Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

ſtimmt den Leitſäßen im allgemeinen zu. Cin Teil iſt jedoch 
der Anſicht, daß eine Wiedergabe des gebotenen Stoffes 
durch die Kinder zu verwerfen jei, da die Religionsſiunde 
eine Stunde der Andacht und Weihe ſein ſoll; der andere 
will jedoch die Zuſammenfaſjung am Schluß der Betrachtung 
nicht entbehren. P. Lüdtke. 
Pädagogiſche Rundſchau. 
Einen Bericht über den Dentſchen Lehrervercin während 
ver Geſchäft8periode 1898--1900 erſtattete Kollege L. ClauSniter am 
22. Zuni im Berliner Lehrerverein. Der Deutſche Lehrerverein hat auch 
in den beiden lezten Jahren einen erfreulichen Aufſ<hwung genommen, 
iſt er doch von 73 600 auf 83 600 Mitglieder geſtiegen. Nachdem der 
Verein der Schaumburg-Lippeſchen Volk8ſchullehrer und der Lehrerverein 
des Herzogtum3 Sachſen-Koburg-Gotha dem Deutſchen Lehrervervein bei- 
getreten ſind, ſtehen, da auch aus dem Fürſtentum Schwarzburg-Rudolſtadt 
ſ<on die Beitritt3meldung eingelaufen iſt, nur no< Bayern, Melenburg:- 
Schwerin als Landes-Lehrerverein, Hohenzollern und Eljaß-Lothringen 
außerhalb des Deutſchen Lehrervereins. Auc< innerhalb des Vereins 
herrſ<hte reges Leben ; nach der Gehalt8bewegung wandte der Verein 
ſeine Arbeit ideellen Fragen zu, von denen die Beſprechung der beiden 
Verbandsaufgaven des lezten Lehrertages einen großen Teil 
Arbeit erforderte. Nachdem nun der einjährig:-freiwillige Militärdienſt 
der Volksſc<ullehrer eingeführt war, hatte der Deutſche Lehrerverein 
daraus ſeine Folgerungen zu ziehen, um dieſen Dienſt den Kollegen jo 
leicht al8 mögli< zu machen. Zu dieſem Zwecke trug wejentlich die im 
Auftrage des Deutſchen Lehrerverein3 heraus8gegebene ReiShauerſche Schrift 
bei, von der |<on die dritte Auflage ſaſt ausverkauft iſt. Auch die Frage 
der Rechtſ<reibung beſchäftigte den Verein. In Vezug auf die 
Reformbeitrebung faßte die Vertreter-Verjammlung in Köln eine Reſolu- 
tion, die die ſogenannte Puttkamer|<e Orthographie vervollkommnet 
weitergeführt verlangt. =- Der Deutſche Lehrerverein gründete auch eine 
ſtatiſtiſche Zentralſtelle, zunächſt für Gehalt38bewegungen ; dieſe 
Stelle joll aus allen deutichen Staaten Stoff jammeln und ihn den einzelnen 
Vereinen zur Verfügung ſtellen. Auch die PreiSaus] IHreiven machten 
dem Verein, wenn die Beteiligung auch nicht ſo groß war, recht viele 
Arbeit. In nächſter Zeit wird beſchloſſen werden, in welcher Weiſe die 
preiSgekrönten Schriften veröffentlicht werden ſollen. Die Herausgabe 
des großen Peſtalozzi-Werke3 von Paſtor prim. Seyffarth wurde 
durc<h den Deutſchen Lehrerverein weſentlich gefördert, indem e35 bejonders 
durc< ihn gelang, die notwendige Abonnentenzahl zu |c<affen. Endlich 
überwies der Deutſche Lehrerverein die gejammelten 6500 Al. zum Dittes- 
Denkmal, nachdem eine Skizze dem Verein genehm und die Ausführung 
eines Grabdenkmals mit einem Koſtenaufwand in der Höhe von 11000 4. 
geſichert war. Auch die Kommiſſionen haben in der foeben verlaufenen 
Geſchäft5periode viele Arbeit geleiſtet, hat do<; die Rec<ht3ſ<utkom- 
miſſion 154 Fälle zu bearbeiten gehabt. In 116 Fällen wurden 
Unterſtüßungen gezahlt, in 15 Rat erteilt, 23 wurden abgewieten. Die 
Unterſtüßungen beliefen fich auf 8628 4. Wenn auc die Kommiſſion 
für die „Deutſi<e Schule“ nicht mit Arbeiten überhäuft war, 19 war cs 
doh der Redakteur, denn nach dem Handſfertigkeitsſtreit und dem Streit 
über die PreiZausſhreiben erichienen die Streitfragen über Sozial: und 
Individual-Rädagogik. Großen Aufſichwung nahm die Feuerverſicherung, 
da die Verſiherung8ſumm?e? von 43 auf 46 */« Millionen geſtiegen iſtz 
die Letzte Vergütung aus der Feuerverſicherung betrug für den Verein 
10000 M. Aus dem Anſchluß an den Deutſchen Lehrerverein erwachſen 
den Vereinen kaum Koſten. Es zahlten nämlich alle Vereine zuſammen 
in den zwei Bericht8jahren etwa 24 000 &., während ſie erhielten aus 
der Rechtsſ<hußkaſje 8500 AM., aus der Feuerkatjſe 16500 4., Fahr- 
koſten für den Deligiertenfond8 9000 4.3 alfo in Summa haben die 
angeſchloſſenen Vereine bar 34 000 A. zurückbekommen. 
