Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

wäre nichts zu befürchten ; denn der gedankenloſe Lippendienſt 
würde einer Anbetung im Geiſt und in der Wahrheit weichen. 
Wären die Lehrer wirklich die Feinde der Religion, wozu 
man ſie ſo gern ſtempeln möchte, jo könnten jie ihre Feind- 
ſchaft nicht beſſer bethätigen, als wenn ſie den dogmatiſch 
ſcholaſtiſchen Unterricht möglichſt zu konſervieren juchten; 
denn er iſt der ſicherſte Totengräber des von der Natur in 
jedes Menſchenherz geſenkten religiöſen Intereſſes. 
Das8 neue Jahrhundert wird die Pädagogik endlich zur 
Herrin im eigenen Hauſe machen. Stetig mehrt ſich die 
Zahl der Geiſtlichen, die nicht nur wiſjen, ſondern auch 
offen ausſprechen, daß der Beaufſfichtigte dem Aufſeher 
an pädagogiſchem Wiſſen und Können überlegen iſt, daß der 
Lehrerſtand heute mündig iſt, und daß man die Leitung 
ver Schule vertrauensvoll in jeine Hände legen kann. 
Und nun zum Scluß no< eine Frage, die 
ernſteſte, die ich als Sohn meines Volkes jtellen kann: 
Hat das deutſche Volk die Mittag3höhe ſeines Werdens über- 
ſchritten, und heißt e8 auch von ihm: Es will Abend werden 
und der Tag hat ſich geneigt? Überſc<hauen wir die Ent- 
widlung der Menſchheit, ſo finden wir auch im Völkerleben 
das ewige Naturgejez des Werdens und Vergehens. Die 
Griechen und Römer, deren Geiſt no< heute unjer Geijte3- 
leben beherrſcht, ſie ſanfen dahin, und ohne Zweifel ſind 
auch mance Völker Europas im langſamen Hinſterben be- 
griffen. Welches iſt der Jungbrunnen, aus dem den Völkern 
die Waſſer der ewigen Jugend quellen? Dieſer Jungbrunnen 
iſt der Glaube an Ideale. Sie alle aber, in denen der 
Glaube an Jdeale noch lebendig iſt, ſie bilden den wahren 
Adel einer Nation; ſie widmen ſich dem edelſten Dienſte, 
dem Dienſte für die Wahrheit. Und dieſer Dienſt iſt ein 
Gotte3dienſt; denn wer die Wahrheit ſucht, der allein 
jucht Gott. 
Wie ſteht e3 um dich, mein deutſches Volk? Zſt dieſer 
Irieb na< Wahrheit no< in dir lebendig? Oder haben 
auch dem deutſchen Aar mittelalterliche Gewalten die Schwingen 
verſtußt, daß er nicht mehr der Sonne entgegen zu fliegen 
vermag? Sei getroſt, noch iſt e3 nicht gelungen, die Sehnen 
ſeiner Kraft zu durc<hſ<neiden. 
Und wie ſteht es um dich, mein deutſcher Lehrerſtand ? 
Biſt du noc< eingedenk deiner hohen Kulturmijjion, die 
deutſc<e Jugend zu entflammen für das Wahre, Gute und 
Schöne? Sei getroſt, mein Herz, noh klingt an der Wende 
de3 Jahrhundert3 die Loſung hinaus ins Land: 
„Beſtalozzi für immer!“ 
Und wenn heute der Geiſt Dieſterweg3 herniederſtiege 
und uns fragte: 
„Kämpft ihr mir no< den Kampf mit Finſterlingen, 
Die mit des Geiſtes Ketten euch umi<lingen, 
Mit ihnen, die no< an dem alten Knochen nagen, 
Von dem das Fleiſch man abgezehrt in grauen Tagen?“ 
ſo würde die Antwort lauten: Kampf heute und immerdar, 
Bi3 dahin wir gelanget, 
Woran dein Geiſt voll Sehnjucht einſt gehanget, 
In das gelobte Land, wo heil'ge Sitte, 
Wo Treue wohnet in Palaſt und Hütte, 
Wo der Erkenntnis Brunnen jedem quillet, 
Wo nie Gerechtigkeit vol Gram das Haupt verhület, 
Wo, wie der Frühling8hauch aus Blütenbäumen, 
Der Freiheit Odem weht in allen Räumen. 
Vom Landgebiet. 
