ein Mann die Augen geſchloſſen, der das Wort jprach: die 
Lehrer möchten die großen Geſicht3punkte ihren Vorgejekten 
überlaſſen. Leider fehlt es zuweilen bis in die leitenden 
Stellen hinauf, wenn auch nicht an Verſtändnis, ſo doch an 
Begeiſterung und Thatkraft, die großen pädagogiſc<en Auf- 
gaben zu löſen. Aber ſeibſt wenn alle Injtanzen voll das 
Ihre thun, jo kann do< niemand dem Lehrerſtande das 
Recht nehmen, -- richtiger geſagt, ihn niemand der Pflicht 
entbinden --- mitzuwirken an der Löjung der pädagogiſchen 
Probleme. Falls dem deutſchen Lehrerſtande die Fähigkeit 
und der gute Wille zu diejem Werke ermangelten, jo wäre 
es die erſte Pfliht eines Kultu3miniſter8, ihn dazu zu 
erziehen. 
Daher müßte man auch erwarten, daß das Streben 
des Lehrerſtandes nach Erweiterung und Vertiefung ſeiner 
Bildung Anerkennung und Förderung fände. Aber unſer 
in Bre8lau erhobener Ruf nach Reform hat bis jetzt faſt 
nirgends ein Echo gewedt, oder wo es geſchah, klang es in 
wenig angenehmen Tönen zu uns zurüd, Beſonders die 
Forderung auf Zulaſſung der Lehrer zum Unwerſttät3ſiudium 
hat wenig Beifall gefunden. Iſt e8 nicht eine der merk- 
würdigſten Erſcheinungen in der Entwiälung der Menſchheit, 
daß ſie Jahrtauſende bedurfte, um eine Volks8erziehung und 
einen Volksſchulledrerſtand zu ſ|<haffen? Der Weg von den 
Küſtern und Sc<hulhandwerkern bi3 zu den heutigen Päda- 
gogen umfaßt nur die kurze Spanne eine3 Jahrhunderts. 
Iſt es da zu verwundern, daß viele nicht dur< den Nebel 
der Tradition zu dem ſo einfachen und klaren Gedanken 
hindurch zu dringen vermögen: dem Lehrerberufe, als 
einem der wichtigſten Berufe, gebührt die 
höc<ſte Bildung! Unſere Forderung läßt ſich auch nicht 
dadurch zum Schweigen dringen, daß man ſie als den Au8- 
fluß eines Jelbſtſüchtigen, überſpannten Standesſtrebens8 aus- 
giebt. Nicht im EgoiSmuS, ſondern im Gefühle der Unzu- 
länglichkeit gegenüber der Größe und Schwere unjerer Pflicht 
iſt ihre Herzwurzel zu ſuchen. Jeder Lehrer trägt die volle 
Verantwortung für die ihm anvertrauten Kindesſeelen vor 
Gott und Menſ<en. Nicht nach Verfügungen, nicht nach 
bureaukratiſchen Anweiſungen, nicht nach fertigen Lehrſ|<hablonen 
kann er fein Amt verwalten, ſondern aus dem Innern jeiner 
Perjüönlichkeit holt er ſeine Imperative. Das neue Jahr- 
hundert wird endlich anerkennen, wa3 ſchon heute ſonnenklar 
zu Tage liegt, daß einem jol<en Berufe die höchſte Bildung 
gebührt. Muß es3 den Lehrerſtand nicht niederdrü&en, wenn 
er fich jagt: zur vollkommenen AusSbildung für dein ver- 
antwortliches Amt liegen noch reiche Schätße für dich bereit, 
aber du kannſt nicht zu Ihnen gelangen. Zn Sachſen hat 
man einem kleinen Teile der Volksſchullehrer die Pforten 
der Univerſität geöfmet. Warum den andern verſagen, jich 
beſer für ihren Beruf auszurüſten? Man übernimmt ja 
keinerlei Verpflichtung bezüglich ihrer Verſorgung. Das 
Seminar kann heute Jeine Zöglinge nur einführen in die 
Vorhöfe der pädagogiſ<en Wiſſenſchaft, und es giebt 
ihnen im beſten Falle den lebendigen Trieb zur Weiterbildung 
mit auf den Weg. Kein Stand muß [oviel wie der 
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Lehrerſtand durch Selbſtſtudium hinzufügen, um auf die Höhe 
ſeiner Wiſſenſchaft zu gelangen. Das Maß feiner Unterrichts- 
ſtunden, die Zahl jeiner Schüler, das Auſreibende und 
Nervenſtörende feiner Thätigkeit erleichtern ihm keine38wegs8 
dieſe Aufgabe. Und doc< erfüllt er freudig dieſe Pflicht, 
denn er kennt den tiefen Sinn des Worte3: 
„Was3 du ererbt von deinen Vätern hajt, 
Erwirb e8, um es zu beſißen.“ 
In dem Streben nach Fortbildung beruht die Zukunft des 
deutſchen Lehrerſtandes. Dieſes mühevolle Ringen hat ihn 
im verfloſſenen Jahrhundert von Stufe zu Stufe vorwärts 
gebracht; es hat ihm das Erbe der Väter in lebendigen 
Beſiß verwandelt, und in diejem lebendigen Bejiß ruhen 
die ſtarken Wurzeln feiner Kraft. Wie ein heller Stern 
leuchtet ins Dunkel dex Gegenwart der Gedanke: die deutſche 
Pädagogik iſt eine aufſtrebende Wiſſenſchaft, und vor dem 
Lehrerſtande liegt no< ein weiter Weg, der ihn hinauſflo>t 
zu lichten Höhen. Nicht jo leicht droht ihm Gefahr, in 
Mara3mus8 und MaterialiSmus zu verſinken. 
