Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Wem das nicht glaubhaft erſcheint, der betrachte das 
Ergebnis des zweiten Verhandlung3gegenuſtande8, der ſc<hul- 
pädagogiſchen Berechtigung des Handfertigkeit3unterrichts. 
Wenn wir auc< noc<h im Zweifel darüber wären, ob wir 
jeine Einführung in den heutigen veralteten und überlaſteten 
Lehrplan befürworten oder lieber erſt eine jpätere gründliche 
Umänderung der Schulorganiſation abwarten ſollen, jo kann 
es für uns doch keine Frage jein, den Arbeitsunterricht 
gerade als Rücgrat der Erziehung grundſäßlich auf das 
wärmſte und dringendſte zu empfehlen. Der Lehrerverein 
hat leider I<on dadurch, daß er das Referat über dieſes 
Thema dem ſc<roffſten Gegner des Arbeitsunterricht3, ſowie 
überhaupt der neueren ſozialpädagogiſchen Strömung, dem 
Frankfurter Lehrer Ries, übertragen batte, den nunmehr 
gerechtfertigten Verdacht wachgerufen, daß er es auf die 
Verneinung des Arbeitsunterricht3 abſehe. Daß aber 
dieſe Ablehnung in einer formell ſo dürftigen und inhaltlich 
jo unzulänglichen und abſtoßenden Weiſe geſchehen würde, 
wie es thatſächlich der Fall war, das hätte man doch nicht 
erwarten jollen, bejonder3 da für den Handfertigkeits- 
unterricht tüchtige und ſachkundige Männer eintraten, während 
ſich die Gegner meiſt nur auf das Gewicht ihrer zumeiſt 
vorher gebundenen Stimmen verließen. 
So bedeutet die dieSjährige Kölner Lehrerverjammlung in 
jozialer Beziehung eher einen Rücj<ritt als einen Fortſchritt 
gegen ihre Bres8lauer Vorgängerin. Wenn wir troßdem 
nicht trübe in die pädagogij<e Zukunft ſehen, jo deSshalb, 
weil wir der jungen ſfozialpädagogiſ<en Strömung in der 
zeitgenöſſiſchen Pädagogik und unter den Lehrern joviel 
Kraft und Zähigkeit zutrauen, daß ſie ſich durch den jeßigen 
Mißerfolg nicht entmutigen, ſondern im Gegenteil nur zu 
neuem Eifer und Vorwärtsdrängen anſpornen läßt. Sie 
darf ſicher ſein, daß ſie ſich dabei im Einklang mit der ſonſtigen 
geſellſchaftlichen Entwilung befindet, und daß ihr die Zu- 
kunft gehört.“ 
Sozialdemokraten und Centrumsleute äußern in brüder- 
lihßer Einigkeit ihr Mißfallen über die Kölner Lehrer- 
verjammlung. Die Gegenjäte berühren jich auch hier. Man 
wird aus dieſer Thatſache den Schluß ziehen dürfen, daß 
Deutjc<land8 Lehrer auf dem rechten Wege find. Den 
Beifall der politiſchen Ultra38, mögen ſie nun ſ<warz, blau 
oder blutrot ſein, werden die Lehrerverſammlungen wohl 
jolange nicht ſinden, als ſie lediglich die Entwi>lung des 
jungen Geſ<le<ht8 im Auge haben und es mit aller Ent- 
ichiedenheit von der Hand weiſen, irgend einem Parteibanner 
Gefolgichaft zu leiſten. 
Fünfſtägige Harzreiſe 
der 1. Volksſchulklaſſe Sachſeuſtraße. 
Pfingſtferien 1900. 
38 Scüler, 5 Lehrer (einſ<l. Hauptlehrer) und Ärzt. 
(5.9. Zuni.) 
Troß furchtbaren Gewitters fand die Abſahrt am dritten 
Pfingſttage unter vollzähliger Beteiligung morgens 5 Uhr 
53 Min. ſtatt. 
1. Tag: Bahnfahrt über Lehrte, Braunſchweig, Harz: 
burg nac< ZlUſenburg. -- JUſefälle -- ShneeloHh =- 
BroFen (zute Ausſficht!). =- Ederlo<h =“ S<hierke; hier 
übernachtet (Hotel „Bro&en-Sceide>“, Beſitzer Ad. Michaeli3). 
2. Tag: Schierke -- Achtermanushöhe -- Oderbrüä 
-- Dderteich -- Redberger Graben -- Andreasberg (Mittag 
eſen; „Hotel zum Rathaus“, Beſitzer Herm. Braune). 
Andreag2bergzer Rinderſtall -- Braunlage; hier übernachtet 
(Hotel „Waldmühle“, Junhaber Otto Henjes). 
3. Tag: Bahnfahrt über Tanne naß Rübeland. 
Hermannshöhle. -- Wendefurth -- Altenbrak -- TrejJeburg 
(Mittageſſen; Hotel „Weißer Hirſch“, Beſizer J. Wudede). 
-- Wilhelmsbli> -- Roßtrappe (CHo!) -- Schurre 
-- Bodethal -- Thale. Bahnfahrt nac< Suderode. -- 
Gernrode; hier übernachtet (bei Privatleuten). 
