Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

ganzen bisSher ſegen3reiche Wirkſamkeit ſchädigt.*) Dieſes 
Recht des Mitarbeiter3 und Dienens laſſen wir uns nicht 
nehmen. . 
Wir wollen nur nicht, daß die Jugendſchriften-Kommijſion 
die Auswahl der Jugendlektüre monopoliſiert; ein Anfang 
dazu liegt ja in der Thatſache, daß die von der Oberſchul- 
behörde den Volksſchulen gelieferten Bücher allein naß den 
Vorſchlägen der Jugendſchriften-Kommiſſion ausgewählt jind. 
E3 ſind auf dieſe Weiſe Bücher in die Volksſchulbücereien 
hineingekommen, wie der Rekrut von 1813, die Kinderthränen 
von Wildenbruch**) und manche andern, die an ſich gut, weit 
jenſeits der Gefühlsſphäre der Kinder liegen, und jo ver- 
ſchleuderte Perlen ſind; es iſt beiſpielweiſe Enoch Arden 
für Schulkinder ausgewählt worden. 
Die Jugendſchriften-Kommiſſion iſt ſtolz auf die von 
ihr feſtgelegten Grundſäße, wie: „Die Jugendſchrift in dichte- 
riſcher Form muß ein Kunſtwerk ſein“, „Kunſtgenuß iſt die 
edelſte Lebensfreude“ und „die Jugendſchrift muß tendenzlos 
ſein“. Aber gerade dadurch, daß ſie ſich auf jolche Srund- 
ſäße feſtlegt, beraubt ſich die Jugendſchriften-Kommüſion 
des freien Blids. Sie vergißt die pädagogiſchen RÜ>- 
ſichten ; ſie vergißt, daß ein Kind anders fühlt und andere 
auch berechtigte Bedürfniſſe hat als der Erwachſene; ſie 
überſieht, daß das Leſen im allgemeinen wie das der Jugend 
im beſonderen durchaus nicht in erſter Linie der AuSbildung 
äſthetiſchen Sinnes , ſondern in noch viel höherem Maße der 
Erweiterung des geiſtigen Horizontes dient. Die von der 
Zugendſchriften-Kommiſſion behauptete Gleichwertigkeit der 
Willen3-, Gefühl8- und Verſtande3bildung zerreißt die Ein- 
heitlichfeit pädagogiſchen Wirkens. 
Wir müſſen fordern, daß bei der Aus8wahl für unſere 
Schulbüchereien nicht bloß Künſtler und Kunſtkritiker, ſondern 
auch andere Leute, Vertreter der Pädagogik, zu rate gezogen 
werden. Wir fordern, daß unſere Schulbüchereien Leben3- 
bilder von Bi8mar> und Wilhelm []., daß fie Darſtellungen 
unſerer Einheitskriege enthalten, daß den Schülern Schilde- 
rungen des Lebens in ſremden Erdteilen geboten werden. 
Aus dem Vorhandenen ijt von Pädagogen das Beſte aus- 
zuwählen, ſoweit wir feiner zur Ergänzung und Belebung 
des Unterricht8 bedürfen. Sache der Jugendſ<hriften-Kom.- 
- *) Da der ſonſt 19 ausführliche Bericht der Pädagogiſchen Reform 
unſere dieSbezüglihen Ausführungen in der letzten Sitzung der Ge- 
ſellſchaft 2c. 2c. mit bemerkens8werter Kürze erledigt, geben wir ſie hier 
nod einmal dem Hauptinhalt nac< wieder : 
Taktijh falich handelte der Jugendſc<<riften - Außſ<huß durc< feine 
hartnädkige Verteidigung des Satzes, der den Eltern empfiehlt, kein Buch 
zu kaufen, das nicht im Verzeichnis ſteht. Die Gegnerſ<aft der Bus- 
händler, die nun einmal dem Fortfall des Sate38 großes Gewicht bei: 
legten, hat der Sache mehr geſchadet als der Sas genüßt hat. 