Zwar behauptet man, daß auc< er nur nach Golde 
ſtrebe. Allerding38 begehrt der Lehrerjtand heute energij<h 
eine Beſoldung, die ſeiner Vorbildung, dem Werte und 
der Schwierigkeit ſeiner Arbeit entjpricht. Und das mit 
Recht! Nicht nur die Sorge um des Leibes Nahrung und 
Notdurft treibt ihn dazu, fondern auch das Gefühl für 
Standesehre und für ſoziale Gerechtigkeit. Die Sorge um das 
tägliche Brot lähmt jeinen idealen Auſſ<wung, und das 
Mühen um Nebenerwerb entzieht ihn dem höhern Dienſte 
für das Gemeinwohl. 
Aber glüdlicherweiſje giebt 2838 Männer, die erkannt 
haben, daß die Beſoldungsfrage für den Lehrerſtand auch 
eine ſO<werwiegende ideale Seite hat. Dr. Boſe ſagte zu 
einer Abordnung preußiſcher Lehrer : 
„Gleih naß meinem AmtsSantritt habe ic den 
feſten Entſchluß gefaßt, den Volksſ<ullehrern aufzuhelfen. 
Denn ich ſagte mir, es iſt ein Nonfen3, Männer, die ein 
jo verantwortungsreiches Amt inne haben, verantwortungs- 
reicher, als irgend eine andere Beamtenkategorie, diejenigen, 
denen das Volk das Bette anvertraut, was es hakt, das 
fünftige Geſchlecht, darben zu lajjen.“ 
Und Dr. Boſſe iſt auc< davon überzeugt, daß die Lehrer 
dieſes verantwortung3vollen Amtes in rechter Weiſe walten, 
denn er fährt fort: 
„Zn unjern preußi]<en VolkS)c<hulen wird gearbeitet, 
daß wir ſtolz darauf jein können, wird gearbeitet in einer 
Weiſe, daß diejenigen, welche ne nicht genau kennen, gar 
feine Ahnung davon haben.“ 
Und derfelben Meinung, wie jein ehemaliger Chef, iſt 
Ercellenz Dr. Kuegler. Er jagte von der preußi]<en Lehrerſchaft: 
„Sie hat in Ichweren Zeiten treu ibres Amtes ge- 
waltet; ſie hat vorwärts geſtrebt, höhere Stellungen zu er- 
ringen. Bei der preußiſchen Lehrer|<aft heißt es nur: 
Bahn frei! dann erreicht ſe das Ziel, das ne ſich in 
treuer Pflichterfühung geſteät hat.“ 
Was8 hier von der preußiſ<en Lehrerſchaft geſagt 
iſt, darf man wohl ohne Überhebung für die Lehrer All- 
deutichland3 in Anſpruch nehmen. 
Und Bahn frei! rufen wir alle. Denn überall muß 
no< gekämpft werden um die Verwirklichung de3 Satzes : 
die Schule den Pädagogen! Warum ind in der Frage der 
Fachaufficht jelbſt die einflußreichen Männer ohnmächtig, die 
Männer, die da wiſſen, daß e3 dem Lehreritande weder an 
Vildung, noF an Pflichtbewußtjein fehlt, die Leitung der 
Schule in die eigene Hand zu nehmen? Der Grund liegt 
in der Machtfülle der Orthodoxie; fe beherricht noc< heute 
den Staat. Das Märlein, daß dort, wo die Fachaufſicht 
einzöge, der „Hriſtliche“ Geiſt ausziehen würde, findet 
no immer gläubige Ohren. Allerdings würde der heutige 
Icholaſtiſch-dogmatiſche Religion3Zunterricht einem pädagogi) <- 
piy<ologiſchen weichen. An die Stelle des kalten toten 
Wortwiſjens würde ein anſchauliches, lebens8volles Bild vom 
Leben und Wirken Jeju treten. Für die Religion aber
	        
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