Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

 
Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerſtandes. 
Herausgegeben 
von Lehrern und Lehrerinnen. 
Kommiſſionär H. KReßler, Leipzig, Seeburgfſtr. 40. 
Verlag: 
Shröder & Jeve, Hamburg, 
Kl. Reichenftr. 9-11. Fſpr. 2080. 
Sdqhriftleitung: 
U. Struve, Hamburg-Eilbe>, 
Jungmannſtr. 21, p. 
 
Die Hamburgiſche Schulzeitung erſcheint jeden Mittwoch in einem Bogen Großquartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pfg. für das Dierteljahr. 
Beilage: Die monatlich erſheinende Jugendſchriften-Warte, Schriftleiter H. Wolgaſt. -- Beſtellungen nehmen außer den Verlegern, alle 
Buchhandlungen, JSeitungsgeſchäfte und Poſtämter an. -- Beiträge ſind an die Schriftleitung, Bücher zur BeſpreHung an Herrn Hauptlehrer Martens, 
Hamburg-St. Georg, Baumeiſterſtr. 8, zu fenden. Anzeigen werden für die Petitzeile von 65 mm Breite mit 20 Pfg., Beilagen nach Übereinkunft 
berechnet. =- Poſt- Liſte Ur. 3188. -- Ulagen über unpünktliche Zuſtellung ſind gefl. ſofort dem Derlage mitzuteilen. 
Mittwoch, den 28. Lovember 1900. Ur. 48. 
 
 
8. Jahrgang. 
Inhalt: Über die Notwendigkeit einer Erziehung in deutſch-völkiſchem 
Sinne. Von P. Hoops. (Sc<luß.) = Zur Umgeſtaltung des Ham- 
burger Schulweſens. Vom Coym. -- Aus Hamburg. -- Verein3- 
Anzeiger. -=- Familien-Anzeiger. 
 
Über die Notwendigkeit einer 
Erziehung in deutſch-völkiſchem Sinne. 
Von P. Hoop8. 
(Schluß.) 
Dieje Aufgabe aber, deutjche3 Weſen, deutſche Art und 
Kunſt, deutſc<he Zucht und Sitte zu hegen und zu pfleaen, 
muß de3halb mit ganz befonderem Nachdru> hervorgehoben 
werden, da dieſelbe für unſer Volk ganz beſonders ſc<wer 
iſt. In der Laze unſeres Lande3 und in unſerer eigenen 
und unjerer Nachbarn Art liegt dieſe Schwierigkeit begründet, 
die nun nach ihren verſchiedenen Seiten hin dargelegt 
werden mag. 
Zunächſt muß hier wieder angeknüpft werden an die 
vorhin zuerſt genannte Tugend der Deutſchen, die in ihrer 
Übertreibung zu einem verhängni8vollen Fehler wird. Das 
deutj<e Weltbürgertum artet aus in Vaterlandsloſigkeit, 
Verſtändnis und Rüdſichtnahme für das Fremde in Verach- 
tung des Heimiſchen und völkiſche Selbſtentehrung. Bezeich- 
nend ijt ſchon die RedenZ3art: „Das iſt nicht weit her“ für 
etwa Minderwertiges, Geringgeſc<äßtes. Dieſterweg,* dem 
wohl niemand weiten Bliä, klare8 Urteil und Freiheit von 
Vorurteilen abſprechen wird, ſagt leider nur zu treffend: 
„Mit unbegreifliher Verblendung für die Vorzüge des Eigen- 
tümlichen fremder Nationen und mit Blindheit zegen die 
Herrlichkeiten des eigenen Lande38 hat der Deutſche jahr- 
hundertelang geurteilt, gelebt und gelernt. Mit dem trivialen 
Sprichwort: Das iſt nicht weit her --- verwirft er das Nächſte 
und adelt das Fernſte. Wenn es daher auch in einer Hin- 
ſicht zu rühmen iſt, daß er ſich alle Wiſſenſchaften und 
Sprachen der Welt aneignen möchte, ſo bleibt e8 doch ſehr 
bedauernswert, daß er ſeine Nation und waz ihr angehört, 
nicht gehörig ſchätzen lernt. Die toten Sprachen fremder 
Völker neunt er klaſſiſche, die Studien ihrer Werke 
Kaſſiſche Studien, ihre Geſchichte iſt ihm klaſſiſ<, nur 
das Altertum iſt klaſſiſch; die eigne Sprache aber erſcheint 
oder erſchien ihm barbariſ<, und mit ihr ſich abzugeben, 
trivial oder gemein. Zn gleichem Wahnſinn hat er fremdes 
Recht auf den vaterländiſc<en Boden verpflanzt, und alt- 
germaniſche, freie Inſtitutionen in der Flut der Zeit unter- 
gehen laſſen.“ -- Zn unſerer Sprache ſehen wir unſere 
 
 
? In ſeinem Aufſat: Über Vaterlandsliebe, Patriotiämus und was 
damit zuſammenhängt. 
 
