Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

 
Eine Wochenſchrift für die Ungelegenhe 
 
der Erziehung und des Cehrerſtandes,. 
Shriftleitung: 
U. Struve, Hamburg-Eilbeck, 
Jungmannſtr. 21, p. 
“- Herausgegeben 
von Lehrern und Lehrerinnen. 
KRommiſſionär H. Reßler, Leipzig, Seeburajftr. 40. 
Derlag: 
S4röder & Jeve, Hamburg, 
Kl. Reichenftr. 9-11. Fſpr. 2080. 
Die Hamburgiſche Sdqulzeitung erſcheint jeden Mittwoch in einem Bogen Großquartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pfg. für das Vierteljahr. 
Beilage: Die monatlich erſcheinende Jugendſchriften-Warte, Schriftleiter 5. Wolgaſt. -- Beſtellungen nehmen außer den Verlegern, alle 
Buchhandlungen, Zeitungsgeſchäfte und Poſtämter an. -- Beiträge ſind an die Schriftleitung, Bücher zur Beſprechung an Herrn Hauptlehrer Martens, 
Hamburg-St. Georg, Baumeiſierſtr. 8, zu ſenden. Anzeigen werden für die Petitzeile von 63 mm Breite mit 20 Pfg., Beilagen nach Übereinkunft 
berechnet. -- Poſt- Liſte Ur. 3188. -- Klagen über unpünktliche Zuſtellung find gefl. ſofort dem Derlage mitzuteilen. 
 
8. Jahrgang. 
Inhalt: Die Bedeutung der Fortbildungsſhule in der Gegenwart. 
Von A. Kaſten. -- Aus Hamburg. =- Vom Landgebiet. -- Pädago- 
giſc<e Rund]<au. -- Vom Büchermarkt. -- Verein3-Anzeiger. 
 
Die Bedeutung 
der Fortbildungsſchule in der Gegenwart.* 
Wohl kein Zeitabſchnitt hat auf allen Gebieten menſch- 
licher Thätigkeit ſo gewaltige Umänderungen hervorgerufen 
als das verfloſſene Jahrhundert. Wie die Erfindungen und 
Entdedungen des 15. und 16. Jahrhundert3 den Handel in 
völlig neue Bahnen lenkten, ſo haben die mannigfachen Er- 
ſindungen des 19. Jahrhundert3 da8 Handwerk gänzlich 
umgeſtaltet. An die Stelle der kleinen Werkſtätten, in denen 
früher Meiſter und Geſellen mit vereintem Fleiß wirkten und 
Proben von ihrer Kunſtfertigkeit ablegten, ſind große Fabrik- 
anlagen getreten; aus hohen Schloten ſteigen Rauchwolken 
auf gen Himmel, und in weiten Räumen regen ſich Tauſende 
fleißiger Hände. Daß ſich durch die geſteigerte Güterpro- 
duktion das Nationalvermögen bedeutend vermehrt hat, und 
daß diejer Volkswohlſtand auch dem Einzelnen zu gute ge- 
kommen iſt, läßt jich nicht beſtreiten; aber wie jede andere 
Umwandlung, jo hat auch dieſe ihre Opfer gefordert. Die 
Klagen des Kleingewerbeſtande8 unſerer Zeit ſind nicht un- 
berechtigt. In manchen Branchen iſt das Kleingewerbe bereit3 
vernichtet, und anderen noc< kümmerlic< ihr Daſein friſienden 
Zweigen de3jelben ſteht ein ſicherer Untergang bevor, wenn zu 
ihrer Erhaltung nicht bald geeignete Schritte gethan werden. 
Von den nach der Beruf3zählung von 1895 in Hamburg 
vorhandenen 18 616 Handwerks8betrieben waren 10 893 
Alleinbetriebe, in denen der Meiſter alſo nur allein arbeitet. 
Die Alleinbetriebe überwiegen alſo in Hamburg ganz bedeu- 
tend, worin ein re<t trauriges Zeichen für die Lage der 
Handwerker erblit werden muß. Daß heutzutage die Löhne 
der Fabrikarbeiter bedeutend höher ſind als diejenigen der 
Geſellen in früherer Zeit, ändert an der allgemeinen Lage 
wenig; denn einmal ſind jeht auch alle Leben38bedürfniſſe be- 
deutend teurer als früher, und dann iſt dem Einzelnen die 
Ausficht, ſich einmal jelbſtändig zu machen, ſehr erſchwert. 
Gerade der letzte Punkt verdient, etwas eingehender betrachtet 
zu werden. Jeder normal veranlagte Menſc< bat in ſich den 
Drang nach Freiheit und Selbſtändigkeit, und nur in dieſem 
Drange vermag er ſic ganz zu bethätigen und alle Anlagen 
und Kräfte zu entfalten; fortwährender Zwang dagegen und 
. * Vorſtehende Arbeit des Herrn A. Kaſten, Lehrers an ver 
hiejigen Gewerpe]c<hule, bringen wir mit gütiger Erlaubnis des Verfaſſers 
nac< den „Hamburger Rachrichten" zum Abdru&. D. Scriftl. 
Mittwoch, den 12. September 1900. 
 
