Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Kaum wieder draußen angelangt, war meine erſte Frage, 
ob vielleimt der Nachbar vergeſſen hätte, vor dem Zubette- 
gehen die Hausthür zu 1c<ließen. 
„Ne, mien Lieber, hier ſlött ken Minſch to! Wi nehmt 
uns nichts weg, und fremde Spitzboben kamt hier nicht her !“ 
O liebliche Jdylle! Wie ſeid Ihr Bewohner des fried- 
lichen Dörſchens in dieſem Punkte zu beneiden! Könnte ich 
doch auch jo ſprechen, wenn troß der verſchloſſenen Thüren 
bei dem geringſten Geräuſch in der Nacht meine Frau mich 
unſanft wet und ich ſchlaftrunken alle Räume durchwandern 
muß, um nach dem vermeintlichen Dieb zu juchen ! 
Dann ging's zum zweiten und dritten Nachbar, und 
immer dasfelbe Bild: große Wahſſerlachen -- unverſchloſſene 
Hausthüren = dunkle Stuben -- die Leute im Bett -- 
guten Abend -- adjüs ok! -- 
Nachdem ich ſämtlichen Mitgliedern de8 Schulvorſtandes 
meine Aufwartung !! gemacht, ging's dem Schulhauſe, das 
in der Nähe des Kruges lag, zu. Hier hoffte ich, zumal 
mein Wirt mich jetzt allein ließ, von dem Kollegen Auskunft 
über die Verhältniſſe und das Leben in dem Orte zu erhalten. 
Aber: wel<he Täuſchung! Kaum hatte ich die Schwelle über- 
treten, da jah ich, nachdem mein Auge ſich daran gewöhnt, 
den diden Rauch, der die Stube erfüllte, zu durchdringen, 
den Grenzjäger. Nachdem er den Bauern im Kruge wieder- 
hoit das Ereignis des Tages berichtet und deren Intereſſe 
zu erlahmen drohte, war er zu meinem Kollegen geeilt, bei 
dem er die nötige Teilnahme und das gehörige Verſtändnis 
vorausfetßte. Waren in ſeinen Augen doch der Lehrer und 
er die einzigen Gebildeten des Ortes! Große Rauchwolken 
jeiner Pfeife entziehend, durc<<maß er die Stube eifrig, die 
große Tagesneuigkeit und jeine beſonderen Verdienſte bei 
derjelben berichtend. 
Unter dieſen Umſtänden war Jelbſtverſtändlich an eine 
ungeſtörte Unterhaltung nicht zu denken, und ich verabſchiedete 
mich bald. 
Nachdem ich im Kruge wieder angelangt war, ſuchte ich 
die Ruhe, die ich nach den Strapazen de3 Tages erſehnte. 
In weichem, jauberen Lager gebettet, |Ichlief ich bald ein. 
Nber wel< ein Schlaf! Bunte Träume umgaukelten 
meine Sinne. Ein große8 Buchweizenfeld, das ic< durch- 
wanderte und das fein Ende nehmen wollte, breitete ſich 
vor mir aus. BPlößlich verwandelten ſich die Halme in 
Schweine und dieſe wieder in Grenzjäger. Auc< da3 Bild 
ver|<wand, und ich jah mich eingehüllt in eine große Rauch- 
wolke, in der unzählige Pfeifen auf: und abtanzten. 
Als ich nach einer Pfeife griff, erwachte ic< plößlich, und in 
der Hand hatte im die Naſe meine3 Wirte38, der ich über 
mein Bett geneigt hatte, um mich mit freundlichem Worte 
zu weden. 
Und welc< ein Erwachen! Ein tüchtiger Schnupfen nach 
unruhigem Schlaf ließ mich alles im trübſten Licht jc<auen. 
Ib faßte den Entſ<luß, auf das große Glü>, am Tage die 
barfußlaufenden Kinder der Dorfbewohner zu unterrichten 
und am Abend mi< mit den Eltern über Buchweizen und 
Schweinezucht zu unterhalten, zu verzichten. 
Sc<wer wurde e8 mir, meinem Wirt, der mich ſo 
freundlich aufgenommen hatte, das Geſtändnis zu machen. 
Als es aber endlich geſchah, zeigte ſich, welch biedere Natur 
er war. Wohl war er anfang8 unangenehm überraſcht ; 
bald jedoch zeigte er die gewohnte Freundlichkeit. Nachdem 
dann der Herr Inſpektor mich meiner Verpflichtung entbunden 
batte, beeilte ich mich, dem Orte, an dem ich in der kurzen 
Zeit jo manches erlebt, und den ich gewiß von der ungünſtig= 
jten Seite kennen gelernt hatte, den Rüden zu kehren. So 
groß war mein Verlangen, daß ich gern auf die Reiſeſpeſen, 
die mir nac< abgehaltener Wahlprobe zugeſtanden hätten, 
verzichtete. | 
Vor mir breitete ſich abermals die Heide aus. Aber 
dieSmal war e38 heller Tag und das Wetter freundlich und 
klar geworden. Ein Bauer, der nach der nächſten Stadt 
wollte, hieß mich freundlich auf ſeinen Einſpänner neben 
ſich jeden. Als ich ihm aber im Laufe der Zeit mitteilte, 
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daß ich freiwillig der Möglichkeit, Lehrer ſeines Heimatsortes 
zu werden, aus dem Wege gegangen ſei, jagte er plößlich 
und ganz unvermittelt: „Stiegen Se man lewer wedder af; 
dat ward mienen Brunen doch en beten ſur!“ Leicht aber 
wurde es mir, ihn zu verſöhnen, zumal ich einige Grogs in 
Ausſicht ſtellte, und bald langten wir in dem Städtchen an. 
