Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

wandlung der ſechsſtufigen Schule in die jieben- 
ſtufige anzuregen mit der Maßgabe jedoch, in der 
unterſten Klaſſe nicßt mehr als 50 Schüler auf- 
zunehmen. -- Der Vorſtand wurde beauftragt, einen 
Antrag genannten ZInhalts an die Schulbehörde einzureichen. 
November-Verſammlung. YZunächſt führte Herr 
Barnſtorff der Verſammlung ein Bild der Hauptſtadt 
Schottland3 vor. Troß der intereſſanten Vorführungen jei 
der Vortrag hier nur kurz ſkizziert, zumal der Vortragende 
ſich dieSmal mit den allgemeinen Verhältniſſen beſchäftigte 
und die Schulen Edinburgs in einem zweiten Vortrage einer 
beſonderen Beſprechung unterziehen wird. =- CEdinburg mit 
ſeiner in die Stadt hineinführenden Prunkſtraße, mit ſeiner 
Felſenburg, deren Erbauer der Stadt ihren Namen gegeben 
bat, mit jeinen Hügeln, mit dem Meer im Hintergrund, mit 
dem maleriſchen Strand, iſt eine hübſche Stadt. Eine Aus3- 
nahme hiervon machen beſtimmte Teile der Altſtadt, wo 
hinter den ſe<3- und mehrſtödigen Häuſern ſehr enge 
Gäßchen (*?/s m breit) entlangführen. Umſtände, die jolche 
Verhältniſſe gewöhnlich im Gefolge haben, haben Edinburg 
zu der „Stadt der Gerüche“ gemacht. -- Ferner iſt 
Edinburg die Stadt der geſchichtlichen Erinnerungen. Überall 
weiſen Grabſteine, Denkmäler, Gebäude auf denkwürdige 
Ereigniſſe, auf berühmte Männer (W. Scott) zurü>. Die 
Univerſität, viele höhere Schulen, Muſeen ujw. erinnern an 
das hod<hentwiFelte Schulweſen der Stadt. -- Dagegen 
fehlen durchweg die Fabrifen. Drei Tage ſind es, die der 
Stadt ein beſonderes Gepräge verleihen. Der Sonntag 
wird ſtreng gefeiert. Da iſt alles geſchloſſen, ſämtliche 
Läden (Mil<läden ausgenommen), Muſeen, Reſtaurants ; 
keme Eijenbahn fährt, fein Omnibus. Dagegen ſind die 
Kir<en und Kapellen (rund 200) gefüllt. Der Sonnabend : 
der Tag iſt jI<ulfreiz; um 1 Uhr werden auch die Betriebe 
geſ<loſen. Alle3 ſtrömt hinaus auf die Naſenpläte zum 
Spiel (am Sonntag verboten); alle Straßen ſind voll, aber 
auch alle Kneipen; überall betrunkene Männer und Weiber. 
Montag: angeſtrengte Thätigkeit des Polizeirichter5 ; Be- 
ſtrafung der Betrunkenen wegen Lärmens auf der Straße; 
denn Trunkenheit iſt --- verboten. 
