Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

 
„Eine ! Dochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
'der Erziehung und des Cehrerſtandes. 
Berausgegeben 
von Lehrern und Lehrerinnen. 
Kommiſſionär H. Reßler, Leipzig, Seeburafſtr. 40. 
Sdcriftleitung : 
U.: Struve, Hamburg-Eilbe>, 
"Jungmannſtr. 21, p. 
Derlog: 
Shröder & Jeve, Hamburg, 
Pl. Reichenſtr. 9-11. F&Ffpr. 2080. 
 
Die Hamburgiſche. Schulzeitung erſcheint jeden Mittwoch in einem Bogen GroßSquartformat zum Preiſe von 1 Mark 30 Pfg.: für das Dierteljahr. 
Beilage: Die monatlich erſcheinende Jugendſchriften-Warte, 
 
Sdqriftleiter H. Wolgaſt. 
Beijtellungen nehmen außer den DYerlegern, :alle 
Buchhandlungen, Zeitungsgeſchäfte und Poſtämter an. -- Beiträge ſind an die Schriftleitung, Bücher zur Beſprechung an Herrn Hauptlehrer Martens, 
'HZamburg-St. Georg, Baumeiſterſtr. 6 zu ſenden. Anzeigen werden für die Detitzeile von 63 mm Breite mit 20 Pfg., Beilagen nach Übereinkunft 
:berechnet. --. Poſt- Liſte 'Nr. 3188. = Ulagen über unpünktliche Zuſtellung ſind gefl. ſofort dem Yerlage- „mitzuteilen. 
 
 
'8. Jahrgang. 
Morgen, am 1. Februar: 
Verſammlung der Schuljynode. 
Bejchlußfähigkeitsziſfer 150. 
TageSordnung ſiehe Vereins8-Anzeiger. 
Urittwoh, den 31. Januar 1900. 
 
Inhalt: Die Behandlung ſtotternder Schüler. Von H. Harbe>. -- 
Die Sommerpflege in Deutſchland. Soz. Korreſp. = Aus Hamburg. 
--= Aus Altona. = Vom Bücermarkt. =- BVexreins-Anzeiger. -- 
'Briefkajten. 
 
Die Behandlung ſtotternder Schüler. 
Vortrag von DH. Harbe >, gehalten am 12. Januar 1900 im Verein 
- Hamburger Volksſ<ullehrerinnen. 
Geehrte Anweſende! In meinem Thema iſt von ſiot- 
ternden Kindern die Nede, nicht von Stotterern überhaupt, 
aus dem einfachen Grunde, weil wir es in der Schule nur 
mit Kindern zu thun haben. Im übrigen itt wohl kaum 
zweifelhaft, daß die Behandlung. des Stotterübels dieſelbe 
bleiben muß, ob nun der Betroffene ein Kind oder ein Exr- 
wachſener iſt. Sollte aber gelingen, wa38 durchaus nicht 
unmöglich er]|<eint, nämlich in der Schule die Bekämpfung 
des Übel38 allgemein und erfolgreich durchzuführen, dann 
wäre in Zukunft allen geholfen, ſoweit es in menſchlichen 
Kräften ſteht. 
Bedarf denn der Stotterer überhaupt der Hülfe und 
der Teilnahme der Mitmenſchen ? 
Al5 vor nicht langer Zeit ein hieſiger Lehrerverein feine 
Mitglieder zu frohem Feſte verjammelt hatte, da trat ein 
imitierter Stotterer als Deklamator des herrlichen Liedes von 
der GloFXe auf. Es wurde ein lebhafter Lacherſolg erzielt ; 
die Sache war offenbar höchſt. ergößlich. Auf“ der Bühne 
it die Figur des Stotterers immer no wirkung8voll; auch 
Gerhard Hauptmann hat es ſich nicht verſagen können, dieſe 
Figur in ſeiner Dichtung „Vor Sonnenauſgang“ jeinen Ab- 
ſfchten dienſtbar zu machen. Nach einer Aufführung hatte 
ein hieſiger Kritikus nur ſein Bedauern darüber auszudrücen, 
daß vom Darſteller nicht richtig geitottert worden ſei. Faſt 
könnte man auf den Gedanken kommen, das Stottern müſte 
eine: recht heitere Sache fein. Kann man doch nicht jelten 
beobachten, daß auch der wirkliche Stotterer durch jein Ge- 
bahren die Lachmuskeln ſeiner Zuhörer oder beſſer Zuſc<auer 
in Thätigkeit: verſezt. Wir ſtehen in dieſer Hinſicht eben 
noch „vor Sonnenaufgang“ ; die Sonne der Liebe und Teil- 
nahme, die man andern Unglü&lichen in unjerer Zeit jo gern 
 
