Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

 
der Erziehung und des Lehrerſtandves,. 
Herausgegeben 
von Lehrern und Lehrerinnen. 
Kommiſſionär HB. Reßler, Leipzig, Seeburgſtr. 40. 
Schriftleitung: 
U. Struve, Hamburg-Eilbe>, 
Jungmannſtr. 21, p. 
Verlag: 
Shröder & Jeve, Hamburg, 
Kl. Reichenſtr. 9-11. Fſpr. 2080. 
 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint jeden Mittwoch in einem Bogen Großquartformat zum Preiſe von 7 Mark 50 Pfg. für das Vierteljahr. 
Beilage: Die monatlich erſcheinende Jugendſchriften-Warte, Schriftleiter HB. Wolgaſt. -- Beſtellungen nehmen außer den Verlegern, alle 
Buchhandlungen, Zeitungsgeſchäfte und Poſtämter an. -- Beiträge find an die Schriftleitung, Bücher zur Beſprechung an Herrn Hauptlehrer Martens, 
Hamburg-St. Georg, Baumeiſterſtr. 8, zu ſenden. Unzeigen werden für die Petitzeile von 63 mm Breite mit 20 Pfg., Beilagen nach Übereinkunft 
berechnet. -- Poſt- Liſte Ur. 3188. -- Klagen über unpünktliche Zuſtellung ſind gefl. ſofort dem Verlage mitzuteilen. 
 
 
8. Jahrgang. 
Stittwoh, den 25. Juli 1900. 
gr. 30. 
 
Inhalt: Eine Ferienreiſe nac< Algier. Von G. Gruſt. (Scluß.) -- 
Zwei Urteile der Preſſe über die Deutſche Lehrerverſammlung zu 
Köln. =- Fünftägige Harzreiſe der T. Volksſ<ulklaſſe Sachſenſtraße. -- 
Verband deutſ<er Gewerbeſ<ulmänner. =- Pädagogiſche Rundſchau. 
 
Eine Ferienreiſe nac< Algier. 
Von G. Gruſſt. 
(Schluß.) 
Der intereſſantere Stadtteil Algier8 iſt natürlich der 
arabiſ<e. Wa3 der europäiſche Stadtteil bietet --- ſchöne 
Straßen, ſchöne Gebäude und großartige Geſ<äftslokalitäten --- 
haben wir in Deutſchland auch. “ Was8 gewährt un3 aber 
der arabiſche Stadtteil dagegen? Er geſtattet uns einen 
Einbli> in die mohammedaniſche Welt. Der Apotheker ſowohl 
wie ic< hatten uns den Beſuch des arabiſchen Stadtteils 
ganz beſonders vorgenommen. Zu unſerer größten Über- 
raſ<ung weigerte ſich der Führer, uns hindurchzuführen. 
Er behauptete, daß die Fremden häufig von Arabern in 
dieſem Labyrinth von Gäßc<en, die meiſtens aus Treppen, 
ähnlich wie bei un3 in Blankeneſe, beſtehen, nur daß zu 
beiden Seiten dieſer höchſtens 2?/» m breiten Gäßc<hen die 
fenſterloſen, arabiſchen Wohnhäuſer ſich befinden, überfallen 
und beraubt worden ſeien. Da wir hierüber keine Be- 
merkung in unſerm Reiſebuch fanden, fo glaubten wir es 
ihm einfach nicht. Er beteuerte, daß 23 ſo gefährlich wäre, 
allein durch dieſen von Franzoſen nicht bewohnten Stadtteil 
zu gehen, daß er uns nicht hindurchführen würde, jelbſt wenn 
wir ihm 1000 Francs auf den Tiſch legten. Die Soldaten 
ſelbſt gingen nicht ander3 als in Trupp3 und mit Seiten- 
gewehr bewaffnet hindur<H. Da wir aber auf die Beſichti- 
gung dieſes ſpezifij; mauriſch - arabiſchen Stadtteils, des 
eigentlich alten Algier3, nicht verzi<ten wollten, ſo erklärten 
wir ihm, daß wir Sonntagnachmittag, wenn er e3 ſich nicht 
noh überlegen würde, allein dieſe Tour machen würden. 
Der arme Führer war in einer ſehr unangenehmen Lage. 
Er verſicherte mir, daß er e3 als Führer nicht verantworten 
könne, uns hindur<zuführen. Andererfeit8 konnte er doch 
aber erſt re<t nicht den alten Herrn, der ihn aus Marteille 
zu ſeinem Schuß mitgenommen hatte, allein gehen laſſen. 
Er erbat ſich daher Urlaub, um mit feinem Bruder, der 
Polizeiinſpektor in Muſtapha Superieur war, die Angelegen- 
beit zu bejpre<en. Nach dem Diner war er |c<on wieder 
bei uns und teilte uns mit, daß jein Bruder gewillt ſei, 
uns am Mittwoch zu führen. Es wurde daher verabredet, 
daß der Führer kurz nach dem Dejeuner an jenem Tage 
einen Wagen bereit halten jole. Als i< am Mittwoch 
nac< dem Dejeuner no< ſ<nel nach meinem Zimmer ging, 
traf iM auf der Treppe die Zimmerfrau, die mich fragte, 
 