Lx. 37. 
die Ausſicht3loſigkeit auf ein beſjeres Los ertöten dieſen 
reim menſ<lichen Zug und machen den Arbeiter zu einer 
Majc<hine, die ebenſo automatiſc< arbeitet wie diejenige, die 
er bedient. Dieſer Thatſache gegenüber kann der Staat nicht 
gleichgültig ſein; denn die freien und Jelbſtändigen obern 
Zehntaufend machen den Schaden nicht gut, der dadurc< 
entſteht, daß Millionen in Stumpfheit dahin leben und Jo 
dem Gemeinweſen ein unſchäßbares Kapital von Geiſteskraft 
nicht zuführen. Daß der Staat die Gefahr würdigt, die 
ihm hier droht, darauf deuten ver]|<iedene Maßnahmen, die 
in den leßten Jahren zur Hebung des Gewerbeſiandes von 
ihm getroffen ſind; ich nenne nur die wieder in3 Leben ge- 
rufenen Innungen und die Landwirtſ<aft3- und Handwerker- 
kammern. Die leßteren jind noG zu neu, um ein Urteil 
über ſie fällen zu können. 
Die Zweämäßigkeit der Innungen wird von vielen Hand- 
werkern, weil ſich durch diejelben eine Beſjerung der Lage 
nicht von heute auf morgen erzielen läßt, noch vielfach ver- 
fannt, und do< iſt dieſe Einrichtung für die Verwirklichung 
der für die Hebung des Handwerkerſtande3 ſchon getroffenen 
vder no<“ zu treffenden Maßnahmen unbedingt erforderlich. 
Wenn wir die zahlreichen Erhebungen, die in Deutſ<- 
land über das Handwerk, feinen gegenwärtigen Stand und 
die etwaigen Maßnahmen für jeine zukünftige Entwilung 
vorgenommen ſind, verfolgen und die Meinung hervor- 
ragender Kenner der Volk8wirtſ<aft in Betracht ziehen, 10 
erkennen wir, daß da3 Handwerk vielfach außer acht gelaſten 
hat, daß die Produktivität des Einzelnen doch weſentlich von 
der Mitwirkung ſeiner Geiſte3kräſte abhängt. Leider iſt die 
Thatja<ße von dem Handwerker weder früber genügend gez 
würdigt, noc< findet ſie heute die allgemeine Beachtung. 
Daran iſt vorwiegend jeine Vergangenheit j<uld. Der 
rührige Handwerker fühlte nich durch die Zunft mit ihren 
mannigfachen Einſ<ränkungen in der Freiheit ſeines Schaffens 
eingeengt; die große Menge dagegen füblte ſi< wohl unter 
dieſem Zwange, denn derſelbe ſicherte ihr ein forgenloſes 
Leben, ein Leben ohne Kampf. Wenn der Sohn nur das 
lernte, was der Vater gelernt hatte, ſo war ſeine Zukunft 
geſichert. Al3 nun aber durch die Gewerbefreiheit die 
Schranken fielen, die den Einzelnen in ſeiner BewegungZ2-= 
freiheit gehindert hatten, als ferner durc< die modernen Ver- 
Fehr3verhältniſſe ſich dem Abſatß ein weites Feld bot, und als 
endlich ſich da38 Kapital der verſchiedenen Handwerks8zweige 
bemächtigte und zur Maſſenproduktion überging, da war es 
mit der goldenen Freiheit zu Ende. Zwar kam dem Hand»- 
werk noch eine Zeitlang das Mißtrauen des Publikums gegen 
die Fabrikware zu gute; allein das nahm mit der Zeit mehr 
und mehr ab, und heute iſt die Redensart: „Fabrikware -- 
Schundware, billig und ſchlecht“, wohl kaum noc<h berechtigt.
	        
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