Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
| der Erziehung und des Lehrerſtandes. 
Berausgegeben 
von Lehrern und Lehrerinnen. 
Rommiſſionär BSB. RKeßler, Leipzig, Seeburgſtr. 40. 
Sdhriftleitung: 
U. Struve, Hamburg-Eilbed, 
Jungmannſtr. 21, p. 
Verlag: 
Sdhröder & Jeve, Hamburg, 
Kl. Reichenſtr. 9-11. Fſpr. 2080. 
 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint jeden Mittwoch in einem Bogen Großquartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pfg. für das Dierteljahr. 
Beilage: Die monatlich erſcheinende Jugendſchriften-Warte, Schriftleiter 5. Wolgaſt. -- Beſtellungen nehmen außer den Verlegern, alle 
Buchhandlungen, Zeitungsgeſchäfte und Poſtämter an. -- Beiträge ſind an die Schriftleitung, Bücher zur Beſprechung an Herrn Hauptlehrer Martens, 
Hamburg-St. Georg, -Baumeiſterſtr. 8, zu ſenden. Unzeigen werden für die Petitzeile von 63 mm Breite mit 20 Pfg., Beilagen nach Übereinkunft 
berechnet. -- Poſt- Liſte Nr. 31838. -- Rlagen über unpünktliche Zuſtellung find gefl. ſofort dem Derlage mitzuteilen. 
 
 
8. Jahrgang. 
Füttwoch, den 531. Oktober 1900. 
Ur. 44. 
 
 
Inhalt: Die kuliurhiſtoriſ<e Methode. Von H. Heinrich. -- 
Beitrag zur Frage der Umgeſtaltung des Hamburger Schulweſens. 
Von IJ. F. Muus. -- Aus Hamburg. =-- Vom Büchermarkt. -- 
Verein3-Anzeiger. -- Briefkaſten. 
 
Die kulturhiſtoriſcche Methode. 
Von H. Heinrich. 
Die fleißige Feder K. Lamprechts hat uns in jüngſter 
Zeit ein eines Büchlein geſchenkt, das den Titel führt: 
„Die kulturhiſtorilic<e Methode.“ Es iſt, wie der Verfaſſer 
im Vorworte bemerkt, entſtanden infolge einer Anregung 
jeitens der Redattion einer Wiener Zeitſchrift. Klein an 
Umfang, iſt es dennoch außerordentlich reich an treffenden 
Bemerkungen über die Bedeutung der Lamprechtſchen Hypo= 
theje von den kulturhiſtoriſ<hen Stufen; und eben wegen 
jeine3 geringen Umfanges kann e38 auch dem zum Studium 
empfohlen werden, der dieje Seite der Geſchicht8auffaſſung 
Lamprechts kennen lernen möchte, ohne doc< allzuviel Zeit 
auf die Lektüre der größeren einſchlägigen Schriften zu 
verwenden. 
I< möchte im folgenden auf den Inhalt des betreffenden 
Buches etwas näher eingehen. 
Zweifach iſt die Auſgabe der Geſchichtswiſſenſchaft: 
zuerſt gilt es natürlich, das Rohmaterial zu beſchaffen, d. h. 
die Quellen nach methodiſchen Grundſäßen zu bearbeiten, um 
dann auf Grund dieſer tertkritiſchen Vorarbeit ein möglichſt 
getreues Bild der Ereigniſje zu entwerfen. Aber damit iſt 
no< nicht alles gethan. Es kommt dann in zweiter Linie 
die Aufgabe hinzu, den tieferen Zuſammenhängen der hiſto- 
riſchen Vorgänge nachzuſpüren und „über die einfachen That- 
ja<hen und Thatſachenreihen hinweg zur wiſſenſchaftlichen 
Bewältigung de3 hiſtorijchen Geſchehens zu gelangen.“ 
(a. a. O. 22.) 
Man ſollte erwarten, daß die kritiſche Durcharbeitung 
und Sichtung des Quellenmaterials längſt von den Hiſtorikern 
zu einem gewiſen Abſchluß gebracht ſei, bevor man dem 
zweiten Problem näher getreten wäre. Und doc liegt die 
Sache ander8! Lamprecht macht darauf aufmerkſam, daß das 
Verſtändnis für den Charakter ſagenhafter Tradition, für 
das Weſen von Memoiren, für die Bedeutung des Milieus 
der Quellenverfaſſer, u. a., das wir heute als ſelbſtver)tändlich 
von jedem Hiſto: iker fordern, erſt ein Fortſchritt ſei, den wir 
Niebuhr zu verdanken haben. 
Etwa um dieſelbe 3 it begann man nun auch, den 
tieferen Zuſammenhängen der geſchichtlichen Thatſachen nach- 
zugehen, eine Aufgabe, die man bis auf den heutigen Tag 
immer wieder in neuer Weiſe zu löſen verſucht hat. 
 
