Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

eina, 
die Methode. Jedermann weiß, wie lebhaft feit vem Re- 
gierungs3antritt Wilhelms I]. die Frage nach dem beſten 
Aufbau unſerer Schule verhandelt iſt, wie die Pläne und 
Verſuche von Pädagogen und Sozialpolitikern ſich förmlich 
drängen. In diejem Gewirr nimmt der nachdenkende Privat- 
ſchulmeiſter mit ſeiner wiſſenſchaftlichen, pädagogiſchen und 
praktiſchen Einſiht Stellung, fowie nicht zuleßt mit 
ſeiner ſozialen Entſchließung. Der papierne Niederſchlag 
ſeiner Überlegungen iſt der Lehrplan, über deſen Wert 
weder die Anſicht der in die leitenden Stellungen eingerüäten 
Fachleute no< die augenblifliche Liebhaberei oder Ge- 
wöhnung des Publikums das letzte Urteil beſitt. 
Erklärt ſich aus dieſer Sachlage das längere Verweilen 
bei dieſem erſten Punkte, ſo ergeben fich aus der angeführten 
Forderung des Entwurf8 drei Unterfragen: 
2) Was8 iſt von der Bekanntgebung dieſes Lehr- 
plans zu halten, der im lezten Grunde geiſtiger Eigenbeſiß 
des betreffenden Schulmeiſters iſt? 
Durchaus verſtändlich iſt uns das Verhalten unſeres 
ſeit Jahren in der Oberſchulbehörde ſizenden Kollegen von 
der Privatſchule, der (früher wenigſtens, vermutlich noch jeßt) 
ſeinen Lehrern unterſagt hat, über ſeinen Lehrplan Mit- 
teilungen zu machen. Jedenfalls iſt das verſtändlicher als 
allerlei, was unter der Firma „Amts3geheimni3“ Lehrern an 
öffentlichen Schulen zugemutet iſt, und man könnte darauf- 
hin vertrauliche Behandlung de38 Lehrplans auch durch die 
Beamten der Oberſchulbehörde wünſchen. Man könnte -- 
und dies wohl mit Re<t -- darauf hinweiſen, das all- 
gemeine Staatsintereſſe ſei vollauf ſchon dadurch befriedigt, 
daß durc< Angabe de8 Lehrziel3 die Beſchaffung des für 
das Geſamtwohl erforderlichen „notwendigen Unterricht3“ 
und durc< Nachweis ſtaatlich zugelaſſener Lehrkräfte deſſen 
methodiſc<e Verarbeitung vorläufig ſichergeſtellt ſei. Über 
etwaige geiſtige oder körperliche Schädigung durch den Gang 
des Unterrichts (Lehrplan) würde die nach dem bisherigen 
Gejetze mindeſten3 alle zwei Jahr abzuhaltende Beſichtigung 
durc< die „Inſpektion8kommijſſionen“ hinreichend Auskunft 
geben, über deren Befund (fet e8 ſeitens des Sc<ulrate3 
oder eine3 anderen Mitgliedes) den Schulbehörden der Be- 
zirke (Shulfommiſſionen) zu berichten iſt, was freilich biSher 
nicht au8geführt wurde. Dieſe genaue KenntniSnahme (auch 
de3 Lehrplans) habe ich an anderem Orte nicht bloß gebilligt, 
ſondern gefordert.? Man könnte endlich die Bemerkung an- 
fügen, daß vor Eröffnung einer Privatſ<hule ebenſowenig 
eine Darlegung der zu befolgenden Lehr methode verlangt 
werde, nicht einmal im Entwurf. 
Solche Bedenken gegen die Bekanntgebung de3 Lehr- 
plans an die Oberaufſicht8behörde (ſoweit e8 bei Eröffnung 
der Schule in3 Einzelne möglich iſt) erſchemen uns zwar 
wichtig, aber allein nicht dur<ſc<lagend. E3 wäre doch nur 
von Vorteil für die Sache, wenn die Behörde, deren Beamte 
nicht hauptſächlich in der Polizeiaufſicht, ſondern in der 
„Förderung des Schulwefen3“ ihren Beruf ſehen, in mög- 
lichſt deutlichen Umriſſen da8 Bild der geplanten Arbeit er- 
hielten, um dadurc< zugleich einen vorläufigen Eindru> zu 
gewinnen von der Geſinnung und dem Wollen des betreffenden 
Leiters, von der Schwierigkeit jeine8 gemeinnüßigen Unter- 
nehmens und auch von der etwaigen Verdienſtlichkeit ſeiner 
Bemühungen. Die Hauptbedenken für uns ergeben ſich erſt 
aus den anderen zwei Unterfragen. 
b) Zſt die Feſtlegung der Privatſhule auf einen 
beſtimmten Lehrplan notwendig und ſachdienlich ? Selbſt- 
verſtändlich muß der OrganiSmus der einzelnen Schule eine 
zwedmäßige Einheit darſtellen, dazu verlangt man eben von 
ihrem Leiter und den Lehrern gewiſe Qualitäten. Aber 
einen Lehrplan als ſtarre, eiſerne Regel aufzufaſſen, wäre 
Unfug, ganz beſonder8 bei einer einzeln ſtehenden Schule ; 
wie jehr größere Staaten unter der zum Teil aus Ver- 
waltungsrüfichten notwendigen Uniformität leiden, iſt bekannt. 
Wie es ſcheint, müßte nac< 8 54 Al. 3 des Entwurfs, um 
' „Schule, Familie, Freiheit“ S. 25. 
