Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

hat, ob er in einem poſitiven oder liberalen Sinne lehrt, 
ujw. uſw.? Nein, meine werten Damen- und Herren, auf 
alle dieſe Momente kommt e3 verhältnismäßig Unendlich wenig 
an und alle Reformation8-Vorſchläge für den Religions3- 
unterricht mögen gut gemeint ſein, ſind aber ziemlich irrelevant. 
Es kommt beim Religion3unterricht nur auf eins an, 
und das iſt die Perſönlichkeit, die den Unterricht erteilt. 
Nur eine religiöſe Perſönlichkeit, eine bis ins tiefſte Herz 
und Leben von Chriſtus ergriffene und für ihn begeiſterte 
Perſönlichkeit, eine Perſönlichkeit, der die Religion Herzen3- 
und Lebens8jache iſt, kann wirklich Religionzunterricht er- 
teilen; nur wem das Evangelium, nicht eine neue, geiſtreiche, 
auch weltbewegende Lehre iſt, ſondern wie der Apoſtel ſagt, 
ein Kraft iſt, ſelig zu machen, der kann Religion als Leben3- 
kraft und nicht als totes Wiſſen verbreiten; nur bei wem 
es heißt: wir können es ja nicht laſſen, daß wir nicht reden 
jollten von dem, was wir gehört und gejehen haben, oder der 
bekennt: ich glaube, darum rede ich, nur der kann Kinder 
religibs erziehen und bilden. Iſt ſchon in jedem Unterricht3- 
gegenſtand die Perſönlichkeit des Lehrer3 und ſeine Stellung 
zu dem zu lehrenden Stoff einflußreich, in der Religion ift 
ſie allein ausſchlaggebend. I< habe in Dorfſc<hulen von 
einfachen Dorfſchullehrern, die nichts von Spekulation und 
Kritik, von moderner Geſchicht3auffaſſung und was weiß ich, 
wußten, Religion unterrichten hören, daß mir nicht nur das 
Herz aufging, ſondern daß mir ſogar das Verſtändnis aufging 
für manches Herrenwort und manche bibliſche Erzählung, von 
denen mir meine gelehrten Codices gar nichts gegeben hatten. 
Was ſoll man aber erwarten von einem Religion3unterricht, 
in dem der Lehrer ſelber religid8 nichts erfahren hat, wo 
er mit dem Stoff nicht8 anfangen kann, wo ihn die Herren- 
worte wie eine fremde Sprache anmuten, wo er die Kinder 
auswendig lernen läßt --- Religion und Auswendig- 
lernen, das iſt wie die Fauſt aufs Auge -- wo 
er jich über die Geſtalten der Kirhengeſchichte und des 
Volkes Jsrael lächerlich macht, wo er mit den Kindern 
Kritik treibt und --- da3 iſt mir das Unfaßbarſte, den Kindern 
beibringt, was ſie nicht glauben ſollen und brauchen. Ja, 
freilich wenn man ſich über den Begriff de8 Glauben3 noch 
nicht klar iſt, wenn man als evangeliſ<er Religionslehrer 
noc< nicht weiß, daß glauben nicht für wahr halten, ſondern 
vertrauen, m:ceve, iſt, dann kann man auch nicht ſagen, 
was die Kinder glauben ſjollen, reſp. was ſie nicht glauben 
jollen. Heißt es richtig pectus facit iheologum, das Herz 
macht den Theologen, jo gilt das ganz beſonder3 bei dem 
Theologen, der Religionslehrer bei Kindern iſt, vielmehr noch 
als bei dem Theologen auf der Kanzel und im Hörfaal der 
Univerjitäten. Luther hat einmal geſagt, die Theoplogie iſt 
eine Kunſt, d. h. doch wohl nichts andere3, als eine Gabe 
Gottes, die geſchenkt werden muß, nicht aber gelernt werden 
kann; das gilt vom Religionsunterricht in ganz hervor- 
ragender Weiſe, mehr als bei der Predigt und beim religi- 
öfen Vortrag. 
Der Religionslehrer muß ein38 vor allen Dingen können, 
er muß beten können, ſonſt kann er feine Religion unter- 
richten, und wenn er noc< ſo viel weiß und wenn er der 
begadteſte Pädagoge wäre; er könnte ſeine Kinder vielleicht 
zu kleinen Theologen erziehen, die ſchon Kritik übten, wie 
das wohl früher vorgekommen iſt, oder er könnte ſie zu 
orthodoxen Heißſpornen erziehen, die Ichon als Kinder wiſſen, 
welche Paſtoren liberal, d. h. ungläubig ſind, die in theologieis 
ji dünken mehr zu ſein, als fertige Kandidaten der Theo- 
logie, aber er könnte ſie niemals zu religiöjen Perſönlich- 
keiten, zu Menſchen, die ihr Leben in Beziehung ſeßen zu 
ihrem Gott und Heiland, erziehen. Bereitet iich ein Lehrer 
niht nur durc< Studium, ſondern auch dur<g Gebet auf 
leine Religionsſtunde vor, ſo wird jich ſeine religiöſe Herzens- 
ſtimmung und Herzensgeſinnung unwillkürlich und unbewußt 
den Kindern mitteilen. Seßt ſo der Lehrer ſeine ganze Per- 
jönlichkeit, ſeinen ganzen Ernſt ein und bringt er jein ganzes 
Herz mit, jo lagert auf der ganzen Stunde eine jo gehobene 
Stimmung, daß von Ungezogenheiten, von ſchlechtem Be- 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
für die Verrohung unſerer heutigen Jugend. 
