Full text: Hamburgische Schulzeitung - 8.1900 (8)

Alle Redner des Abends, welche zu der Sache das Wort nahmen, 
ſtimmten darin überein, daß e8 Ehrenpflicht ves hamburgiſchen Staates 
ſei, der ein Budget von 90 Millionen habe, für die Witwen und Waiſen 
ſeiner Beamten in auskömmlicher Weiſe zu ſorgen. Die Frau eines 
Arbeiter8 -- ſo führte Herr Rafflenbeul aus -- bezieht nach dem Tode 
ihres Mannes von der Armenanſtalt mehr Unterſtüßung als die Witwe 
eines Beamten, welcher 1600 4. Gehalt gehabt hat. Während erſtere 
12><36 M4. = 432 M. Unterſtüzung erhält, muß ſich lehtere mit einem 
Fünftel von 1600 M. == 320 M. zufrieden geben. Obwohl die Stimmung 
der Bürgerſchaft augenſcheinlich für Erhöhung der Witwenpenſionen war, 
ſo wurde in der langen Beratung dieſe Frage faſt ganz außer Spiel 
gelaſſen. Man ſtritt vielmehr darüber hin und her, ob die Witwenkaſſe 
zu verſtaatlichen ſei oder nicht ! Bemerkens8wert waren die Ausführungen 
ves Sekretärs der Bürgerſchaft, Herrn Dr. Heyden, eines Gegners der 
Verſtaatlichung. Derſelbe war der Meinung, daß bei der Verſtaatlichung 
der Witwenkaſſe wenig Ausſicht vorhanden ſei, den langgehegten Wunſch 
der Bürgerſchaft und der Beamten, die Erhöhung, zu verwirklichen. Die 
nicht erfolgte Erhöhung iſt ſtets mit dem Hinweis auf die Finanzlage 
des Staates begründet worden. 
Das Ergebnis der Beratung war die Annahme des Ausſchußan- 
trages, der Witwenkaſſe die Hälfte ver Strafgelder zufließen zu laſſen. 
Außerdem wurde der Antrag Brandt angenommen, welcher den Senat 
um eine Vorlage zwecks Verſtaatlichung der Witwenkaſje erſucht. Kl. 
Vorleſungöweſen der Oberſchulbehörde. Vom Bureau 
der Oberſchulbehörde wird uns mitgeteilt, daß die Vorleſungen des Herrn 
Dr. Koch, Direktor3 des Statiſtiſchen Bureaus -der Steuer - Deputation, 
über Statiſtik der Wohnverhältniſſe, wegen Erkrankung des Herrn 
Docenten leider ausfallen müſſen; ebenſo ſallen aus, die Vorlejungen des 
Herrn Profeſſors Dr. Lihmann über Jbſens Dramen, deSsgleichen die 
des Hern Polizeidirektor8 Dr. Roſcher über die Kriminalpolizei und ihre 
Hilfsmittel. 
Schulwiſſenſchaftlicher Bildungsverein. 3. Arbeit3verſamm- 
lung am 10. Februar, abends 7*/2 Uhr. In einem lehrreichen Vortrage 
ſpricht Herr J. Drews über: Die Behandlung ſchwachbe- 
fähigter Kinder in der Hilfsſchule auf Grund praktiſcher 
Erfahrung.“ Im Anſchluß an den Vortrag zeigt Herr Drews an 
einer Anzahl Zöglinge der Hilfsſchule die Erfolge der mühevollen Arbeit 
an dieſen Kindern. Die zweiſtündige Beſprechung des Vortrages ergab 
die Billigung der Ausführungen des Redner. 
Das vom „„Verein Hamburger Volksſchullehrerinnen“ 
und der „Orts8gruppe des Allgemeinen deutſchen Frauenvereins“ zujammen- 
geſtellte Verzeichnis der hieſigen Wohlfahrtseinrichtungen iſt in dieſen 
Tagen den Herren Hauptlehrern zur Verteilung an die Konfirmandinnen 
zugeſtellt worden. 