 
 
Fremdjucht -- gleichſam ſI<hwarz auf weiß -- niedergelegt, 
in der Vermiſchung mit Fremdwörtern. Welche Schädigungen 
dur< die Sprachmengerei im einzelnen unſere Sprache und 
unſer Volkstum erfahren, da8 darzulegen erforderte eine 
eigene große Arbeit für jich. Schon mit der Einführung 
des Chriſtentums beginnt der römiſche Ginfluß in unſerer 
Sprache, er erhielt eine ungeheure Verſtärkung ſeit dem 
„Wiedererwachen Uaimnſc<her Studien“ =- dem HumaniS5mu38 
-- und er dauert no< fort. Dazu kam ſeit dem dreißig- 
jährigen Kriege Verehrung und Nachäfung franzöſiichen 
Weſens und franzöſiſcher Sprache. Auch von dieſer 
Schwäche jind wir no< nicht geheilt, wenngleich da3 Übel 
früder jchlimmer war. Dazu kommi nun neuerding38 noch 
die Engländerei. Leßtere hat -- wie iets fremde Ein- 
wirkungen -=- zuerſt die ſogenannten oberen Schichten de3 
Volkes ergrinſen; jeht aber ſickert ſie mehr und mehr nach 
„unten“ =- und das i't eben das Gefährliche, denn hier iſt 
der Einfluß erſahrung38gemäß mehr dauernd und ſchwerer zu 
überwinden. Ofter habe ich einen Haufen Hamburger Jungen 
uach englij<em Mujter Fußball fpielen ſehen; an ſich febr 
erfreulich, aber da glaubt man bald kleine Engliehman beim 
Sport zu ſehen: hands, goal. down. out. goalkeeper ſ<allt 
es einem entgegen. Als wenn die „arm deutich Sprak“ 
das garnicht ausdrü>en fönnte! =- Wann fommt der Arzt, 
der uns von der „englij<en Krankheit“ heilt? Der alte 
grunddeutj<e Jahn widmet in ſeinem „Deutſchen Volk3tum“ 
einen beſondern Abſchnitt der „Verbannung der Ausländerei.“ 
Heute hätte er dazu no< mehr Grund gehabt als zu ſeiner 
Zeit. Wie würde er heute erſt zürnen über die AuZländerei 
bejonders der Gelehrten, z. B. mancher Germaniſten, die jedes 
Wort? und mancher Sittrengeſ<ichter, die jeden gewerblichen 
Gegenſtand aus alten Gräberfunden, wenn nur irgend möglich, 
zu fremdem Gute ſtempeln. Von vielen deutſ<en Gelehrten 
gilt das Wort Simro>3: 
„Zn Rom, Athen und bei den Lappen, 
Da [päh'n wir jeden Winkel aus -- 
Derweil wir wie die Blinden tappen 
Daheim im eignen Vaterhaus.“ =- 
Ricek-Gerolding jagt:? „Findet man in germaniſchen Landen, 
wo nie ein Römerſuß hingetreten, vrachtvole Schwerter, 
! Ausführlich verbreitet ſib darüber Martin May, „Beiträge 
zur Stammkunde der deutſchen Sprache.“ Leipzig 1893. 
Hier ein Beiſpiel aus jüngſter Zeit: Prof. Dr. Suphan zu Weimar 
leitet in jeinem Buche „Allerlei Zierliches von der alten Exzellenz“ das 
deutſche Wort Viellieb<Hen von dem litauiſchen ülibas == Pärchen ber; 
es ſoll über Oſtpreußen zu uns gekommen und aus „filibhen“ verderbt 
ſein! „Umgekehrt iſt auch was wert.“ Angeſichts der deutj;<hen Wörter: 
Herzliebhen, Maßliebhen, Trautliebchen „viellieber“ Freund uſw. „Viel- 
liebchen“ als entlehnt zu bezeichnen, d a 8 KunſtſtüE bringt eben nur ein 
deutj<er Profeſſor fertig. 
? a. a. O., S. 32.
	        
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