wie e3 mir in Algier gefiele. „O“, ſagte ich, „tres bien]! 
Nous voulons aller au quartier arabe!“ „Wir wollen 
das arabiſche Viertel beſuchen!“ „Mon dien“, ſagte ſie, 
„c'est tres dangereux. Les Arabes Sont mechants. I11s 
ont pris aux dtrangers le portefeuille et 1a montre.“ 
„Die Araber ſind böſe Menſ<en. Sie haben den Fremden 
ſchon Uhr und Portefeuille weggenommen.“ I< teilte ihr 
mit, daß wir einen Volizeiinſpektor bei uns hätten. Dennoch 
kann ich wohl ſagen, daß mich dieje Bekräftigung de3 vom 
Führer Behaupteten von ganz unintereſſtierter Seite unan- 
genehm berührte. Viel bedenken muß man auf der Reiſe 
nicht. . Wer ſein Leben nicht wagt, hat au< nic<ht3 davon. 
Al3 ich wieder hinunterkam, ſtand der Wagen |1<on vor der 
Thür. Der Führer ſtelte mir den Inſpektor und einen 
algieriſchen Bürger, einen Sattlermeiſter, vor, der ſich uns 
auf unſerer Wanderung anſchließen wollte, und der, wie 
uns der Führer verſicherte, im Quartier arabe eine große 
Orts8kenntnis8 beſäße. Wir fuhren durch die Rue de Robigo 
zur Kas8ba hinauf. Die Rue de Robigo geht in großen 
Schlangenwindungen im Oſten den Hügel hinauf. Bei der 
Citadelle der Ka3ba verließen wir den Wagen. Südweſtlich 
von der Ka3ba liegen die Caſerne d'Orleans und die Caſerne 
d'Artillerie. Die Lage derſelben iſt eine äußerſt günitige. 
Im Falle de3 Aufſtandes ſind die Franzoſen imſtande, jofort 
von der Höhe aus das arabiſche Viertel zu beſchießen. Wir 
begannen nun den Abſtieg. Der Algierianer wußte in der 
That ausgezeichnet Beſcheid. Er führte uns zunächſt in die 
Rue de la Ka38ba. Dieſe Straße beſteht aus 497 Stufen und 
geht in einer gebrochenen Linie bis zur Notre Dame des 
Victoire3 hinunter. Von diefer Hauptſtraße wurden wir in 
faſt ſämtliche Seitengaſſen und «-Gäßchen geführt, jo daß wir 
einen ſehr guten EindruF von dem Leben und Treiben bier 
bekamen. Europäiſch gekleideten Menſchen bin ich hier nicht 
begegnet. Alle waren arabiſch gekleidet. Einige batten jehr 
gute weiße Gewänder, andere waren wieder kehr primitiv 
gekleidet. Entweder batten ſie ein große3, weißes, ge/c<loſenes 
und bi3 über die Kniee reichende3 Hemd an, oder ſie hatten 
ſich einen Sa& umgeſchlagen, während der Oberkörper nat 
war. E38 ſcheinen dies die Arbeiter zu ſein. Die Latten 
werden hier von Mauleſeln getragen, die gut auf den Treppen 
zu gehen verſtehen. Beim Häuſerbau habe ich Ziegel ver- 
wenden ſehen, die ganz dieſelbe Form und Farbe wie bei 
uns haben. Mauleſel werden hoh mit Mauerſteinen beladen 
und dann fortgetrieben. Vor den Thüren ſ<einen die ärmeren 
Leute ihren Hauptaufenthalt zu haben. Häusliche Ver- 
richtungen, die bei uns nur im Innern des Hauſes gethan 
werden, werden dort auf der Straße ausgeführt. Die 
Händler haben ihre Waren vor der Thür aufgeſtellt oder 
aufgehängt. Sie ſelbſt ſien oder liegen daneben.
	        
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