Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

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Eine Wochenſchrift für die Angelegenheiten des Unterrichts, 
der Erziehung und des Lehrerſtandes. 
HBerauzgegeben 
von Lehrern und Lehrerinnen. 
Kommiſſionär H. Reßler, Leipzig, Seeburgitr. 40. 
Verlag: 
Sdh4röder & Jeve, Hamburg, 
Kl. Reichenſtr. 9-11. Fſpr. 2080. 
Shriftleitung: 
AU. Struve, Hamburg-Eilbe>, 
Jungmannſtr. 21, p. 
 
Die Hamburgiſche Shulzeitung erſcheint jeden Mittwoch in einem Bogen Großquartformat zum Preiſe von 1 Mark 50 Pfg. für das Dierteljahr. 
Beilage: Die monatlich erſcheinende Jugendſchriften-Warte, Schriftleiter H. Wolgaſt. -- Beſtellungen nehmen außer den Verlegern, alle 
Buchhandlungen, Jeitungsgeſchäfte und Poſtämter an. -- Beiträge ſind an die Schriftleitung, Bücher zur Beſprechung an Herrn Haupilehrer Martens, 
Hamburg-St. Georg, Baumeiſterſtr. 8, zu ſenden. Anzeigen werden für die Petitzeile von 65 mm Breite mit 20 Pfg., Beilagen nach Übereinkunft 
berechnet. -- Poſt- Liſte Nr. 5188. -- Klagen über unpünktliche Zuſtellung ſind gefl. ſofort dem Derlage mitzuteilen. 
Fütittwoch, den 5. Dezember 1900. Ür. 49. 
 
 
8. Jahrgang. 
Inhalt: Über Körperübungen in den Schulen. Von E. Fiſcher. -- 
Die Enthüllung de8 Denkmals von Dr. Friedrich Dittes. -- Aus 
Hamburg. = Vom Büchermarkt. =- Vereins-Anzeiger. 
 
Über Körperübungen in den Schulen. 
In einem Vortrage behandelt der Prager Hygieiniker 
Profeſſor Dr. F. Hueppe, der auf eine zwanzigjährige prak= 
tiſche Erfahrung zurücbli>t, dies Thema. I< erlaube mir, 
die hauptfächlichſten Kernpunkte dieſer Arbeit wörtlich anzu- 
führen. Möchten die Gedanken und Forderungen dieſes an- 
erkannten Hygieiniker3 die Gegner der Körpererziehung, welche 
die Schule nur als UnterrichtöSanſtalt anſehen, und die Gleich- 
gültigen und Lauen, die den Turnunterricht im alten Schlen- 
drian erteilen, wenigſtens zum Nachdenken über dieſen Gegen= 
jtand anregen. Den Freunden der leiblichen Erziehung aber 
jeien ſie ein Quell, aus dem ſie neue Kraft und friſchen 
Mut |<öpfen zu ihrer mühevollen Arbeit, die noch vielfach 
bei Pädagogen und Laien recht wenig Anerkennung findet. 
Vorausſhi>den möchte ich, daß Hueppe ein Anhänger der 
allgemeinen Volksſchule iſt. „Überall, wo der Staat den 
Schulzwang eingeführt hat, hat er auch den Eltern gegenüber 
die Pflicht zu übernehmen, die Kinder zu zeitreifen Menſchen 
auszubilden. Auf geiſtigem Gebiete gehört dazu nicht die 
bloße Aneignung praktiſcher Kenntniſſe, jondern eine Grund= 
lage, die ermöglicht, in naturgemäßer Gliederung und Fort- 
bildung der verſ<iedenen Schulformen von der Volksſc<hule 
durch die Mitteljhule zur Hochſchule hinüderzuleiten.“ Er 
verlangt von der Schule, daß neben dem praktiſchen Können 
ein Wijjen vermittelt werde, welches des JdealiSmu3 nicht 
entbehrt, daß die Charakterbildung einen breiten Raum ein- 
nehme. „Aber was hilft ſchließlich all dieſes Wiſſen, was 
helfen die edelſten Charakteräußerungen, wenn nicht ein 
leiſtungsfähiger, kräftiger Körper dahinterſteht, der den Willen 
in die That umzuſetßen verſteht. Wer Menſchen erziehen will, 
muß Geiſt, Charakter und Körper ausbilden, weil nur auf 
dieje Weiſe Menſchen zu erziehen ſind, die den von Tag zu 
Tag wachjenden Anforderungen unſeres wirtſ<haftlichen Lebens 
gewachſen ſind.“ -- „Bis jetzt geſchieht das nicht. Die Zeit 
wird in einer ungeheuerlichen Weiſe für bloße Sitzthätigkeit 
verwendet und für den Körper bleibt faſt nicht8 über. Die 
Charakterbildung geht dabei aber unter dem Einfluſſe des 
großſtädtiſQen Getriebes mehr und mehr in die Brüche. 
Den Charakter ausbilden zu wollen dur< bloße 
Lektüre iſt ein vergebliches Beginnen, und das Hauptmittel 
zur poſitiven Charakterbildung, welches in den richtig ausge- 
wählten Körperübungen liegt, unterſ<äßzt man in den bloßen 
Unterrichtskreiſen noch re<t gründlich. Das Schulturnen -- 
 