230 
 
 
4. Tag: Bahnfahrt naß Ballentiädt. -- Selkethal, 
Burg Falkenſtein -- Selkemühble --- Mägdeſprung -- 
Alexis8bad (Mittageſſen; Haaje8 Hotel garni, Elyſium). 
-- Mägdeſprung -- Sternhaus -- Haberfeld -- Gernrode; 
hier übernachtet (wie am Abend vorher). 
Tag: Suderode. =-- Bahnfahrt über Quedlinburg- 
Halberſtadt nach Goslar; Beſichtigung in3beſondere Markt, 
Zwinger, Kaiſerhaus. Mittageſſen („Hotel 3. Achtermann“, 
Beſißer H. Pieper). Heimfahrt über Hildesheim, Lehrte nach 
Hamburg; Ankunft 10 Uhr 16 Min. 
In den oben angeführten Hotels fanden unſere Schüler 
eine überaus herzliche Aufnahme und die denkbar beſte und 
billigſte Verpflegung. Den Herren Hotelier3 (3. B. in Braun- 
lage, Waldmühle, Trejeburg, AlexiSbad) waren wir zum Teil 
ic<on längſt befannte Gäſte, und wir erhielten die Ver- 
ſicherung, daß jederzeit Hamburger Volksſchüler bei ihnen 
eine gute Aufnahme finden würden. 
Die außerordentlich günſtige Wiiterung in dieſ em Jahre, 
eine Abwechſelung der Landſchaft8bilder innerhalb de3 aus- 
gedehnten Reijegebiet3, jowie eine Reihe packender Sehen3- 
würdigkeiten trugen zu einem ganz beſonderen Gelingen der 
Wanderfahrt bei. Obenan unter den Sehenswürdigkeiten 
ſtanden der hochintereſſante Falkenſtein, die wohl am beſten 
erhaltene Ritterburg Norddeutſchland8, ferner die Rübe- 
länder Höhlen und das Kaiſerhaus zu Gozslar. 
Freilich mußte mancher Genuß erſt durch nicht geringe körper- 
liche Anſtrengung erkämpft werden; doc< da3 thut nichts, 
vehütet den jugendlichen Reiſenden unter Umſtänden vor 
Blaſiertheit. So war der Broenaufſtieg in dieſem Sommer 
feine leichte Auſgabe; denn der Weg durch die ſogenannten 
„Schneelöcher“ war infolge de3 ſc<neereichen Nachwinter3 
ungewöhnlich wahßſerreich und aufgeweicht. Die Brocen- 
bahn, die als „Lurusbahn“ keine Ermäßigung gewährt, 
hatte unſerer Schule zwar die MilitärpreiSermäßigung angez 
boten (und ſie wird ſie jeder Volk3)] <ule im Falle eine3 
bejonderen Antrages gewähren) ; der Fahrpreis ſtellt ſich 
aber dann immer noh pro Kopf (ab Wernigerode) auf 
M4 1.10 (fonjt M. 2.80). Wir ſahen deshalb und wegen der 
nicht vorauszuſehenden Witterung in dieſem Jahre von dieſer 
Bergfahrt ab, wenn auch der gewaltige und wunderbare 
Kunſtbau jener AdhätionSbahn den Schülern manche lehr- 
reiche Momente geboten haben würde. Übrigen3 mögen an 
diejer Stelle für diejenigen Herren, die auch demnächſt eine 
Harzſ]<ulfahrt zu unternehmen gedenken, erwähnt werden, 
daß zwei weitere neue Harzbahnen eine günſtige Verbindung 
zwiſchen Nord- und Südharz herſtellen und den Schülern 
jezt auch leicht den Beſuch de3 herrlichen Kyffhäuſer ermöglichen. 
1. Die Harzquerbahn (Fahrpreis beiſpiel3weiſe von 
Glend bi3 Nordhauſen 60 Z pro Kopf. 
. Die Südharzbahn, die einerjeit3 von Braunlage 
naß T Tanne und der Querbahn abzweigt, andererſeit3 Braun- 
lage mit dem Stöberhai, mit Wieda und Walkenried 
verbindet (Fahrpreiſe veziehung8weiſe 20; 30; 40 und 50 Z. 
Wir hatten das Vergnügen, noch zwei auf der Harzreiſe 
begriffene Hamburger Volks8ſchulen unterwegs begrüßen zu 
können, zum wiederholten Male die Schule Wand3bederſtraße, 
ferner die Schule Streſowſtraße. H. F. 
Der Verband 
deutſcher Gewerbeſchulmänner 
tagte am 5. und 6. Jum in Kiel. Jn der erſten Haupt: 
verſammlung |prach der Verband3vorjitzende Direktor Rom:- 
berg-Köln über „Neuere Formen der gewerblichen 
Ausbildung“. Folgende Refolution des Referenten fand 
nahezu einſtimmige Annahme: 
„Der Verband deutſcher Gewerbeſchulmänner hält es 
angeſi<ht2 der Möglichkeit, daß auf Grund der betreffenden 
Beſtimmungen des neuen Handwerkergeſeß28 Innungen und 
Handwerks8kammern von dem ihnen zuſtehenden Recht, Schulen
	        
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