Der erſte Verjuch, der in Rede jtehenden Frage näher 
zu treten, iſt die Lehre von den univerſalhiſtoriſchen Zeit- 
altern, wie ſie beſonders von Herder und Hegel vertreten 
wurde. Das Charakteriſtiſche diejer Theorie iſt die ſyn<ro- 
niſtiſche Darſtellung, indem man von der Vorausezung au3-= 
ging, daß allen gleichzeitig lebenden Völkern weſentlich diejelbe 
Kulturſtufe zukomme. Und es pflegt wohl, nachdem die 
volitiſche Geſchichte eine3 Zeitraums ethnographiJc< abge- 
handelt iſt, am Schluſſe ein Anhang hinzugefügt zu werden, 
in welchem die Kultur der betr. Periode -- alis Kunfi, 
Wiſſenſchaft, Religion, Staatsverfayyung, Sitte und LebenZ- 
weiſe 2c. =- dargeſtellt wird. Heute freilich iſt dieſe Lehre 
von den univerjalhiſtorijſ<en Zeitaltern auſgegeben. Und 
das mit Recht! Denn wenn auch in den Naturwijjen] <aften 
die von der Geologie für einige Teile Curopa3s erforſchten 
Zeitalter auf die ganze Erde aus8gedehnt werden konnten, da 
ja überall die gleißen aſtronomiſchen und telluriſchen Gin- 
wirkungen gelten, 10 hat doch die Geſchichte des Men|chen 
feineSwegs überall unter gleichen Ginflühen gejtanden, und 
iſt daher auch durchaus ungeeignet, in ſyn<roniſtiicher Form 
dargeſtellt zu werden. 
Ebenſo wenig aber vermag ein zweiter Verjuch, der zur 
Auffindung der tieferen Zuſammenhänge unternommen itt, 
vor der ſtrengen Wiſſenſchaft unſerer Tage noch zu beſtehen: 
ich meine die Jdeenlehre, die beſonders von W. v. Humboldt 
und L. v. Ranke ausgebildet iſt. „Die Jödeenlehre läuft 
darauf hinaus, Thatjachenreihen, die ſich vom Standpunkte 
der Betrachtung de38 Singulären an denſelben ungezwungen 
um irgend ein hervorragendes, anſ<autiches Konkretum der 
Geſchichte konzentrieren, ſei dies Konkretum nun eine Ein- 
rictung oder eine Perſon, al3 ein Ganzes anzuſehen, den 
dieſem Ganzen gemeinſamen Gedankeninhalt als feine Jdee 
zu bezeichnen und dieſe Jdee al8 das in dem gegebenen Zu- 
jammenhang eigentlich Wirkende zu betrachten.“ (L. a. 0. DO. 22.) 
Es iſt aljo wohl feſtzuhalten, daß eine Jdee immer 
etwas Singuläres iſt. No< niemal3 hat ein Anhänger der 
Ideenlehre etwa von der Jdee der Naturalwirtſc<aft oder 
des Lehn3weſens u. a. geſprochen, weil ja dieje Begriſſe in 
der nationalen Entwieklung ver]<iedener Völker wiederkehren, 
alſo m<ht3 Singuläres, ſondern etwas Typiſches find. 
Ranke hat nun zwar keine zuſammenhängende Dar- 
ſtellung deſſen, was er unter den JZdeen verſteht, gegeben; 
aber aus feinen zerſtreuten Bemerkungen hierüber iſt doch jo 
viel klar, daß die Jdeen nach ſeiner Anſicht der Kauſalität 
enthoben ſind. Sie ſind Emanationen des Göttlichen, aljo tran- 
ſcendental, alſo ſchließen ſie die == von der Wiſjen]<aft 
heute ſtreng geforderte --- Annahme einer au8nahmlos wir- 
kenden Kauſalität aus. Wir müßten dog zum mindejten er- 
kennen, wie die Ideen entſtehen, und wie ſte es anfangen,
	        
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