Unberechtigt und ein grober taktiſcher Fehler war der beleidigende 
Saß, der die Buchhändler einen Teil der Kraft nennt, die ſtets das Böſe 
will, ſie alſo mit Mephiſtopheles auf eine Stufe ſtellt; wie's in den 
Wald hineinſchallt, jo ichalt's auch wieder heraus. 
Taktij) verkehrt war es, die aus Kollegenkreijen ſtammenden 
abweichenden Anſichten unbeachtet zu laſjen, während man ſofort zur 
Entgegnung bereit war, ſobald aus bürgerliden Kreiſen ganz dieſelben 
Anſichten geäußert wurden. 
In Bezug auf den Rekruten von 1813 wollen wir an dieſer Stelle nur 
hervorheben, daß wir das Buch nur aus pädagogiſchen Gründen verwerfen ; 
es iſt eine Tendenzſchrift (die der Jugendſ<riften-Aus8ſchuß in der Theorie 
verwirft), die den Krieg durchaus einſeitig ſchildert, und das iſt nach 
Kollege Volquardſen, Mitglied des Altonaer Jugendſ<riften-Ausſc<huſjes, 
Lüge und Fälſf Hung (1. Novembernummer der Jugendſchriften-Warte), 
und neben der Haupttendenz gehen untergeordnet der Preußenhaß und 
der „Fürſtenhaß einher in AusSſprüchen von den im Buche maßgebenden 
Perſonen, ſo daß das Buch als Privatlektüre unreifen Kindern nicht 
in die Hände gegeben werden darf. 
Tendenzſchriften ſind unſeres Erachtens nicht ohne weiteres zu 
verwerfen ; aber wir verlangen, daß die Tendenz nicht unſerer ſonſtigen 
Erzieherthätigkeit entgegenarbeitet, ſondern daß ſie ihr dient; wir verlangen, 
daß die Tendenz nicht aufdringlih und unſchön oder unwahr auftritt, 
weil ſie dann mehr ſchadet als nüßt. 
..*) Das, Buch enthält zwei Erzählungen ; die zweite „Wie Hänöc<hen 
und Fränzhen die Vorſehung kennen lernten“ lehrt einen geradezu albernen 
Vorjehungsbegriff, der nicht etwa bloß cinem albernen Kind 8kopfe 
entſtammt, ſondern der von dem Vater, der maßgebenden Perſon in der 
Geſ<hic<te, gutgeheißen wird. Das Buch gefährdet die religisie Bildung 
unreifer Kinder. 
 
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miſſion mag es dann ſein, das Nichtvollfommene durch 
Vollkommenes zu erſezen. Die Jugendlektüre iſt aljo in 
erſter Linie naß pädagogiſchen und in zweiter Linie nach 
äſthetiſ<en Rücſichten au8zuwählen, und dafür werden wir 
auch fernerhin in Wort und Schrift und mit dem Wahlzettel 
eintreten =--- und das ohne Rüdſicht auf Perjonen. 
Die Anſicht des Schriftleiter3 ſchließt nun durchaus 
nicht die Aufnahme von Aufſjäßen aus, die auf anderem 
Standpunkte ſtehen ; wenn die Schulzeitung ſolche biSher 
nicht gebracht hat, jo liegt das einzig daran, daß ihr feine 
zugegangen ſind. 
Hat die Jugendſchriftenſa<he in den Erörterungen des 
Vorjahres einen im Verhältnis zu ihrer Bedeutung unver= 
hältniemäßig großen Raum eingenommen, jo ſind zwei 
andere Fragen entſchieden zu kurz gekommen; dieſe beiden 
Fragen ſind: Jſt die Einrichtung eines zweiten Lehrerjeminar3 
und iſt die von höheren Töchterſchulen für Hamburg 
wünſchen5wert? Die Bürgerſchaft hat bekanntlich die erſte 
Frage bejaht, die zweite verneint. 