Heim für Lehrertöchter. Das am 1. April 1899 vom Hilfs: 
verein deutſcher Lehrer in Berlin eingerichtete Töchterheim erfreut ſich troß 
ſeines kurzen Beſtehens bereits recht lebhaften Zuſpruchs, fo daß ſich die 
gemieteten Räume als zu klein erwiejen vaben. In dieſem Frühjahr 
iſt das Heim bedeutend vergrößert und kann nunmehr die doppelte 
Anzahl von Damen aufnehmen. Das Töchterheim giebt den Kollegen 
auf dem Lande und in kleinen Städten Gelegenheit, ihre Töchter während 
der Zeit der Ausbildung zu einem geeigneten Lebensveruf unter günſtigen 
Bedingungen unterzubringen. Für 45 X. monatlich gewährt dasqelbe 
Wohnung und volle Penſion mit guter und reichlicher Koſt; ſogar der 
Garten ſteht den Heimbewohnern zur Benußung frei (gewiß für Berlin 
eine Seltenheit). Über die Gewährung von gaanzen und halben Frei: 
ſtellen wird von Fall zu Fall entihieden. Anmeldungen ſind zu richten 
an den Hilfsverein deutſcher Lehrer Berlin N., Lottumſtraße 10. 
Eine geſchichtliche Erinnerung aus dem VereinsVleben 
der Lehrer Sh<leswig-Holſteins. (Schle8wig-Holſteiniſch<e Schul: 
zeitung.) „Die Schranke, welche die Kollegen im Norden der Eider 
von denen im Süden trennt, und jeden freien Gedankenaustauſc<h 
erſc<werte, war mit der Vertreibung der Dänen aus S<le8wig im Jahre 
1864 gefallen. Nun konnten die in ihrer Geſinnung no< immer Ver- 
einigten ſich wieder ohne Furcht vor Maßrogelungen verſammeln. Die 
erſte in Wirklichkeit vereinigte allgemeine Lehrerverſammlung wurde noch 
in demjelben Jahre abgehalten in Heide, eine Verſammlung, die an 
943 
 
 
Zahl der Teilnehmer, ſowie an Begeiſterung und Anteilnahme des nicht- 
lehrerlichen Publikums alle biSherigen überragte. Die Bauern gaben ihr 
Fuhrwerk her, um die lieben Gäſte in Dittmarſ<en würdig zu empfangen, 
und die Bürger hatten alles mögliche gethan, um den Tag zu einem 
patriotiſchen Feſttag. zu geſtalten. Da ſah man unter den Gäſten alte 
in Ehren grau gewordene Lehrer, die ſich die Freude der Wiederver- 
einigung nicht hatten nehmen laſſen wollen und aus den entlegenſten 
Ortern herbeigeeilt waren. Die Begeiſterung aber erreichte erſt ihren 
Höhepunkt, al8 der von allen Lehrern geachtete Vorſizende, Lehrer 
Dücker in Neuſtadt, (jezt in Altona) in einer von Herzen kommenden 
und zu Herzen dringenden Anſprache auf die Bedeutung des Tages 
aufmerkſam machte und die holſteiniſchen Kollegen aufforderte, die 
ſ<hleSwigſhen Brüder zu umarmen. Da lagen ſich langgetrennte 
Freunde im Arm, und ein heiliger Geiſt beherrſchte die ganze Verjammlung. 
Dieſe Verſammlung iſt ein Markſtein in der ſchle3wig-holſteiniſhen Shul- 
geſchichte geworden.“ (Entnommen den demnächſt im Dru> erſcheinenden 
LebenSerinnerungen von Tießen -Meldorf.) 
Vom Büchermarkt. 
Da3 ſoeben ausgegebene Heft 6 (IV. Jahtg.) der im Verlage von 
Julius Klinkhardt in Berlin erſcheinenden Monats) <rift „Die Deutſche 
Schule“ hat folgenden Inhalt : Stimmen zum Sculprogramm des 
XX. Jahrhunderts. V.: Von Dr. Julius Baumann. -- JIndividual- 
und Sozialpädagogit. Von C. Müller. -- Die Fortführung der 
Schulklaſſen. Von Adolf Rude. (Schluß.) -- Bildungsideale des 
achtzehnten Jahrhunderts. Von Heinr. Sundermeyer. -- Um- 
ſchau. -- Mitteilungen. 