Den letzten PBunkt der Tage8ordnung bildete de 
Vortrag des Herrn Rektor Bindrich über den „Schu 
der Kinder vor gewerblicher AuSnugung“. Der 
Vortragende führte zunächſt eine Zujammenttellung des 
Kaiſerl. Statiſtiſchen Amts über dieje Materie vom Jahre 1898 
vor. EZ Jei zunächſt vorausgeſchi>t, daß die Beſchäftigung von 
Kindern in Fabrifen auf Grund der Gewerbeordnung bereits 
unterfagt iſt. Bei der genannten Statiſtik ſind nicht be- 
rücdnchtigt diejenigen Kinder, die in der Landwirtſchaft und 
im Geſndedienſt beſchäftigt werden, ſowie diejenigen, deren 
Beſchäftigung nicht über drei Stunden dauert. Ferner ſei 
darauf bingewieſen, daß die Statiſtik in manchen Bundes 
ſtaaten nicht ganz umfaſſend war, ihr Ergebnis daher nicht 
durchaus richtig iſt. Abgejehen von dieſen Einſchränkungen 
ergab fich folgende: Die Zuduſtriegegenden zeigen naturge- 
mäß die höchſten Ziffern, wie folgende Beiſpiele zeigen : 
Sachſen 22,809 %, Thüringen 10---19 %, Berlin 12,83 %, 
Baden 9,74 %, LübeX> 9,59 %, Württemberg 6,52 %, 
Hamburg 5,67 %, Preußen 5,18 %, Bremen 3,38 %. -- 
Der Art ihrer Thätigkeit nach waren 300 000 Kinder in der 
HauSinduſtrie, 36 060 im Laufdienſt, 27 000 im Verkehr, 
22 000 in Gajt: und Schankwirtſchaften, 17 600 im Handel 
und 12 000 in jonſiiger Weiſe be) häftigt. 
Um nun zu einer einigermaßen richtigen Überſicht über 
die Verhältniſſe unferer Stadt zu gelangen, hat der Vor- 
tragende eingehende Ermittlungen an der zehnten Knaben- 
Volksichule angeſtellt. Auffallend iſt hier zunächſt die Zahl 
der Beſchäftigungszweige; ihrer ſind 43. Unter dieſen ſteht 
das Tabakitreifen obenan; dann folgen das Austragen von 
Zeitungen, Mil; und Brot, das Flaſchenſpülen und das 
Kegelauffezen. Zu denken giebt aber der hohe Prozentſaß. 
Von den Kindern der betreffenden Schule waren auf dieſe 
Weiſe 29 % in Anſpruch genommen und unter dieſen 10 % 
«“s 
E3 
426 
 
über drei Stunden. Dieſe Ziffer giebt allerdings kein durch- 
aus richtiges Bild für ſämtliche Schulen Altonas. Da jedoch 
die Verhältniſſe an manchen Schulen bedeutend trauriger 
liegen, jo iſt obige Ziſſer jedenfall3 nicht zu hoc< gegriffen. 
Damit wäre Altona aljo zu der zweifelhaften Shre gelangt, 
mit Berlin und Thüringen obenan zu marſchieren. -- An- 
geſichts folcher trüben Verhältniſſe ſind unſere Abwehrmittel 
allerdings ſehr dürftig. Aber eins können wir doc<: kräftig 
ſchreien; und dies ſcheint auch nicht ohne Grfolg geweſen zu 
ſein. Ein Kinderſchubgeſes 1i<Heint in Ausſicht zu ſtehen. 
Hier und da haven ſich Vereine gebildet, die eine geſeßliche 
Regelung der Frage erſtreben. Auch in manchen polizeilichen 
Verordnungen dürfen wir wohl die Kundgebungen der deutſchen 
Lehrerſchaft als treibende Kraft vermuten. -- Zum Schluß 
ſeien die Leitſäße angeführt, die der Vortragende ſeinem 
Vortrag zu Grunde gelegt hat: | 
1. Die gewerbliche Au8nußung der Kinder, ins8beſondere 
der ſchulpflichtigen Jugend, hat im Gebiete des dem 
InduſtrialiSmus zuſteuernden Deutſchen Reiches ſchon 
jezt einen bedenklichen Umfang erreicht. 
Die Erwerbsthätigkeit der Kinder iſt einzuſchränken 
wegen ihrer nachteiligen Folgen, 
a) für die körperliche Entwidlung, 
b) für den geiſtigen Fortſchritt, 
6) für das ſittliche Gedeihen eines erheblichen 
Teils der deutſ<en Jugend und ſomit auch 
des Deutſchen Volkes. 