Der Vercin Hamburger Laudſchullehrer hielt am Sonun- 
abend, den 7. d. Mts., im Hanſa-Hotel eime von etwa 
30 Mitgliedern beſuchte Verſammlung ab. Der Vorſitende, 
Herr Weper, gedachte nac< Eröffnung der Verſammlung zu- 
nächſt des verſtorbenen Kollegen Hardkop-Langenhorn und 
hob in kurzen Worten die außerordentlichen Verdienſte des- 
jelben um den Verein hervor. Die Verſammlung ehrte fein 
Andenken durc< Erheben von den Siten. -- Zur Aufnahme 
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emen 
in den Verein hat ſich Herr Hauptlehrer Paulſen angemeldet. =- 
Betreffs Anrechnung der Dienſtjahre teilt der Vorſißende 
mit, daß ſeitens des Vorſtandes eine dieShbazügliche Eingabe 
an die Behörde noh nicht gemacht fei, da man erſt die 
Erledigung dieſer Angelegenheit in der Stadt abwarten wolle, 
e3 ſei aber begründete Ausſicht vorhanden, daß die Land- 
ſchullehrer nicht zurücſtehen werden, es möge ſich daher jeder 
mit den nötigen Papieren verſehen. -- Das Sommerfeſt ſoll 
am 8. September d. IJ. in Fuhlsbüttel abgehalten werden. -- 
Zu Punkt 2 und 3 der Tagesordnung: „Direkter Vertrieb 
von Schreibheften ſeitens de8 Vereins“ und „Einführung 
von Schreibheften mit waſchbarem Umſc<lage“, wurde bes 
ſchloſſen, dieſelben vorläufig zurüczuſtellen, aber im Auge 
zu behalten. Herr Reimer3-Seefeld führte von ihm ent- 
worfene Buchſtabenbilder vor. Zn ganz origineller Weite 
hat Herr R. die Bilder aus dem Anſchauungskreije der 
Kinder ſo gewählt, daß der abgebildete Gegenſtand Ahn- 
lichfeit mit dem betreffenden Buchſtaben hat. E3 wurde 
bej<loſſen, auf der nächſten Verſammlung eine Kommiſſion 
zu wählen, die unter Benutzung dieſer Bilder eine neue 
Fibel bearbeiten ſoll. =- Herr Thode-Hamburg führte einen 
von ihm erfundenen Kartenſtänder vor. Derjelbe nimmt, 
zuſammengeklappt, einen nur geringen Plaß ein und iſt zum 
Aufhängen von Karten, Tabellen und Bildern vorzüglich 
geeignet. Er wurde wegen dieſer Vorzüge als recht praktiſch 
anerkannt. =- Herr Shumann-Hamburg erſtattete in feßelnder 
Weiſe den Bericht über die Deutſche Lehrerverſammlung zu 
Köln. = Nachdem dann noc< beſchloſſen war, daß die 
etwaigen Wünſche zum Unterricht8geſeze in den Zweigvereinen 
vorberaten und dieſelben darauf in einer Extraverſammlung 
endgültig feſtgeſtellt werden ſollen, wurde die Verſammlung 
um 7 Uhr geſchloſſen. 
In der am 30. Juni abgehaltenen Vortragsverſammlung 
des „Lehrervereins für Geeſthacht und Umgegend“ hielt 
nach Erledigung des geſchäftlichen Teils Herr Schullehrer 
Gallo, Geeſthacht, einen Vortrag über den ReligionZunterricht ; 
inſonderheit über die Bedeutung des bibliſchen Bildes für 
die KatechiSmus8behandlung. -= Der Redner wies darauf 
hin, daß dem Religionz3unterricht in lezter Zeit lange nicht 
die Beachtung zu teil wurde, welche man den andern ethijchen 
Fächern angedeihen ließ, ja daß die darauf verwandte Stunden=- 
zahl nicht ſelten zu ihren gunſten gekürzt wurde. Daher 
auch die Überfülle des zu bewältigenden Stoſfes und der 
hieraus entſpringende Unmut des Lehrers, Religionsunterricht 
zu erteilen. Die Bibliſche Geſchichte fand immerhin noch 
mehr Beachtung und „Liebe“ als das Kirchenlied, und letztere3 
mehr al3 der KatehisSmus. Bücher, welche Verbeſſerungen 
in der Methode enthalten wollten, kündigten dieſelben faſt 
ausſc<hließlicßh auf dem Titelblatt an; im allgemeinen ging 
man jedoch ſelten einen andern Weg als den altgewohnten : 
Dogmatiſche Beweisführung und Begründung durc<h Bibel- 
ſtellen, allenfal3 durch Beiſpiele aus der Heils8geſhichte. 
Peſtalozzi gründete den KatehiSmu3unterricht auf Anj <auung 
und Pſychologie. Das Anſchauung3objekt, von welchem 
man ausgeht, muß wahr, klar, bekannt und von religiöſem Gehalt 
ſein. Dieſe Forderungen erfüllt weder der Spruch no< das 
Kirchenlied, ſondern allein die bibliſche Geſchi<te. Bei der 
Wahl des bibliſchen Bildes muß man zur Beſprechung eines 
KatechizmusſtüFe3 möglichſt nur ein Bild, höchſtens zwei 
herauSheben. --- Der Redner zeigte die Anwendung des 
Bildes im Unterricht am dritten Gebot, und zwar ſtellte er 
für das Gebot da3 Bild Matthäu38 12 „Ein Tag aus dem 
Leben de3 Herrn“ und für das Verbot Lukas 14, 16---24, 
das Gleichnis vom großen Abendmahl, an die Spike ſeiner 
Betrachtungen. Seine Ausführungen faßte Herr Gallo in 
folgende Leitſäße zuſammen: 1. Die Grundlagen einer 
rationellen KatechiSmusbehandlung ſind Anſchauung und 
Pſychologie. 2. Das beſte Anſchauungsmittel iſt die biblijhe 
Geſchichte in der Form de3 bibliſchen Bildes, da dieje wahr, 
klar und bekannt iſt und tiefen religiöſen Sehalt hat. 3. Spruch 
und Lied dienen zur Zuſammenfaſſung gefundener Wahrheiten 
und zum AusdruÄ der Gefühle des Herzens. Die Verjammlung
	        
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