Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Ohne eine konkrete Grundlage, die durch die politiſche 
Geichichte geboten wird, iſt Kulturge)chichte in der Schule 
nicht denkbar. Nur wenn der Strom der politiſchen und 
der Kulturgeſchichte in einem breiten und tiefen Bette vereint 
dahinflutet, werden ſich für den Schüler Gemälde ergeben, 
aus deren Hintergrunde die hervorragenden Entwieklungs3= 
NEE ſeines Volkes in anſchaulich - plaſiüiſcher Weiſe ſich 
abheben. 
Im Verlauf der deutſchen Geſchichte bietet ſich überall 
Gelegenheit, die kulturgeſchichtlichen Momente aus der Ent- 
wicllung des Volksleben8 in die erzählende Darſtellung der 
äußeren Begebenheiten zu verflechten. Die Schilderung der 
älteſten Zeit kann überhaupt nur in einer Darlegung der 
Kulturverhältniſſe der alten Germanen beſtehen, ſoweit wir 
ſie aus den Überlieferungen der- römiſchen Geſchichtöſchreiber 
kennen, weil uns von den politiſchen Wandlungen der 
deutſ<en Stämme außer den Berührungen mit den 
Römern bi38 zur Völkerwanderung ſo gut wie nichts bekannt 
iſt. Von Bedeutung dagegen iſt die Aufzeigung des Ein- 
fluſfes, den dieje Berührungen auf die Veränderung der 
germaniſchen Kultur gehabt haben. Eine beſondere Ex- 
wähnung bedarf ſodann im weiteren Verlauf der Geſchichte 
die Entſtehung und Einrichtung des Königtum3, die dei dem 
Auftreten der Goten, Vandalen, Langobarden und Franken 
an die Namen Alarich, The2odorich, Geiſerich, Alboin und 
Chlodwig anknüpft, und bei welcher namentli<ß der Unter- 
Ic<ied zwichen Königtum und Häuptlingswejen deutlich zu 
machen iſt. Die Geſchichte des Frankenreichs fordert einzu- 
gehen auf Entſtehung, Einribtung und Bedeutung des LehnS8- 
weſens. Mit Vonifazius iſt die Errichtung von Kirchen und 
Klöſtern verknüpft; ihre Bedeutung für die Schule, jowie 
für die Entſtehung der älteſten deutſchen Städte iſt auszu- 
führen. Die Geichihte Karls des Großen führt zur Be- 
trachtung des Heerwetens8, der Grafengerichte, der Verbeſje- 
rungen in der Landwirtſchaft und der Fortſchritte in Kunſt 
und Wiſſenſchaft, die Einrichtung der Reiterei durch 
Heinrich I. auf die Anfänge des Ritterſtande3, ſowie auf 
die neue Entſtehungzurfac<ße deutſcher Städte dur<* Die 
Gründung von Burgen. An dieſer Stelle iſt bereits ein 
Hinweis auf die urſprüngliche Bauart und Verfaſſung der 
alten Städte, ſowie auf das Emporkommen von Handwerk 
und Handel erforderlich. Ottos I. Geſchichte bietet Veran- 
laſſung, von Einrichtung und Stellung des deutſchen Kaijer- 
tum38 zu ſprechen, von dem Verhältni3 der Großen des 
Reiches zum Kaifjer, von Kaijerkrönung und Erzämtern. 
Konrads 11. Kampf mit Ernſt von Schwaben giebt Gelegen- 
heit zur Vorführung des kaiſerlichen Strafmittels der Acht. 
Zum Verſtändni8 des von Heinrich Ul. angeordneten Gottes- 
friedens iſt es nötig, auf das alte deutſche Fehdere<ht uud 
den allmählich eingeriſjenen Mißbrauch desſelben einzugehen. 
Heinrichs IV. Geichihte macht eine Belehrung nötig über 
die Machtmittel der Kirche, über Bann und JInterdiki, jowie 
über den verſchärften Gegenſaß zwiſchen Kaijertum und 
Rapſitum und endli< darüber, wie eine Reihe deutſcher 
Städte wegen ihres treuen Feſthalten3 zum Kaiſer mit Rechten 
und Freiheiten belohnt wurden, wie da8 Handwerk inſolge- 
deſjen einen neuen Aufſ<hwung nahm und eine Erweiterung 
der Städteverfaſſung angebahnt wurde. Die Anderung in 
dem Verhältnis de3 Herrenſtandes zum Reich3oberhaupt wird 
berührt bei der Darſtellung des Kampfes zwiſ<en Friedrich 
Barbarojja und Heinrich dem Löwen; gleichzeitig bietet ſich 
hierbei Gelegenheit zur Schilderung des mittelalterlichen 
Reich3tag3s. Das Friedensfeſt zu Mainz ergiebt rin leben3- 
volle3 Bild aus dem Ritterleben, von Scwertleite und 
Turnier. Die Einnahme Jeruſalem3 im erſten Kreuzzuge 
macht die Zeichnung eines Bilde8 von der Belagerungsweiſe 
im Mittelalter notwendig; auc< wird in der Geſchichte der 
Kreuzzüge mehr Material herdeigetragen zur Ergänzung des 
Bilde2 vom Rittertum durch die Entſtehung der geiſtlichen 
Ritterorden. Die Zeit des Interreqnum8 muß durc< die 
Darſtellung von dem Sinken des kaiſerlichen Anſehens und 
der Steigerung der Fürſienmacht, ſowie von der Entartung 
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des Fehdeweſens und des Raubrittertums <arakteriſiert 
werden. Damit verbindet ſich zugleich ein Hinweis auf das 
Auffommen der Herren- und der Femgerichte. Die fortge- 
ſezten Kämpfe der Städte mit dem verderbten Adel ſind 
vorzuführen; e8 iſt zu zeigen, wie unter dem Schuß der 
Städtebündniſſe das aufblühende Bürgertum durch thatkräftiges 
Streben in Handel und Gewerk ſich mächtig entwi>elte, wie 
der Bürgerſinn erſtarkte, der Reichtum ſich mehrte und die 
Städte mit dem materiellen Aufſchwung die Pflege der Künſie 
und der Wiſſenſchaften begannen. Ein neues Moment in 
der Entwicklung des Verhältniſjes zwiſchen Reichsfürſten und 
Kaiſer iſt in der „Goldenen Bulle“ Karls IV. gegeben. 
