Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Gegſter Abſynill. 
Beſtimmungen über die Errichtung und Leitung 
nicht-öffentlicher Schulen. 
8 532. Wer eine Schule für ſchulpflichtige Kinder zu ex- 
richten oder eine bereits beſtehende zu übernehmen und fort- 
zuführen beabſichtigt, hat der Oberjchulbehörde ſeine ſittliche, 
techniſc<e und wiſſenſc<aftliche Befähigung nachzuweiſen. Der- 
ſelbe muß ſich in einer mindeſtens fünfjährigen, an Schulen, 
und zwar in der Regel im Hamburgiſchen Staate, au8geübten 
Lehrthätigkeit bewährt haben, körperlich und geiſtig gejund 
ſowie zur Anſtellung als Leiter entſprechender öffentlicher 
Schulen befähigt ſein. Zur Uebernahme der Leitung von 
Vorſchulen für Kinder unter 10 Jahren iſt die Beſähigung 
zur feſten Anſiellung an öffentlichen Volksſchulen ausreichend. 
Körperſchaften und Vereine, welche eine Schule errichten 
oder eine bereits beſtehende fortführen wollen, ſind ver- 
pflichtet, die pädagogiſche Leitung derjelben ſolchen Lehrern 
oder Lehrerinnen zu übertragen, welche in Gemäßheit des 
vorſtehenden Abſaße8 dazu befähigt ſind. Dieſelbe Ver- 
pflichtung gilt für diejenigen Einzelporjonen, welchen die 
Errichtung oder Fortführung einer Schule von der Ober- 
ſchulbehörde geſtattet wird, ohne daß ſie ſelbſt die erforder- 
liche Befähigung zur Schulleitung beſitzen. 
Vor Erlaß dieſes Geſetzes ertheilte Berechtigungen zur 
Schulleitung bleiben durch die vorſtehenden Beſtimmungen 
unberührt. 
8 53. Wer nach Maaßgabe des 8 52 die Befähigung 
zur Leitung einer zu errichtenden oder bereits beſtehenden 
Schule nachgewieſen hat, iſt verpflichtet, vor dem thatjäch- 
lichen Eintritt in die Schulleitung über Lehrziel, Lehrplan, 
Lehrkräfte und Räume der Anſtalt der Oberſchulbehörde 
Ichriftliche Mittheilung zu machen, und darf die Schule erſt 
dann eröffnen oder übernehmen, wenn die Oberſ|<hulbehörde 
erklärt hat, daß Bedenken nicht oder nicht mehr entgegenſtehen. 
S 54. Gegen Vorſteher von nicht-öffentlichen Schulen, 
welche den geſehlichen Vorſchriften oder den von der Ober- 
Ihulbehörde auf Grund ihrer gejeßlichen Beſugniſje erlaſſenen 
Anordnungen nicht nachfommen, hat die Ober) <ulbehörde 
erforderlichenfalls Ordnungsſtrafen 915 zu 159 M im Einzel- 
falle, bei fortgeſeßter Widerſetlichkeit die Aufhebung der Be- 
rechtigung zur Leitung einer Schule auf 1o lange zu verfügen, 
bi3 den geſtellten Anforderungen genügt iſt. 
Entjpricht eine Schule den nach Maaßzgabe der geſeß- 
lichen Vorſchriften an ſie zu ſtellenden Anforderungen nicht, 
und erfolgt auf ergangene Aufforderung keine Abhülfe, 10 iſt 
gegen den Vorſteher das Verfahren auf Aberkennung der 
Berechtigung nach Maaßgabe der Vorſchriften dex Gewerbe- 
ordnung für das Deutſche Reich wegen Zurü>nahme von 
Conceſſionen, Approbatienen oder Beſtallungen einzuleiten. 
Da3 Gleiche gilt für den Fall, daß die Vorausſetungen, 
unter denen die Erlaubniß zur Errichtung oder Fortführung 
einer Schule ertheilt iſt (88 52 und 53), nicht oder nicht 
mehr zutreffen. 
Die Entſ<eidung erfolgt in erſter Inſtanz durch die 
Oberſchulbehörde, in zweiter Infianz durch die Senats8-Section 
für Gewerbe-Recursachen. 
giebenter Abſchnitt. 
Das Schulweſen in den Landgemeinden. 
S 55. Für das Sculweſen in den Landgemeinden 
bleiben die Geſeze vom 12. December 1879, 20. Juli 1881 
und 14. November 1898, ſowie die daſfelbit in Bezug Fe- 
nommenen Beſtimmungen des Unterricht8geſetes vom 11. No- 
vember 1870 bi3 auf Weiteres in Gültigkeit. 
Schlußbeſtimmung. 
S 36. Dieſes Geſeß tritt an einem vom 
beſtimmenden Tage in Kraft. 
Senate zu 
 
 
Aus Hamburg. 