Berichtigung. In Nr. 8 fehlt in vem Bericht über den Vortrag 
von Herrn Sieverts in Theſe 6 das Wort „obligatoriſch“; e8 muß 
alſo heißen: 6. Zur Zeit iſt dieſe Ginfügung in den Organismus der 
Schule obligatoriſ< nicht möglich, weil 2c. Chr. Gripp. 
Perſonalien. 
Beförderung zum 1. April 1900. Herr W. R. Göhring, 
Lehrer an der Volksſchule Am Borgeſch 15, und Herr J. Gätjens 11, 
Lehrer an der Volksſchule Capellenſtraße 5, werden zu Vorſchullehrern 
befördert. Göhring wird der Oberrealſchule Vor dem Holſtenthor und 
Gätjens der Realſchule in Eimsbüttel zugewieſen. 
Neuanſtellung vom 15. Februar 1900. 
mann an der Volksſchule Wielandſtraße 7. 
Abgang zum 31. März 1900. Frl. Paula Stave, Hülfslehrerin 
an der Volksſchule Roſenallee 11. (Grund: Verheiratung.) Frl. 
Frl. Auguſte Mähl: 
A. C. D. Mahnke, feſtangeſtellte Lehrerin an der Volksſchule Roſen- 
allee 37. (Ruheſtand). Herr Hauptlehrer W. P. Fi, 2. Marktſtraße 3. 
(Ruheſtand). Herr C. H. Th. Cortum, feſtangeſtellter Lehrer an der 
Volksſchule Humboldtſtraße 30. (Ruheſtand). Herr C. F. Werner, feſt- 
angeſtellter Lehrer an der Volksſchule Ausſchlägerweg 16. (Ruheſtand). 
Jrl. Bertha Becker, 3. Z. interimiſtiſch beſchäftigt an der Volksſchule 
Humboldtſtraße 30 a; vom 1. April 1900, Lehrerin an der Erziehungs- 
und Beſſerungs-Anſtalt, Ohlsdorf. 
Vom Landgebiet. 
Am 17. d. M. fand die zweite Vortrag8verſammlung des Lehrer- 
vereins für Geeſthacht und Umgegend ſtatt. Nach Erledigung 
des geſchäftlichen Teiles wurde vem Kollegen Heyden das Wort zu jeinem 
Vortrage „Äſthetiſche Bildung und Jugendſchriften“ erteilt. Referent 
hob im erſten Teil ſeiner Arbeit hervor, daß nach dem jehigen Stande 
der Pädagogik unſere Jugend wohl zu Denkern herangebildet, den 
Schülern eine möglichſt große Menge Wiſſen „anerlernt“ werde, daß aber 
die Ausbildung des Gemüts und mit ihr die künſtleriſche Bildung 
darunter leide: wir müſſen, darin gipfelten ſeine Ausführungen, unſer 
Volk zu edlem Genuß führen, es zur Genußfreudigkeit erziehen. Zm 
zweiten Teile ſeines Vortrages wandte Herr Heyden dies auf die häus- 
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- litterariſchem Genuß erzogen werden können. 
enam 
liche Lektüre der Kinder, die ihnen ja Genuß gewähren joll, auf die 
Zugendſchriften an und zeigte, durch was für Werke nur die Kinder zu 
Er vertrat ganz die 
Forderungen des Hamburgiſchen Jugendſchriften-Ausſc<huſſes. Nach Be- 
endigung des etwa einſtündigen Vortrages trat eine kurze Pauſe ein, 
worauf ſogleich über die vom Referenten aufgeſtellten Theſen die Debatte 
eröffnet wurde. Dieſe Theſen lauten : 
1. Der Erziehung zum Kunſtgenuß muß neben der moraliſchen 
und der intellektuellen Erziehung der ihr gebührende Plaß 
eingeräumt werden ;- . 