Maximilians Einrichtungen des Reichskammergerichts, des 
Landknecht8- und Boſtweſens enthalten eine Fülle kulturge- 
ſchichtlich wertvoller Momente. Die Vorbereitung auf die 
Reformations8geſchichte erfordert größere Kulturüberchten. 
S3 iſt ein Bild zu entwerfen von den Zuſtänden auf kirch- 
lichem Gebiet, vom Aberglauben, der in ſeinen legten Kon) e- 
quenzen die ſcheußlichen Hexenprozeſſe veranlaßte, und von 
den die neue Zeit heraufführenden Entde&ungen und Exr-= 
findungen. Die Reformationsgeſchichte bietet Gelegenheit, 
im Anſchluß an Luthers LebenSbild das häusliche Leben und 
das bürgerliche Wohnhaus am Ende des Mittelalters zu be- 
ſchreiben, ſowie die Entwieklung der deutſchen Sprache und 
der deuty<en Schule weiter auszuführen. Auch iſt eine 
Schilderung von der Lage des Bauernitandes geiegentlich 
der Bauernkriege nicht zu umgeben, eben1owenig wie jpäter 
eine Charakteriſierung des Jeſuitenordens. Bei dem Dreißig- 
jährigen Kriege muß au?! die Entartung des Landsknechts- 
weſen3 und ihre Folgen eingegangen werden. Später geben 
die Leben2bilder des Großen Kurfürtien, Friedrich Wilhelms 1. 
und Friedrichs des Großen Gelegenheit, das Leben an den 
Fürſtenhöfen früherer Jahrhunderie vorzuführen und die 
Geſchichte des Heerwejens zu ergänzen. Das Zeitalter 
Friedrichs des Großen umraßt den Höhepunkt in der Ent- 
widlung des deutſchen GeiſieSlebens. Um die großartige 
geſchichtliche That der Stein-Hardenvergichen Reformen zu 
<harakterijieren. bedar? es einer Schilderung der Lage des 
Bürger- und Bauernſtandes am Ende des 18. Jahrhunderts. 
Wenn dann endlich die Geſchichte der neueren Zeit belebt 
wird durc< Vorführung von Einzelheiten aus den Wohl7ahrt3- 
beſtrebungen des 19. Jahrbundert38, ſowie aus den durc<> 
die Anwendung der Dampfkraft und der Elektrizität hoch- 
entwidelien Gebieten der Znduſtrie und de3 Verkehr5 und 
eine Darlegung der netten ReichSverfanung mit betonderer 
Betonung der ſozial-politiſchen GeJetgebung den Kurjus der 
Geſchichte abſ<ließt: fo haben ſich bei all dieſen Anknüpfungs- 
punkten 10 viele kulturgeſchichtliche Momente verwerten layjen, 
daß ein relativ vollſtändiger Überbli>d über die Entwiälung 
der deutſchen Verhältniſſe bis zur Gegenwart erzielt it. 
Um für die kulturgeſchichtlihen Ausführungen Raum 
zu gewinnen, muß natürlich viele3, was für die gejdichtliche 
Entwieklung nicht von nachhaltiger Bedeutung iſt, aus der 
Darſtellung zurü&treten oder ganz verjhwinden. Dahin 
gehören vor allen Dingen die Anekdotenſammlungen aus 
dem Leben einzelner geſchichtliher Perſönlichkeiten, die 
Detailmalereien gewiſſer Schlachten, alle überſlüſfigen Namen, 
Daten und Zahlen. Ebenſo wichtig aber iſt es zu dieſem 
Zwet, daß die wiederholt geforderte Verbindung des Zuſtänd- 
lichen mit dem Thatfächtichen überall fengehalten wird. 
Soviel wie irgend wöglich iit daher an all den 
genannten Stellen der kulturgeſ<ic<htli<Ge Stoff 
10 in die epiſche Darſellung zu verweben, daß 
der Übergang vom Erzählen zum Be]<hreiben 
thunlichſt unvermerkt vor fi< geht. Am betten 
wäre es, wenn Überhaupt alles Zuſtändliche nam der Weiſe 
Homers in ein Geſ<ehendes, alles Gewordene in ein Wer- 
dendes aufgelöſt werden könnte. Vielfach bietet die Geſchichte 
dazu Gelegenheit, wie Scholte*) an einem klaſtiſchen 
Beiſpiel nachweiſt. Wenn bei der Verteidignng Antiochias 
nieten wm 
 
Me CY = 
/ ei . «a . te 
O., Seite 22.
	        
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