Full text: Arbeiter-Jugend - 7.1915 (7)

 
  
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Berlin, 11. September 
 
 
 
  
Exrpeditton : Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H , Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
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1915 
 
Jugend und Politik. 
n feiner fünften Krieg8tagung beſchäftigte ſich der Reichstag 
J mit einer Angelegenheit, die in hohem Maße unſere freie 
ZSugendbewegung angeht. Unjeren Leſern, den Anhängern 
der Arbeiterjugendbewegung, wird es nod) in lebhafter Erinnerung 
ſein, welche Hinderniſſe ihren Beſtrebungen in der Zeit vor dem 
Kriege durc< den Politikparagraphen des VereinösSgeſeßes bereitet 
wurden. Dieſer Paragraph, der ſicbzehnte des Reichsvereins- 
geſe3es vom 19. April 1908, unterſagt bekanntlich jugendlichen 
Perſonen unter achtzehn Jahren die Mitgliedſchaft in politiſchen 
Vereinen und die Teilnahme an politiſchen Verſammlungen. Die 
Veſtimmung war ſeinerzeit nicht auf Anregung der Negierung, 
ſondern dur< die Bemühungen bürgerlicher Parteien des Roeich5- 
tag8 in das neue Verein3geſcß aufgenommen worden, troß der 
eindringlihen Warnungen der ſozialdemokratiſchen Fraktion, die 
ſchon bei der Beratung des Paragraphen all die üblen Wirkungen 
vorausfagte, die der Paragraph denn auch nach erlangter Geſeßes- 
Fraft in jo vollgerütteltem Maße auf die Geſtaltung eines der 
wichtigſten Zweige unſeres kulturellen Lebens, eben die Entwicke- 
lung unjerer Jugendbildungsbewegung, tatſächlich ausgeübt bat. 
Der Erfahrung von der Schädlichkeit des Paragraphen konnten 
fich ieließli< au< manche früheren Freunde des Politikpara- 
graphen nicht verſchließen, und ſo hat. denn der Reichstag jelber 
bereit8 vor einem Jahre den Verſuch gemacht, den Paragraphen 
wieder aus dem Geſeß zu beſeitigen. Leider verhält es ſich aber 
mit den Geſezen wie mit vielen anderen menſchlichen Maßnahmen? 
daß ſie leicht ins Leben zu rufen, aber ſchwer wieder abzuſtellen 
ſind. .Die Regierung gab den Wünſchen des Reichstags kein Gehör, 
und ſo blieb der Politikparagraph, auch nachdem der Reichstag im 
Jebruar 1914 den Beſchluß zu ſeiner Beſeitigung gefaßt Hatte, 
dem Reichövereinsgeſes erhalten. 
Es fam der Krieg und mit dem Krieg das große „Umlernen“ 
-- das Umlernen nicht bloß bei der Arbeiterſchaft, ſondern auch in 
manchen bürgerlichen Kreiſen. Die deutſche Arbeiterſchaft hatte 
gezeigt, daß ſie in der Bereitwilligkeit, die Heimaterde gegen den 
Anſturm der Feinde zu verteidigen, hinter keiner anderen Bevölke- 
* rungsſchicht zurücſtand, und daß die Zweifel, die manche ihrer 
politiſchen Widerſacher in ihre Vaterlandsliebe gejekt hatten, ganz 
unberechtigt geweſen waren. Auch über die Organiſationen der 
Arbeiterklaſſe galt es umzulernen. Der Organijationsgedanke 
ſelber hat ja in dieſem Krieg wahre Triumphe gefeiert; aller Waolt 
wurde aufs eindringlichſte vor Augen geführt, welchen ungeheuren 
Wert für das Zuſtandekommen jede8 großen Unternehmens dor 
planmäßige Zuſammenſc<luß und das ins einzelne geregelte ZuU- 
ſjammenarbeiten der Maſſen hat. Wer zweifelt daran, daß, wenn 
heute der alte Montecuccoli gefragt würde, was zum Kriegführen 
am unentbehrlichſten ſei, er nicht mehr ſein Sprüchlein vom Geld 
aufſagen, ſondern ohne Beſinnen antworten würde: „Organiſation, 
Organiſation und wieder Organiſation!“ Dieje heute ganz allge- 
mein durc<gedrungene Einſicht vom Wert der Organiſation iſt in 
der öffentlichen Meinung wie im Urteil der ſogenannten maß- 
gebenden Kreiſe natürlich auch der Arbeiterbewegung zugute ge- 
kommen, der Arbeiterbewegung, die al8 Gegenſtü> der militäri- 
ſ<en und der ſtaatlichen Organiſation die mächtigſte Organiſation 
des freien Zivilleben3 darſtellt. Darüber hinaus aber haben die 
Arbeiterorganiſationen, beſonders die Gewerkſchaften, durc< ihre 
(kürzlich hier geſchilderte) Hilfe bei der „Kriegsarbeit der Daheim- 
gebliebenen“, dadurc<, daß ſie ihre muſtergültigen Einrichtungen, 
alle ihre großen Mittel in den Dienſt der Geſamtheit ſtellien, dem 
Vaterland in den Kriegänöten unſchäßbare Dienſte geleiſtet und 
fich allgemeine Anerkennung erworben. In weiten Schichten der 
bürgerlicßen Geſellſchaft, ſoweit ſie der Arbeiterbewegung miß- 
trauiſch oder gar feindlich gegenüberſtanden, griff die Stimmung 
Rlaß, der der in voriger Nummer erwähnte Profeſſor FJörtter 
Ausdrud verlieh, als er =- dem Sinne naß = ſ<rieb: „Wie 
bitteres UnreHt haben wir all die Zeit den organiſierten Arbeitern 
getan! Wie haben wir ſie mißverſtanden! Und wie jehr jind 
wir verpflichtet, unfer Unrecht wieder gutzumachen!“ 
Einen wichtigen Schritt auf dem Wege dieſes wiedergutzu- 
machenden Unrechts hat in ſeiner lezten Situngsperiode der 
Reichstag getan, als er mit überwältigender Mehrheit den Beſchluß 
faßte, daß die Gewerlſchaften nicht mehr unter die politijchen Be- 
ſchränfungen des Vereinösgeſeßes fallen und damit von all den 
Scherereien und Hemmungen, die die irrtümliche Auslegung des 
Goſeßes ihrem fozialpolitiſchen Wirken bereitete, künftig befreit 
werden ſollen. In der Kommijſionsberatung, die dieſem Bejc<luß 
voranging, ſtellte der Vertreter der Regierung den Gewerkſchaften 
dicſes ehrende Zeugnis aus: 
„Die Reichsleitung iſt bereits in eine Prüfung der Frage einge 
treten, welche geſeßgeberiſmen Maßnahmen zu ergreifen fein werden, 
um den Gewerkſchaften, entſprecßend ihrer Bedeutung im öffentlichen 
und wirtſchaftlichen Leben, auf dem Gebiet2 des VereinSwejens Die 
nötige Freiheit zur Betätigung ihrer berechtigten wiriſc<aftlichen und 
Wohlfahrisbeſtrebungen zu ſichern, zumal die Gewerkſchaften jich vom 
Eeginn des Krieges an in uneigennüßiger und aufopfernder Weiſe in 
den Dienſt der Aufgaben geſtellt haben, die das Wohl des Vaterland25, 
ſeine äußere und innere Webrhaftmachung exbheiſcht.“ 
Damit iſt alſo zu hoffen, daß in der nächſten Stzungsper10de2 
des Reichstag3 die Gewerkichaften zu ihrem Recht kommen und 
ſozuſagen geſeklic<h anerfannt werden. 
Weniger günſtig ſind leider die AusSſichten unſerer Jugend- 
bewegung. Der Reichstag erneuerte zwar auch dieſes Mal jeinen 
int vorigen Jahr gefaßten Beſchluß, daß der „Jugendpolitik- 
paragraph“ aus dem Verein3geſeß zu entfernen ſei, aber die Mehr- 
heit, die den Beſ<luß faßte, war beträchtlich geringer, als Die 
Mehrheit jene3 Gewerkſchaft3beſchluſje2, während zudem die R2- 
gierung wenig Luſt bekundete, dem Beſc<luß beizutreten und =- 
wenigſtens in nächſter Zeit einen darauf bezüglichen Geſe8Be3- 
 