Von hier aus führte die Bahn mich ſchnell meiner Heimat 
wieder zu. 
Wohl war meine Frau anfangs enttäuj<t, als ich ihr 
von dem Mißerfolg meiner Reiſe berichtete. Nachdem ich 
ihr aber meine Erlebniſſe geſchildert hatte, war ſie vollſtändig 
ausgeſöhnt und liebevoll bemüht, durch einige Taſſen Kamillen 
die Folgen der Reiſe zu bannen. 
Nun liegſt du weit hinter mir, du interejanteſte meiner 
Wahlreiſen. Nichts iſt mir von dir geblieben, weder naſſe 
Füße, no< ein Schnupfen, nur die -- Erinnerung. 
Pädagogiſche Rundſchau. 
Intereſſante Anßerungen Friedrich Nietzſches teilt R. 
v. Seydlit in der „Neuen Deutſchen Rundſ<au“ mit. -- Hatte 
Niebſche einſt die ihm jo nötige Einfamkeit aufgeſucht und geſunden, fo 
war daraus bald eine ſ<were Vereinjamung geworden, die fich bis zur 
erdrüFfenden Verlafſſenheit ſteigerte. Erſt als ihm dieſe in 
ihrer ganzen Hoffnungsloſigkeit klar wurde, rief er nach Hilfe, nach 
Freunden, na<ß Kampfgenoſjen. Ein Dokument von dieſer düſteren 
Stimmung -- vielleicht das ergreifendſte, das er darüber laut werden 
ließ, und um ſo erſ<ütternder, als er es nur brieflich dem vertrauten 
Freunde in3 Ohr flÜſterte =- veröffentlicht Seydlit ; es iſt der ganze 
Inhalt eine3 von ihm ſpäter ſelbſt als „nicht verächtliche Probe meine3 
Nizzaer Wintermißvergnügens“ bezeichneten Briefes vom 12. Fe- 
bruar 1888. -- Sevpdliz hatte, nachdem Niezſche faſt dreiviertel 
Jahre geſchwiegen, ihn ſ[<erzhaft mit ſeinem „ſtolzen Schweigen“ genet. 
Da antwortete er: „Lieber Freund, das war kein ſtolzes Schweigen, das 
mir inzwiſ<en den Mund faſt gegen jedermann verbunden hat, vielmehr 
ein ſehr demütiges, das eines Leidenden, dex ſich jhämt zu verraten, 
wie ſehr er leidet. Ein Tier verkrie<ßt ſich in jeine Höhle, wenn es 
krank iſt; 19 thut e8 auch 1a bete philo8sophe. G3 kommt 1o jelten 
no<h eine freundſ<aſtlihe Stimme zu mir. I< bin jetzt allein, 
abjurd allein; und in meinem unerbittlichen und unterirdij<en 
Kampfe gegen alles, das biSher von den Menſchen geliebt und verehrt 
worden iſt (meine Formel dafür iſt „Umwertung aller Werte“), iſt un- 
vermerkt aus mir ſelber etwas wie eine Höhle geworden, =- etwas 
Verborgenes, das man nicht mehr findet, ſelbſt wenn man ausginge, es 
zu ſuchen. Aber man geht nicht darauf aus . . ." -- Und nun folgt 
ein Paſſus, der hier im Zufammenhang von geradezu ergreifender Tragik 
iſt: „Unter uns geſagt, = es iſt nicht unmögli<, daß iG der erſte 
Philoſoph des Zeitalters2 bin, ja vielleicht nog ein wenig mehr, 
irgend etwas Entſc<eidendes und Verhängnisvolles, das zwiſchen zwei 
Jahrtauſenden ſteht. Eine ſolHe abſfonderlihe Stellung büßt man be: 
ſtändig ab -- durc< eine immer wachſende, immer eiſigere, immer 
ſ<Ineidendere Abſonderung. Und unſere lieben Deutſchen! . . In 
Deutſchland hat man es, obwohl ic< im 45. Lebensjahre ſtehe und un:- 
gefähr fünfzehn Werke herausSgegeben habe ;-- darunter ein non plus 
ultra, den Zarathuſtra --) au<ß no<+ niht zu einer einzigen 
au<h nur mäßig acdtbaren Beiprec<hung auh nur eines meiner 
Bücher gebract. Man hilft fich jezt mit den Worten: „erxzentrijch“, 
„patbologiſch“, „pſyGiatriſch“. Es fehlt niht an ſchlechten verleumde: 
riſchen Winken in Bezug auf mich; es herrſ<t ein zügellos feindlicher 
Ton in den Zeitſchriſten, gelehrten und ungelehrten -- aber wie kommt 
es, daß nie jemand dagegen proteſtiert ? . . Und jahrelang kein 
Labſal, kein Tropfen Menſ<li<keit, nicht ein HDauc< 
von Liebe! -- =“ 
 
 
Vereins-Anzeiger. 
Geſellſchaft der Freunde 2c. Vertrauenz3männerver: 
ſammlung am Mittwoch, den 22. Auguſt 1900, abends 7' 2: Uhr, 
im Hammonia-Geſellſ<aſt8haus8, Hohe BleiHhen 30. TageSordnung : 
1. Mitteilungen. 2. Vorſchläge für die Wabl der |atiſtiſchen Kommiſſion. 
3. Beſprechung der Vorſtand8wahlen in der „Geſellſchaft“. +4. Be- 
ſprechung der Wahlen zum Synodalvorſtand und Synodalausſc<uß. 
5. Das nächſtjährige Arbeit8öprogramm der „Getellichaft“. 
Der Vorſtand. 
Familien-Anzeiger. 
Marcus Billerbe> 
Maria Billerbe>, geb. Hollander 
Verheiratet. 
Hamburg-Barmbe&, 1. Auguſt 1900.
	        
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