Niederſachſen. Immer weitere Kreiſe erobert ſich die Halb- 
monats3ſ<hrift Niederſachſen, die von Herm. Heiberg und Friedr. Freuden: 
thal geleitet, von Carl Schünemann in Bremen herausgegeben und verlegt 
wird. Und ſie verdient e8, daß ſich ihr immer mehr Häuter öffnen, 
weil ſie zu den beſten Zeitſchriften zählt unter denen, die ſich die Pflege 
der Heimatkunſt al8 Aufgabe geſtellt haben. Der Inhalt iſt jo vieljteitig 
und intereſſant, daß jeder etwas findet, was ihn freut. Die Beſtrebungen 
der Zeitſchrift ſind für unſere niederſächſi) <en Lande und Landsleute 1o 
wichtig und notwendig, daß man nur wünjc<hen kann, daß ſich recht viele 
mit dem Unternehmen befreunden. Wer die Zeitſchrift no<M nicht kennt, 
der lajje ſich vom Verlage Rrobenummern kommen. 
Hermann Ofthoff, „„Freic Worte“. Akademiſche GelegenheitSreden 
aus dem Heidelberger VWrorektorat 1899-1900, Leipzig, Verlag von 
S. Hirzel 1900. 
Die vorliegenden Reden des Heidelberger Univerſttätslehrers, deren 
Themata „Vrofeſor und Student“, „Univerſität und techniſche Hoch- 
ichule“, „Wiſſenjc<haft und Gemeinwohl“, „Fürſt und Vaterland“ ind, 
beanſpruchen das Intereſe der deutſ<en Lehrerſchaft ſHon darum, weil 
ſie ein völlig freier Bli, eine wohlthuende Objektivität des Urteils dur<h- 
weht. Wa3 der Redner über die böchſten und weſentlichſten Aufgaben 
des Dozenten, über akademiſ<es Leben und Studium, über das Ver- 
hältnis zwiſchen Univerſität und Technikum, über die Ginrihtung von 
HoHi<ulkurſen und die Beſtrebungen zu gunſten der allgemeinen Volks- 
bildung fagt, dem können wir unſere ungeteilte Zuſtimmung ausdrücten. 
Als ein Zeichen idealiſtitjHer Richtung darf es zelten, wenn 
Redner u. a. fagt (S. 18 ff 3: „Zſt unter Jahrbundert . . in jeglicher 
Hinſicht zu loben? Hiſtoriſ<e und philoſophiſch:kritiſche Betrac<tung bat 
bereits angefangen, den Vergleic< mit dem Vorgänger zu ziehen, und da 
findet man, daß in einem Punkte dieſer Vergleich entſ<ieden nicht zu 
gunſten der Jektzeit ausfällt: an JdealismuS8 find wir zurüc-: 
gegangen . . . Man hat unſer Jahrhundert gekennzeichnet mit Hervor: 
hebung des RealismuZ3 als eines <araktertſtiſ<en Zuges; man dat 
hingewieſen auf die Fülle realer und greifbarer Erfolge, die unſerer Zeit 
ein eigenartiges Gepräge aufdrücken . . . Von einem ſtark naturaliſtiſchen 
Wirklchkeitsfſinn iſt beute Litteratur und Kunſt dur<drungen . . . Das... 
trägt nun aber auch eine große Gefahr für unſer GeiſteSleben m jeinem 
Schoße. Wir komnen leiht dazu und bemerken es leider ſchon deutlich 
genug, daß ein Denken und Emyſinden unter uns Rlatz gretſt, welches 
nachgerade nur die äußerlich wahrnehmbaren, ſinnliß affizierenden 
materiellen Güter als erſtreven3wert betrachtet. CS ſieht idealiſtiſch aus, 
daß gegenwärtig der Zudrang zu den gelehrten Studien au? den Ho<H- 
ichulen überall ein ſtarker iſt. Aber wie viele unter Ihnen und allen 
übrigen, die heutzutage Hochſ<ulſtudenten werden, dürften es wohl ſein, 
von denen no< des Dichters Wort gilt, daß ihnen die Winjenſc<aft „die 
hohe, die himmliſche Göttin“ iſt ? Sollte nicht die Zahl derer die weit 
größere ſein, die da kommen, weil hier „eine tüchtige Kuh, die ſie mit 
Butter verſorgt“, zu finden iſt? Mehr als je nimmt heute die heran: 
wachſende Jugend und dazu die gebildete und ſtudierende, teil an dem 
krankhaften Zug der Zeit, daß man möglichſt alle Dinge aus dem ein: 
ſeitig utilitariſc<hen Geſicht8punkt betrachtet, an alles den Maßſtab der 
Intereſſen der nackten Selbſt: und Eigenſucht anlegt . . . Alſo thut es 
denn wahrlich not, daß wieder einmal eine idealiſtitſ<ereGeſinnung 
in unſerem Volke lebendig werde . So iſt es für jeden wahren 
Patrioten ein feſt im Auge zu haltendes ideales Ziel, die höchſtmögliche 
innere Vollkommenheit unjeres Staatsweiens mit allen Kräften 
anzuſtreben.“ HD. K.
	        
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