tragen der Kinder keine Rede ſein kann. Wenn jolche3 in 
der Religionsſtunde vorkommt, dann ſuche der Lehrer bei 
ſich ſelber allein die Schuld. JIc< habe eine Zeitlang ein- 
mal nachgeforſcht, wann meine vielen Schüler, die ich früher 
privatim zu unterrichten hatte, ihre Betragenstadel bekommen 
hatten und habe die traurige Erfahrung gemacht, daß die 
meiſten aus der Religionsſtunde ſtammten. Nicht wahr, ein 
trauriges Zeichen für den Religionsunterricht, aber nicht 
Gewiß der 
ReligionZunterricht muß eine erceptionelle Stellung zwiſchen 
den anderen Disziplinen haben, die Kinder müſſen von 
vornherein wiſſen: der Ort, da du ſteheſt, iſt ein heiliger Ort, 
aber er darf nicht die exceptionelle Stellung haben, wie 
heutzutage oft, daß er ein nebenſächlicher Unterricht iſt, 
auf den nicht viel ankommt, deſſen Zeugnis nicht viel bedeutet 
und in dem man. Allotria treiben dürfe. V daß überhaupt 
heutzutage und beſonders in unſeren höheren Schulen jo oft 
nur für das Zeugnis gearbeitet wird oder gar nur für das 
Eramen gepaukt wird, daß das Examen das eigentliche Er- 
ziehungsziel und nicht die ſittliche PBerjönlichkeit es iſt! 
Daß der Lehrer ein beſonderes Lehrgeſchi> für den 
Religion3unterricht haben muß, das verſteht ſich von ſelbſt, 
übrigens muß ein ſolches Geſchif für jeden Unterricht3- 
gegenſtand vorhanden ſein, für den Religion3unterricht iſt 
neben der religiöſen Anlage ein beſonderer Takt nötig. 
Wie unſer Profeſſor ſeiner Zeit in Berlin bei der Eröffnung 
de3 katechetijhen Seminars ſagte: „Meine Herren, wenn Sie 
den Takt nicht haben, ſo bleiben Sie davon“, nämlich vom 
Unterrichten. Es iſt allerding8 unglaublich, was durch Takt- 
loſigkeit im ReligionZunterricht geſündigt und dadurch ver- 
dorven wird. Daß der Religionslehrer natürlich ſeinen Stoff 
beherrichen muß und mit ſich völlig im klaren ſein muß 
über das, wa3 er den Kindern beibringen will, das verſteht 
jich von ſelbſt. Jede Stunde muß ein beſtimmtes Ziel, 
gleichſam eine Bointe haben, auf die ſie hinſtrebt, und wenn 
ſe ſich auc< als ein Teil einem Lehrganzen eingliedert, ſo 
muß jie doc< wieder für ſich ein abgeſchloſenes, abgerundetes 
Ganzes bilden. Eine Kunſt muß der Religionslehrer vor 
allen Dingen verſtehen, eine Kunſt, in der Übung allein den 
Meiſter macht, und das iſt die Kunſt zu Fatechiſieren, d. h. den 
Unterricht durch Frage und Antwort aufzubauen und durchzu- 
führen. Man mag gegen dieſe Rraxis einwenden, was man 
will, ich halte ſie doc< für die einzig richtige. Kinder wollen 
mitarbeiten, erſt dann kann man ſie befriedigen; das gilt 
von jedem Unterricht, vom religiöſen zumal. Wer richtig 
katechiſieren kann, wird die Kinder in ihrem Intereſſe immer 
lebendig halten, wird ſie niemals langweilen und -- wa3 
die Hauptjache iſt --- hat immer eine Kontrolle für jich ſelbſt, 
vb er nicht zu ho< wird und über die Köpfe hinweg ſpricht. 
Wird der Religionsunterricht nach katechetiſc<er Methode 
gegeben, dann iſt er auch für den Lehrer, wie für die Kinder 
ein gebender und nehmender Unterricht zugleich. Welch tiefen 
Bli> kann der Lehrer dabei in das Kinderherz thun, wie 
lernt er jie kennen und ihr ganzes Weſen und ihre Eigenart 
beurteilen und, indem er ihnen de3halb viel ſein kann, ſind 
auch die Kinder ihm ſelber erſt ein Lehrmeiſter, wie niemand 
anders, als der Herr ſelber, ſie dazu ernannt hat. 
Zu welchem Unterricht tritt der Lehrer den Kindern ſo 
nahe, als im Religion3unterricht, in welchem Unterricht ge- 
winnt er ſo viel Macht und Einfluß auf ihr Herz und 
Gemüt, als in dieſem, und ſchon darum iſt der Religions- 
unterricht der wichtigſte und die Hauptjache im Erziehungs- 
gejchäft. Während der UnterrichtSgegenſtand in der Religion 
fatehetiſc<h abgehandelt werden ſoll, muß die Paräneſe, die 
Nußanwendung, die eigentliche Lehre, das Endreſultat der 
Stunde vom Lehrer allein zuſammengefaßt werden; auch hier 
katehetiſc(; zu verfahren, wäre zunt mindeſten gefährlich. 
Eine hauptſächlichſte Forderung für den Religionsunterricht 
iſt die, daß er praktiſch und immer wieder praktiſch fei; da 
können wir viel von der ethiſchen Bewegung lernen. Brak- 
tiſche, lebenSwahre und leben3warme Beiſpiele, darauf kommt 
alles an; ſich nur nicht in Abſtrakta verlieren! aus dem
	        
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