Die Oberſchulbehörde macht bekannt: Am hieſigen 
Seminar vorgebildeten Lehrern, die nach Ablegung der 
Seminar-Abgangs8prüfung ihrer aktiven Dienſtpflicht im ſtehen- 
den Heere genügt haben, wird das Dienſtjahr angerechnet, 
als wenn 28 im Schuldienſt verbracht wäre. 
Im Wilhelm-Güymuaſium iſt vor einiger Zeit einem 
Schüler ein Überzieher geſtohlen. Da die Behörde ſich 
weigerte, den Überzieher zu erſeßen, erhob die Mutter Klage 
und iſt nunmehr die Schulverwaltung zur Bezahlung des 
geſtohlenen Gegenſtandes durch das Oberlandes8gericht ver- 
urteilt worden. 
Verſammlung der Schulſynode am Donnerstag, 
den 1. Februar. 
1. Mitteilungen des Vorſizenden. Während des 
Jahres 1899 hat keine Sitzung der Schulſynode ſtattgefunden. 
Ein dem Ausſchuß vorgelegter Antrag von Rolff und Genoſſen 
betr. Einführung einer einheitlichen Rechtſchreibung iſt vom 
Ausſchuß abgelehnt und daraufhin von den Antragſtellern 
zurüdgezogen. Der zur Beratung von Anträgen betr. 
Schülerausflüge und Schulreiſen eingejezte Ausj<uß hat 
no< nicht berichtet. Auf den am 21. Oktober 1896 
der Behörde eingereichten Antrag über die amtliche Stellung 
der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volk5ſchulen 
ijt biSher keine Antwort errolgt. 
Der Vorſitzende ſpricht ſein Bedauern aus darüber, daß 
der vom Senat hberausgegebene Schulgejeßentwurf die An- 
träge der Synode ſehr wenig berüſichtigt hat. 
2. Antrag M. Smid und Genojjen: „Der 
SyÖnodal-Vorſtand erſucht die Oberſ<ulbehörde, 
im fommenden Winterſemeſter das Vorlejung3- 
weſen durch Veranſtaltung pädagogiſc<er Vorträge 
zu erweitern.“ 
Herr M. Smid begründet ſeinen Antrag in form- 
vollendeter und gründlicher Weiſe. Auf Antrag des Herrn 
Noſt wird hinter „pädagogiſcher“ eingeſchoben „und p)y<o- 
logiſcher“. Damit wird der Antrag einſtimmig angenommen. 
3. Antirag W. Möller und Geno)jen: „,Die 
Schuliynode eritücht die Oberj)<uibehörde, eine 
Beſtimmung folgenden ZInhalt3 zu erla)jſen: Die 
notwendigen 1<hriftlichen und mündlichen Übungen 
werden in der Schule felbit in organitlhem An- 
jIchluß an den Unterricht oder in beſonderen Stun- 
den vorgenommen. Lehrer und Lebrerinnen jind 
weder berechtigt noc< verpflichtet, Kinder dur>d 
Strafen zur häuzlichen Anfertigung ſ|<<riftlicher 
Arbeiten oder zum AusSwendiglernen im Hauſe zu 
zwingen.“ 
Nus der Begründung ſeitens des Herrn W. Möler 
heben wir folgende Gedanken hervor: Das Ruswendiglernen 
religidſer Stoffe iſt überflüſſig, da dasJerbe mit Religion 
und Sittlichkeit nichts zu thun hat. Das Auswendiglernen 
von Gedichten erhöht nicht, ſondern ſtört den äſthetiſchen 
Genuß, beeinträchtigt alſo den Hauptzwe&s der Gedicht: 
behandlung. Das Aufſagenlaſſen dez Gelernten nimmt viel 
Zeit in Anſpruch, die ſich beſſer verwenden läßt. Nicht zu 
entbehren ſind die ſc<hriftl:ihen Arbeiten, die aber, vielleicht 
mit Au3nahme des Auffatze8, in der Schule angefertigt 
werden können. Durch die Jnanſpruchnahme des HauSfleißes 
werden die Rechte der Eltern beeinträchtigt, 10 daß heutzu- 
tage vielfach das Haus eine Hilf3anſtalt der Shule iſi, 
während e8 doch umgekehrt ſein jollte. Die HauZarbeiten 
ſchränken die Zeit ungebührli<m ein, die das Kind zum 
Spielen, Turnen, Schwimmen oder zur Auzbildung beſon- 
derer Anlagen (Muſik-, Sprachunterricht 2c.) benutzen jollte. 
Die HauZardeiten, ſowie die dur<& ſie veranlaßten Be- 
trügereien, veranlaſſen die Mehrzahl der körperlichen Züch- 
tigungen. Die erzwungenen HauZarbeiten ſind keine An- 
leitung zur Selbſtthätigkeit, da ja den Schülern das Was, 
Wieviel und Wann genau vorgeſchrieben wird.
	        
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