2. In den Dienſt der künſtleriſjchen Erziehung (der Erziehung 
zum litterariſchen Genuß) muß die Jugendſchrift in dichteriſcher 
Form geſtellt werden. Sie kann diejem Zwe nur dienen, 
wenn ſie ein Kunſtwerk iſt; 
3. Auch aus moraliſchen Gründen müſſen wir fordern: „Die 
Jugendſchrift in dichteriſcher Form muß ein Kunſtwerk fein.“ 
Alle anweſenden Mitglieder. ſtimmten darin überein, daß viel 
„Schund“ in der Jugendlitteratur zu finden ſei; alle halten eine 
Scheidung des Materials für durchaus notwendig; ein Teil der Ver- 
ſammlung meinte jedoch, die Prüfungskommiſſionen gingen zu weit, weil 
ſie das fünſtleriſche Prinzip zu ſehr betonen und jegliche Tendenz ab- 
lehnen, =- wie jede neue Bewegung, ſo falle auch dieſe Bewegung ins 
Extreme; der andere Teil ſtimmte mit dem Referenten durchaus überein. 
Nach einer faſt dreiſtündigen, ſehr anregenden, oft recht hizig geführten 
Debatte wurde Schluß beantragt. Von einer Abſtimmung über obige 
Theſen wurde Abſtand genommen. Hoffentlich wird dies nicht das lette 
Mal geweſen ſein, daß die Jugendſchriftenfrage in unſerm Verein 
erörtert wird. P. Lüdtke, Schriftführer. 
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Pädagogiſche Rundſchau. 
Nr. 2 des Evangeliſchen Schulblattes enthält zwei für 
Hamburg wichtige Aufſäße: 1) Über künſtleriſche Erziehung, 
Jugendlektüre und Volksſ<ule, worin bei aller Betonung eines 
fundamentalen Gegenſaßes doch warmes Verſtändnis und Anerkennung 
für Wolgaſt und Genoſſen zu Tage tritt; 2) Über den Hamburger 
Kampf um das Recht der Familie an die Schule, d. h. über 
Dr. Bornemanns Aufſäße in dieſer Schulzeitung, bezw. in ſeinem Hefte 
„Schule, Familie, Freiheit“, worin davon berichtet wird, wie jehr man 
ſich in dem ſo ho< entwickelten Selbſtverwaltungsſtaate durc< jene 
gröblichen Vernachläſſigungen ſelbſt ins Geſicht geſchlagen, und die 
„Herzliche Bitte an die Freunde der Schule“ (Nr. 4 der Schulzeitung) 
als der rechte Weg der Agitation begrüßt wird. 
Briefkaſten. 
Einige Vereinsberichte haben zurückgeſtellt werden müſſen, 
Bibliotheken 2c. 
Stadtbibliothek: Geöffnet von 10--4 Uhr und abends von 7--9 Uhr 
Seminarbibliothek, Grindelhof 80: 
Geöffnet jeden DienStag von 7--9 Uhr abends. 
Kommerzbibliothek, Börſenarkaden: 
Geöffnet täglich von 10--4 Uhr, 
Bibliothek der Geſellſchaft zur Beförderung der Künſte und nützlichen 
Gewerbe im „Patriotiſchen Hauſe“: 
Geöffnet täglich von 1--3 Uhr nachmittags. 
Lehrmittel-Ausſtellung der „Geſellſchaft der Freunde des vaterländiſchen 
Schul- und Erziehung3weſens“ ABC-Straße 37. 
Geöffnet werktäglich von 10--4 Uhr, Sonntags von 10--12 Uhr. 
Schulmuſeum des Schulwiſſenſchaftlichen Bildungsvereins. ABC.- 
Straße 37, jeden Sonnabend von 6,30--7,30 Uhr. 
Bibliothek des Schulwiſſenſchaftlichen Vildungsvereins. ABC-Str. 
Nr. 37. ptr., im Sommer jeden erſten Sonnabend im Monat, 
von 6,30--7,30 Uhr.
	        
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