 
'Sr. 5. 
ſtrahlen läßt, für dieſe Unglüdlichen iſt ſie noch nicht voll 
aufgegangen, wenn auch die erſten erleuchtenden und wär- 
menden Strahlen ſich in ſteigendem Maße bemerkbar machen. 
Und der Stotierer iſt unglü>lich. Vor einigen Wochen 
juchte ein gebildeter Herx mich auf, um Hülfe für ſeinen 
jtotternden Sohn zu juchen; aber er jelber war ebenfals - 
mit dem Übel behaftet. Vergebens frampſten ſich die zu&en- 
den Lippen zuſammen, verzerrte ſich das Geſicht, dis es enD- 
lich gelang, die widerjtrebenden Muskeln gefügig zu machen. 
Wer will bezweifeln, daß die Lage dem Manne außerordent- 
lich qualvoll geweſen iſt, und daß er jJolche Dualen öſter 
über ſich ergehen laſſen muß. Vor mir ſiand er mit hoch- 
gerötetem Kopf? und |chweißperlender Stirn, untrügtihen 
Zeichen für den jhweren Kampf in jeinem Innern. -- Es 
meldete ſich ein hochbegabter Schüler einer unjerer Seletten; 
er möchte Lehrer werden ; feine GeiſteSgaben, jein Charakter 
verſprechen das Beſte. Aber wie, wenn es nicht gelingt, das 
hochgradige Übel auSzurotten ? Mancher Beruf bleibt dem 
Stotterer einfach verſ<loſen; in allen aber ſieht er j1i<h .zu- 
rüdgeſeßt gegen jonſt vielleicht minderwertige .Mitbewerber, 
die fließend Jprechen können. -- Ein von mir geheilter junger 
Mann ſchrieb mir vor einigen Monaten, daß er, als man 
ihm in einem Vereine an ſeinem Geburt5tage einen Toaſt 
ausgebracht hätte, nun zum erſtenmal in ſeinem Leben ſich 
daran gewagt hätte, in einer kurzen Rede zu erwidern. „Es 
ging fließend ab. Ih fühle mich überhaupt nach der Be- 
ſeitigung de3 Übels wie neugeboren.“ Es iſt keine Frage, 
daß der Stotterer gerade auch in gejell] Haftlicher. Beziehung 
vieles entbehren und ertragen muß; nicht nur, daß er am 
liebſten jOHweigt, wo andere fröhlich plaudern: auch die 
Sorge, veimlich oder offen verlacht und beſpöttelt zu werden, 
läßt ihn nicht zur Ruhe kommen. 
Doch bleiben wir bei unſern ſiotternden Schülern. Wie 
geht e5 denn inen? Wahrliß nicht beſonder3! Verlacht 
werden ſie wohl in der Schule nicht, aber die peinliche Si- 
tuation, daß ſie reden wollen und nicht können und doch 
jollen, bleibt ihnen nicht ertjpart. Manches harte Wort 
müßen ſie über ſich ergehen laſten, da beim Lehrer nur zu 
leiht der Verdacht entſteht, der Schüler wiſſe nicht3, jei nicht 
aufmerkſam geweſen, habe nicht gearbeitet, ei "oobl „gar 
troßig, da er doch oſt recht gut jeine Gedanken zu äußern 
weiß. Der zuletzt bezeichnete Fall mag glülicherweije recht 
jelien eintreten; doh kommt er vor, auch hier in Hamburg. 
Aber Regel iſt, daß man, abſichtli< oder nicht, bewußt oder 
unbewußt, den Stotterer „mehr oder weniger links liegen läßt. 
E3 iſt ja doch nichts aus ihm herauszubringen, und es fehlt 
die Zeit, ſic eingehend mit ihm bejonders zu befäſſen. Das 
bedauernswerte Kind wird ſtill und in ſich gekehrt ; e8 nimmt 
ſ<ließlich mir noch wenig oder garnicht teil am Unterricht,
	        
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