. Ein bejonderes Intereſſe an dem dur< dieſe Einſchrän- 
fung zu bewirkenden Kinderſchuß hat die Voltksſc<hule, 
weil ſie ohne denſelben nicht in der Lage iſt, die ihr 
geſtellten unterrichtlichen und erzieherijhen Auſgaben 
befriedigend zu löſen. 
Alle hiöberigen Verſuche, die Jugend durch polizeiliche 
Maßnahmen und freie LiebeSthätigkeit vor gewijjen- 
loſer Au23beutung zu ſchüßen, verdienen Anerkennung, 
entbehren aber der geſeßlichen Sicherheit wie des or- 
ganiy chen Zujſammenhangs und baben ſich deShalb als 
unzureichend erwie])en. 
5. Demnach iſt die möglictſt zu beſchleunigende Einführung 
ines Reichs8gejeßes betr. EGinſchränkitng oder Verbot 
der gewerblichen Bejcbäftigung vo::i Kindern 2:nter 
vierzehn Jahren dringend er!orderlich. 
==. 
Pädagogiſche Wundichau. 
Uber einen nicht uninteroſianten Prozeß, der ſic vor der 
Strafkammer in Krefeld abſvielto, berichtet die „N. Witd. Lhrztg.“ ſol- 
 
gendes: „Genoſſe“ Wolters war angeklagt wegen Beleidigung einer 
Lehrerin. Die Lehrerin hatte ſich während der Faſtenzeit beiſallen laſen, 
einem Kinde, welches belegte Butterſtullen mit zur Schule gebra<ht, zu 
befehlen, das Fleiſch mit nach Haute zu nehmen oder in den Müllkaiten 
zu werfen. Außerdem ſollte das Kind von dieſer Zeit an ſein Frühſtüe> 
der Lehrerin vorzeigen. Da3 Kind warf aus Angſt das ganze Frühitü> 
in den Müllkaſten und erzähite dein Vorfall den Eltern. =- „Genoſſe“ 
Wotkers rügte den Vorfall in der „Niederrheini] hen Volkstribüne“, worauf 
der Staatsantwalt Anklage wegen Beleidigung erhob. Die Lehrerin 
ſtand auf dem Standpunkt, daß fie als katholijyche Lehrerin ſich ver- 
pflichtet fühle, das Faſtengebot in der Schule hochzuhalten. Wolters 
beantragte für fich den Shut des 8 193 (Wahrung berechtigter Inter- 
eſſen), weil er als Vater ſchulpflihtiger Kinder ſich verpflichtet gefühlt 
habe, derartige Zuſtände zu rügen. Das Gericht folgte feinen Aus- 
führungen und jprach ihn frei. Der StaatSanwalt hatte wegen formaler 
Beleidigung eine Geldſtrafe ven 20 H. beantragt. Der Vorſitzende 
empfahl, in Zukunft ſtet8 Beſchwerde gegen die Lehrperionen zu erheben, 
wenn ſie ſich derartige Übergriffe zu j<ulden kommen ließen. 
Seminariſten als Spritzenleute. Tine ſonderbare Einrichtung 
iſt am Linnicher Lehrerfeminar getroffen worden. Mit Zuſtimmung der 
vorgejehten Behörde in Koblenz ſollen nämlich die Seminariſten in der 
praktiſchen Handhabung de8 Feuerlöſchwejen8 durch die Führer unſerer 
Feuerwehr unterwieſen werden. Am Sonnabend-Nachmittag wurde zum 
erſtenmal eine Übung vorgenommen. Die Seminariſten jollen durch 
ſolche Übungen befähigt werden, ſpäter als Lehrer, wenn nötig, eine 
Wehr zu organiſieren und zu leiten. 
Berlin. An dem hböhern Fortbildungskurjus für 
Lehrer, der vom 15. Oktober 1899 bis 12. Juli d. IJ. unter Leitung 
des Geh. Ober:Regierungsrat8 Brandt in Berlin abgehalten wurde, 
nahmen 34 Lehrer teil, 20 evangeliſcher, 14 katholiſcher Konſfeiſion ;
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.