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die drohende Möglichkeit der Schließung der Schule zu ver- 
hüten, jede Änderung, Beſſerung, Vervollkfommmung des 
Lehrplans, alles Eingehen auf die jeweilig hervortretenden 
Bedürfniſſe des Gemeinſchaft3lebens8, ſoweit dies eine Um- 
geſtaltung de8 Planes bedingt, ja jeder taſtende Verſuch in 
dieſer Richtung auf das pädagogiſch Beſſere, kurz jede ein- 
zelne Regung dieſer Art zu einem Aktenſtü>e für die Ober- 
jſchulbehörde gerinnen. So würde denn durch dieſen Feder- 
ſtrich in 8 53, der dem Bureaukraten nach den Erläuterungen 
zu Abſchnitt VI als gleichgiltig und gar nicht erwähnungs- 
wert erſchienen ſein muß, zum Schaden des Gemeinweſens 
ein gutes Stü> jener heilſamen Freiheit der Privatſchule 
vergewaltigt werden, die dem Leben und der Wirklichkeit, 
nicht aber der Schablone und dem einmal beſchriebenen 
Papier huldigt. 
Schon äußerlich die Belaſtung mit Schreibwerk, Be- 
richten und Begründungen würde die beſte Kraft und Luſt 
aufzehren, wie ja mancher ernſtgeſinnte Leiter von öffent- 
lichen Schulen gerade hierüber klagt. Was aber die Ober- 
aufſicht betrifft, ſo iſt nicht abzuſehen, warum ſich die Be- 
hörde von vornherein durch Genehmigung aller Einzelheiten 
in ihrem Urteil binden ſoll ; der Verlauf der Sache bietet 
genug Möglichkeiten zu einem Eingreifen. Endlich mag ein 
- Beiſpiel für viele zeigen, wa38 praktiſch bei ſolchen Feſt- 
legungen herauskommt. Bekanntlich gab es vor ein paar 
Jahren in Preußen einen lebhaften, in vielen Artikeln und 
Schriften durc<hgefochtenen Streit, ob in Gymnaſialprima 
eine Stunde Latein mehr oder weniger erforderlich jei. 
Amtlich war die geringere Stundenzahl bindend vorgeſchrieben, 
aber viele Lehrerfollegien waren von der Notwendigkeit des 
Gegenteils überzeugt. Was geſchah? Dieſer und jener 
Aufſicht3beamte erklärte den Kollegien ſeine3 Bezirk3, ſie 
möücten thun, was ſie nicht laſen könnten, aber die gegen 
die Vorſchriften erteilte Überſtunde beileibe nicht in den ge- 
druckten Schulnachrichten erwähnen. So blieb Papier Papier. 
c) Kann ein eingereichter Lehrplan zurü&gewieſen 
werden? und ſind etwaige Bedenken der Oberſchulbehörde 
unweigerlich maßgebend, oder worauf ſind ſie zu gründen * 
Da3 jeßt giltige Geſeß nimmt zu dieſer Frage einen un- 
zweideutigen Standpunkt ein, wie e3 nötig iſt. Danach ijt 
nämlich die „Anzeige“ des Privatichulvorſteher3 (man be- 
achte beiläufig auch diejen Ausdru>, es ſteht da nicht etwa 
„Antrag“ oder „Geſuch“) von der Oberſ<hulbehörde dahin 
zu prüfen, ob ſich daraus 
„Bedenken ergeben, welh<e nach 8 52 die Schließung einer 
beſtehenden Anſtalt rechtfertigen würden“, 
d. h. Nichterfüllung der geſetzlichen Vorſchriften oder Ge- 
fährdung von Sittlichkeit und Gejundheit der Kinder. (Vgl. 
auc< unten bei 6.) Im Entwurf dagegen iſt hiervon gar 
nicht die Rede, vielmehr wird ganz allgemeinhin die Er- 
klärung der Oberſchulbehörde für nötig hingeſtellt, daß „Bex- 
denken nicht entgegenſtehen“: ein Saß, der alſo wiederum, 
troß den Erläuterungen zu Abſchnitt VI dem Z8 49 fg. des 
bi3herigen Unterricht8gejeßes nicht „entſpricht“. 
Erſchwerend kommt hinzu, daß die Privatſchule, wie in 
dieſer, ſo auch in den übrigen Hinſichten, dem Ermeſſen eines 
einzelnen Beamten unterſtellt werden ſoll und nicht, wie wir in 
den bi8herigen Erörterungen annahmen, der Oberſc<ulbehörde. 
Denn wenn die nach 8 2 für die Oberſchulbehörde geforderte 
(bi3her nicht ihr, jondern den bürgerlichen Shulkommiſjionen 
zuſtehende) „Aufſicht“ über das nicht-öffentliche Schulweſen 
mit 8 3 dem Sculrat bezw. Schulinſpektor ausgeliefert 
wird, ſo läßt das ſchwerlich eine andere Deutung zu. 
Übrigens trifft, was wir geſagt haben, auch etwaige 
Körperſchaften und Vereine. Geſeßt 3. B., eine folc<he Ge- 
ſellſchaft wollte mit dem Gedanken der Einheit3)<hule Ernſt 
machen und in einen verdienſtlichen Verjuch die erforderlichen 
Mittel und Kräfte einfeßen, ſo würde doch der ganze Aufbau 
ihre Lehrplane3 von dem Gutdünken der Oberſchulbehörde 
bezw. laut 28 3 des Entwurfes von dem Belieben des 
betreffenden Schulrates oder Schulinſpektors abhängig bleiben. 
Auch bei Überweiſung an die betreffende Sektion der Ober- 
 

	        
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