vorſchlag einzubringen. Dieſe Sachlage iſt, ni<t nur im Intereſſe 
unſerer Jugendbewegung, außerordentlich bedauerlich, und es exr- 
gibt ſich, daß das Umlernen, von dem in dieſen Kriegszeiten j9 viel 
die Rede iſt, ſoweit es fſiß auf die Arbeiterbewegung bezieht, do? 
noh nicht mit der wünſc<en8werten deutichen Gründlichfeit er- 
folgt iſt. Wäre e3 anders, ſo miißte, was im großen den Gewerk 
ſchaften als rec<t zuerkannt wurde, im kleinen der Zugendbewe- 
qung als billig gewährt werden. Auch in ihrer Jugendbewegung 
erfüllt die Arbeiterſchaft in „uneigennüßiger und aufopfernder 
Weiſe“ eine Aufgabe, „die das Wohl des Vaterlandes, ſeine 
außere und innere Wehrhaftigkeit erheiſcht“. Darüber liegen jo 
viele, hier ſhon häufig angeführte Zeugniſſe bürgerlicher Sach- 
verſtändiger, ſogar hober Beamter vor = wir erinnern nur an 
va8 Urteil des kürzlic<ß verſtorbenen badiſchen Kultu3miniſters --, 
daß es fich erübrigt, heute nochmals den ausführlichen Beweis für 
dieſe Tatſac<e anzutreten. Wir begnügen uns damit, einen 
anderen Geſic<t3punkt hervorzuheben, weShalb es zum mindeſten 
cin Gebot der Staats8klugheit wäre, die Arbeiterſchaft auch in ihrer 
Ingendbewegung von den Feſſeln des Verein3geſeße3 zu befreien. 
Wiederholt haben die oberſten Körperſchaften der dcutſchen 
Arbeiterklaſſe, haben Parteitage und Gewerkſchaftskongreſſe die 
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