Die Forderung eines zweiten Lehrerſeminar3. wird in 
dem betreffenden Ausſchußberichte in folgender Weije ve- 
gründet: „Zur Begründung des Antrages jind zwei Gr- 
wägungen maßgebend, erſtlich die biSher beſtehende Not- 
wendigkeit, alljährlich eine größere Zahl von auswärtigen 
Qehrern an unſeren Schulen anzuſtellen, und ferner die 
Thatſache, daß von der großen Zahl hieſiger Schüler, die 
dem Lehrerberuf ſich widmen wollen, ſiet3 nur ein Teil 
Aufnahme in die hieſige Lehrerbildung3anſtalt finden kann. 
Zu Gunſten des Antrages ſpricht no<& die Erwägung, daß 
dur< die Einführung des Einjährig-Freiwilligen-Dienſtes für 
die Volk5ſchullehrer der bisher vorhandene Bedarf unjerer Schu- 
len geſteigert und der an auswärtigen Anſtalten vorhandene 
Überſchuß gemindert wird. Man kann freilich zu Gunjien 
der Aufnahme auswärtiger Kräfte in unſere Lehrerkollegien 
anführen, daß dadur< die Vielſeitigkeit ihrer Bildung und 
ihres Grfahrungskreiſes günſtig beeinflußt wird ; aber es muß 
andererſeits auch anerkannt werden, daß auswärt3 nicht mit 
Unrecht die Thatſache beanſtandet wird, daß wir bisher die 
Hälfte unſerer Volksſ<hullehrer auf Koſten anderer deutſcher 
Staaten baben ausbilden laſſen.“ 
Von den angeführten Gründen können wir zuerſt den 
auf den Einjährigen-Dienſt bezüglichen ausſ<eiden ; denn bis 
die erſten Seminariſten aus dem neuen Seminar ins Amt 
treten, darüber würden mindeſten3 ſecs Jahre vergehen; bis 
dahin aber wird fich in Preußen die Zahl der auszubildenden 
Lehrkräfte längſt dem Bedürfnis angepaßt haben; und in 
Hamburg wollen bei einem Lehrpertonal von über 2000 Per- 
ſonen 15--20 Einjährigdienende wirklich nichts bejagen. 
Der Ausſchuß bedauert, daß viele junge Leute wegen 
Plaßmangel38 vom Seminar zurückgewieſen werden mühjen; 
zweifellos ſind unter diejen eine Reihe fähiger Köpfe, von 
denen mancher einen tüchtigen Schulmeiſter abgäbe; aber 
wenn der Bürgerſchaft3-Aus]c<huß folgerimtig weiter denken 
würde, ſo müßte er ſagen: Es iſt nicht bloß den jungen 
Hamburgern, die Lehrer werden wollen, die Möglichkeit dazu 
zu ſchaffen, fondern auch denen, die Prediger, Ärzte, Richter, 
Baumeiſter werden wollen. Jit den geiſtiger Arbeit zunei- 
genden und nicht:wohlhabenden Knaben nur das Seminar 
geöffnet, jo werden ſich dort viele hineindrängen, die mehr 
Beruf für andere GeiſteZarbeit hätten, die nur kommen, weil 
ſie im Lehrer-werden eben die einzige Möglichkeit ſehen, ſich 
in rein-geiſtiger Arbeit zu bethätigen, die ſiH aber jpäter im 
Sculgetriebe höchſt unglü&lic< fühlen und natürlich auch 
andere nicht beglü&en können. 
Aus Lehrerkreiſen wird für die Beibehaltung der jetigen 
Art der Lehrerbildung, die ſi durc< ihre Wohlfeilheit aus- 
zeichnet, geltend gemacht, daß wir hauptſächlich Kinder der 
unteren Volksſchichten zu unterrichten haben und de3halb in 
erſter Linie Leute brauchen, die mit dem Leben und Denken 
dieſer Volk8ſchichten vertraut ſind, die alſo ihnen entſtammen 
müſſen. Ganz recht; aber man muß doch nicht alles Gute 
für ſich behalten wollen. Haben Ärzte, Prediger und Richter
	        
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