 
namentlich in jeßiger Spießſ<her Form -- reicht dazu nicht 
aus.“ „Das Hallenturnen entſpricht zunächſt einer Schul- 
hygieine ganz ſicher nicht. Bei der Unmöglichkeit, die Hallen 
ſtaubfrei zu halten, wird der aufgewirbelte Staub bei den 
tieferen Atemzügen nur um 1o ſicherer in die Lungen dringen 
und das, was die Bewegung an ſich nüßen könnte, leicht in 
das Gegenteil verkehren. Das Verlegen eines übermäßigen 
Teil3 des Turnunterricht3 in die Hallen hindert aber auch 
die poſitive Ausbildung der Sinne, beſonders des Auge8.“ 
Troßdem erkennt er die Notwendigkeit der Hallen an. „Wir 
bedürfen der Hallen nicht bloß im Winter, jondern ſelbſt im 
Sommer; denn die Hallen ſichern uns den Betrieb bei 
'<lechtem Wetter. Schlechtes Wetter iſt aber in dieſem 
Sinne nur regnerij<es Wetter.“ „I< verkenne alſo nicht 
die Notwendigkeit, bei uns Hallen zu beſißen, wohl aber 
muß ich mich in ent|chiedener Weiſe gegen den Mißbrauch 
der Hallen ausjprechen, und der liegt zur Zeit ſicher vor.“ 
(Nach meiner Erfahrung auc< bei uns. E. F.) 
Cinige Sätze über den Unterricht ſelbſt mögen hier Plat 
finden: „Das Jogenannte ſtramme, ſteife An- und Abtreten 
wirkt in ſeiner Beſeitigung aller Grazie auf unbefangene Zu- 
ſchauer meiſt unwiderſtehlich komiſc<, beſonders weil es in 
19 Ihroffem Gegenſatz zu den geſchmeidigen Übungen ſteht.“ 
Die Ordnungs- und Freiübungen wurden als Gemeinübungen 
ganz gewaltig über]|<hätßzt. Der Bewegungswert der Ordnungs- 
übungen itt faſt Null, der der Freiübungen ohne Handgerät 
gering, deren Anforderung an das Nervenſyſtem, beſonders 
an das Gedächtnis, jo groß, daß für den Körper faſt nichts 
übrig bleibt.“ „Auch für das Mädcenturnen kann ich 
Übungen mit Stab und Keule nur angelegentlich empfehlen.“ 
Nach der hygieiniſchen Seite hin iſt die Hauptaufgabe 
des Turnunterricht8: Ausbildung und Kräftigung von Herz 
und Lungen. „Die kräftige Anregung der Atmung durch 
Körperübungen vertieft die Atemzüge, und deshalb ſollte 
den Lungen reine, ſriſc<e Luſt zugeführt werden: Das kann 
aber do< nur im Freien geſchehen.“ Deshalb bedarf der 
Turnunterricht einer Ergänzung. = Aber auch durch andere 
Verhältniſſe werden fol<he Ergänzungen nahegelegt. Auf 
10 000 Einwohner der ländlichen Bevölkerung Oſtpreußens 
waren 67 Mann zum militäriſchen Dienſt tauglich, im König- 
reich Sachſen 36 Mann. „Man ſieht daraus klar, wie mit 
der Zunahme des Stadtlebens die Güte der Bevölkerung 
mit. = 
„Alles das nun, was in dieſen Dingen das Turnen 
al8 Bewegungsſchule nicht bietet, bieten in reichem Maße 
Spiel und Sport.“ Sportliche Übungen ſind nach Hueppes 
Aufſſaſſung: Marſchieren, Laufen, Springen, Werfen, Ringen, 
gemiſchte Sprünge, Shwimmen, Rudern, Sclittſ<ub-, Schnee- 
ſchuhlaufen, Fechten. Er denkt dabei auc< an die „Höheren
	        
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